Die Stepptänzer

Die Stepptänzer erobern die Welt in höllischem Tempo. Sie steppen sich die Wahrheit zurecht – und die Massen tanzen mit. Egal ob Religion oder Politik. Egal ob Wissenschaft oder Philosophie. Egal ob Gerechtigkeit oder Moral. Sie tanzen wunderbar auf der Klaviatur der Propaganda. Sie tanzen absolut alles in Grund und Boden. Die Stepptänzer haben es drauf. An ihnen kommt niemand vorbei. Sie stoßen jeden von der Tanzfläche, der ihren Rhythmus stört.
Sie verfeinern ständig ihre Kunst. Keine Macht wird sie aufhalten…

Sandburgen, Löcher in die Luft gucken und hübsche Supermarktkassiererinnen

Mit Sonne, Schnee und Matschbirne ins Wochenende. Der Rollladen auf Halbmast. Zu viel Licht am frühen Morgen. Sieht so aus, als hätte ich einen toten Punkt erreicht. Es gibt Menschen, die sich mit Putzen und anderen Hausarbeiten ablenken können… Ich dagegen schaue Löcher in die Luft – Löcher in die Raumzeit… Löcher und Tunnel sind faszinierende Gebilde. Als Kind spielte ich viel im Sand. Ich schob den feuchten Sand zu einem großen Haufen zusammen, klopfte ihn mit Hand und Schaufel fest und machte mich ans Tunnelgraben, bis der Sandhaufen irgendwann wie ein Schweizer Käse aussah. Es war eine spannende Sache, wenn man aus entgegengesetzten Richtungen aufeinander zu buddelte…, und schließlich die letzte Sandbarriere zwischen den Löchern einbrach, unsere Finger sich berührten. Manchmal fiel dabei leider die ganze Sandburg in sich zusammen – ein Bild, das sich mir auch metaphorisch tief einprägte in Hinsicht auf das „Buddeln/Graben“ nach Erkenntnis und Wahrheit: Kaum war ich zum „Licht der Erkenntnis“ durchgebrochen, fiel alles in sich zusammen. Ich erhaschte nur einen minimal kurzen Blick auf die „andere Seite“… Immerhin – das Suchen bzw. Graben nach der „Wahrheit“ ließ mich nie los – und wenn ich nur Löcher in die Luft gucke.
Das El Dorado liegt nicht in der Außenwelt, es ist in uns selbst vergraben. Sisyphos rollt ewig Steine den Berg hoch, und ich werde ewig Löcher buddeln. So oder ähnlich. Auch wenn es Tage gibt, an denen ich mich unglaublich leer und matschig fühle…

Nicht so viel Pathos, old boy, am Ende glaubst du noch, was du da zusammenfabulierst. Greife dir ein kaltes Bier aus dem Kühlschrank und denke an die hübsche Kassiererin im Supermarkt. Hat sie nicht ein bezauberndes Lächeln? … Ja, und auch sonst… Du wolltest doch heute einkaufen, oder nicht? … Dann setze halt die Sonnenbrille auf, wenn dich das Licht blendet. Mann o Mann! Mach hinne!

    

Kurzer Essay zu einfachen Wahrheiten und Wahrheitskonflikten in sich durchdringenden Bezugssystemen

Karl sagt: „Die Sonne lacht.“ Regine sagt dagegen: „Es regnet Hunde und Katzen.“
Wer von beiden hat recht? Einer muss die Unwahrheit sagen.
Nun wohnt Karl in München, und Regine ist in Hamburg, als sie ihre Aussage macht.
Beide sagen die Wahrheit, wie der Meteorologe bestätigt. Dies soll mir als einfaches Beispiel dafür dienen, dass wir ohne Kenntnis des Bezugssystems, in welchem eine Aussage getroffen wird, schwer beurteilen können, ob es sich um die Wahrheit oder die Unwahrheit handelt.
Wenn`s nur immer so trivial wie in diesem Fall wäre. Doch das Prinzip gilt allgemein: Bevor wir vorschnell etwas als Lüge/Unwahrheit abtun, müssen wir uns das Bezugssystem anschauen, das als Basis für die Aussage dient. So verstehen wir z.B., warum für den Wissenschaftler der Klimawandel stattfindet, während der Wirtschaftsboss und so mancher Politiker von einem Klimawandel nichts wissen will, wenn wir uns die unterschiedlichen Bezugssysteme anschauen, in denen die Aussagen getroffen werden. Das Ergebnis ist auch in diesem Fall noch relativ einfach: Ich glaube dem Klimaforscher, weil er von Berufs wegen die objektivste Aussage treffen kann. Haarig wird es aber, wenn der Wirtschaftsboss zudem Klimaforscher ist, oder der Klimaforscher von dem Wirtschaftsboss bezahlt wird. Es ist nun die Frage, welches Bezugssystem übermächtig ist. So bekommt in der Regel derjenige das Monopol auf die Wahrheit, der über den größten Einfluss (durch Macht und Geld) besitzt. Insgeheim rebellieren wir vielleicht gegen die uns vorgesetzten Wahrheiten. Aber das ist nicht mehr als ein Schiss in den Wind, wenn eine Mehrheit von Menschen aus Angst oder Opportunismus die falschen Wahrheiten glauben will. Wie wir aus dem Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ und den Fall des Galilei Galileo nicht erst seit gestern wissen, ginge eher ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass die Mächtigen ihr Wahrheitsmonopol aufgäben.
Wir sehen also: Für den Hausgebrauch reicht es aus, wenn man sich deutlich macht, welche Bezugssysteme Aussagen zugrunde liegen. Wir können dann mittels einer objektiven Einschätzung (z.B. durch den Meteorologen) den Wahrheitsgehalt erkennen.  Wenn es aber nun um Wahrheiten geht, die den Mächtigen nicht in den Kram passen, muss man verdammt aufpassen, dass der gesunde Menschenverstand nicht aufs Glatteis geführt wird. Nun greifen Werkzeuge wie Propaganda und Einschüchterungen, Fakten werden manipuliert, Menschen gekauft…  Es wird gelogen, dass sich die Balken biegen, so dass man am Ende nicht mehr weiß, wo vorne und hinten ist. Wenn nun alle lügen, wem ist noch zu trauen? So vieles passiert auf der Welt, und wir werden nie die ganze Wahrheit dazu erfahren.
Ich schätze, das müssen wir aushalten. Herumspinnen zaubert die Wahrheit auch nicht her. Am Besten gar nicht mehr hinhören – wenn doch: niemals seinen kritischen Verstand ausschalten. Das sind wir uns und dem Geist der Aufklärung schuldig.

Apropos: Hier in Berlin lacht die Sonne.



Durchgezogen

Von Kindheit an tendiere ich zum Einzelgänger. Ich finde das Gebaren meiner Mitmenschen bis heute seltsam und fremdartig*. Zum Beispiel reden viele viel zu viel. Und ich verstehe nicht, was sie reden, oder was sie meinen. (Ich hebe nicht auf die vielen Ausländer ab, sondern auf jene, die die gleiche Sprache wie ich sprechen.) Dann die ständigen Wiederholungen… Auch kann ich übertriebenen Ehrgeiz und Großkotzigkeit nicht leiden. Ich mag z.B. diese künstlich aufgebauten Konkurrenzen in Beruf und Sport nicht. Ich mag ebenso nicht die Konkurrenz, die sich über das Haben definiert. Ich habe mehr als du – Ätsch! – oder ich habe etwas, was du nicht hast. Schule und Beruf sind mir wegen des Leistungsdrucks und Konkurrenzdenkens ein Gräuel. Dazu kommen Hierarchie, Fremdbestimmung und Unfreiheit. All das sind Sachen, die in mir Widerwillen erzeugen. Mal mehr, mal weniger. Seit ich denken kann. Während die anderen in Grüppchen kungeln und ihren Leitwölfen huldigen, ziehe ich mich zurück. Meistens werde ich in Ruhe gelassen. Übergriffigkeiten wie Mobbing gegen meine Person erlebe ich selten. Wenn ich Freundschaften entwickele, dann meist mit anderen Außenseitern. Ganz selbstverständlich stehe ich zu den Benachteiligten und Schwachen in der Gruppe. Ich halte mich gern zurück, aber Ungerechtigkeiten und offensichtliche Bösartigkeiten bringen mich auf die Palme. Ebenso verabscheue ich Lüge und Betrug. Meine abstrakten Lieblingsbegrifflichkeiten sind Wahrheit, Freiheit, Liebe und Gerechtigkeit. Leider erscheint mir die gegenwärtige Welt eher gegenteilig erfüllt von Unwahrheit, Unfreiheit, Hass und Ungerechtigkeit. Dazu eine auf die Spitze getriebene Informationsgesellschaft, welche nicht orientiert, sondern desorientiert… Nun kenne ich es nicht anders, als mir zu allem meine eigenen Gedanken zu machen. Ich bin ein waschechter Eigenbrötler. Wer mich in irgendeiner Weise geistig beeinflussen will, muss schon verdammt gut sein. Dämonisch gut. Dummerweise habe auch ich Schwachpunkte. Da ist zum einen die Liebe… Außerdem mag ich schöne Dinge. Und schließlich und endlich schlucke ich zu viel C2H5OH. Es kann also passieren, dass ich einer Lady verfalle, die mir absolut nicht guttut, oder dass ich mir etwas Schönes kaufe, was ich nicht wirklich brauche, oder dass ich zu oft einen über den Durst trinke. So viel Ehrlichkeit muss sein.
Im Großen und Ganzen bin ich mit mir zufrieden. Ich setze mich so wenig wie möglich unter Druck. Das besorgt zur Genüge das gesellschaftliche Pflichtgefüge – am stärksten spürbar durch die Erwerbsarbeit mit ihren Zwängen… Ätzend! Drum nahm ich mir mal wieder einen Tag frei. Statt im Büro vor zwei Bildschirmen hockend stundenlang Tumoren zu dokumentieren, tippe ich gerade zuhause diesen Beitrag, der direkt aus mir kommt, weil ich gern schreibe, – aus Interesse an der Weltseele, meinem Bewusstsein und dem Dasein. Ein paar Stunden Freiheit erkauft mit einem Urlaubstag.
Zeit, meinen Schwächen zu frönen. Der einen oder anderen.

 

*als fremdartig empfinde ich auch einige Gewohnheiten, Traditionen und Rituale meiner Mitmenschen wie Weihnachten, Ostern, Fasching, Halloween, Silvester etc.

 

Das Lächeln

Auf der Zugfahrt von Rostock zurück nach Berlin hatte ich ein Erlebnis, das mir nicht aus dem Sinn geht. Ich will es aufschreiben, solange die Erinnerungen daran noch relativ frisch sind. Schließlich verfremdet die Zeit alles, angenehme wie unangenehme Ereignisse. Die Erinnerungen daran verblassen und werden ungenau. Wir neigen dazu, die Lücken mit Erfundenem zu füllen und auszuschmücken. Wir zimmern uns unsere Erinnerungen nach Gutdünken zurecht, vor allem jene, in denen wir schlecht abschneiden. Das ist allzu menschlich. Mit der Wahrheit halten wir Menschen es nicht so. Oft steht Aussage gegen Aussage. Ein Ringen um die Wahrheit ist dann sinnlos. Gerade in zerstrittenen Beziehungen erlebt man oft völlig konträre Sichtweisen, wie es zum Zerwürfnis kam. Die Frau wirft dem Mann vor, dass er sie nicht liebte und vernachlässigte; und der Mann wirft der Frau Lüge und Betrug vor. Shit happens. Als Gehörnter bleibe ich freilich bei meiner Sicht der Dinge. Was erzählt die Frau da für einen Unsinn?! Sie will nur vor sich selbst gut dastehen.
Ich ging die Rückreise gemütlich an. Im Rostocker Bahnhof besorgte ich mir drei Dosen Gin Tonic. Der Regionalexpress stand bereits eine halbe Stunde vor der Abfahrt auf dem Bahngleis. Ich ließ mich mit meinem Faltrad im noch menschenleeren Fahrradabteil nieder. Langsam trudelten immer mehr Reisende ein, darunter auch ein junges Paar mit Kind. Unwillkürlich beobachtet man seine Mitreisenden und stellt zu ihnen Überlegungen an. Der kleine Junge mochte 4-5 Jahre alt sein, die Eltern Mitte-Ende Zwanzig. Sie setzten sich mir gegenüber. Was mir gleich auffiel, dass zwischen Mann und Frau zwei Plätze Abstand blieben. Als der Zug anruckte, war er voll besetzt mit Fahrgästen. Ich hörte über Ohrstöpsel Musik und trank Gin Tonic. Eine gute Kombination, wie sich herausstellte. Ich entspannte bei den Tönen meiner Lieblingslieder. Ich fühlte mich wie in einem anderen Raum. Immer wieder blickte ich zu der jungen Frau hinüber. Der Vater spielte inzwischen hingebungsvoll mit dem Kind, während die Mutter* stoisch auf ihrem Sitz ausharrte. Hörte sie auch Musik und wirkte deswegen so abwesend? Ihre langen Haare verdeckten womöglich das Kabel. Sie schaute ohne wesentliche Gemütsregung stur geradeaus. Nach Familienharmonie sah das nicht aus. Ich zweifelte schon, ob sie überhaupt zusammengehörten. Aber sie waren doch zusammen hereingekommen. Die verschiedensten Erklärungen kamen mir für das merkwürdige Verhalten in den Sinn. Der Sohn schien des Vaters ganzer Stolz zu sein. Daran gab es nichts zu deuteln. Die beiden waren ein Team. Vielleicht hatte die junge Frau Depressionen oder andere psychische Probleme. Oder Mann und Frau waren einfach nur zerstritten. Vielleicht war sie ein Geist, und nur ich sah sie. Blass war sie. Ich spürte ihre Einsamkeit und entwickelte mehr und mehr Mitgefühl mit ihr. Ich nahm sie in Gedanken zu mir in meinen Raum, und sie konnte meine Musik hören und fühlen, was ich fühlte. Nach ca. eineinhalb Stunden Fahrt packten Vater und Sohn ihre Sachen zusammen. Beim nächsten Halt würden sie aussteigen. Gespannt blickte ich auf die Frau. Ich konnte nicht anders und lächelte sie an. Und sie lächelte zurück, – überglücklich, wie mir schien. Mein Gott, wie mich ihr Lächeln berührte! Der Zug hielt, und die Frau trottete Vater und Kind hinterher auf den Bahnsteig. Ihr glückliches Lächeln begleitete mich auf der weiteren Zugfahrt. Ich genoss meine Musik und den Rest Gin Tonic, bittersüß.
Nun weiß ich nicht, ob sich alles haargenau so abspielte, wie ich es hier schilderte. Sicher hatte jeder meiner Mitreisenden einen anderen Blick auf die Szene. Für mich lag Magie in dieser Begegnung: Zwei einsame Herzen, die kurz zueinanderfanden, um sogleich wieder auseinanderzudriften. Die Wahrheit liegt im Auge des Betrachters, wie man so schön sagt. Ich liefere damit eine kleine Weihnachtsgeschichte nach. (Scheiß Sentimentalität.)

*ich schätze schon, dass sie die Mutter war, weil das Kind ihr ähnlicher sah als dem Vater