Gespräch unter Brüdern

Wenn du die Welt zum Guten verändern willst, musst du selbst aktiv werden, dich politisch oder gesellschaftlich engagieren.
Meinst du, das wüsste ich nicht? Wie soll ich aber in einer Welt, wo Geld und Macht bestimmend sind, in eine Position gelangen, in der ich wirklich etwas bewirken kann?
Indem du schon dort etwas veränderst, wo du lebst. Du kannst bei dir anfangen. Und schließlich als Vorbild für deine Mitmenschen wirken.
Bitte sei realistisch! Wie viele Menschen haben in diesem Sinne das Zeug dazu, Heilige zu werden? Ich sicher nicht.
Niemand muss zum Heiligen werden. Fange z.B. einfach mal mit vegetarischer Ernährung an, trinke weniger Alkohol und begegne deinen Mitmenschen mit Freundlichkeit und Toleranz, statt mit Missmut.
Unmöglich!
Aber warum? Versuche es…
Nö. Ich will eigentlich so bleiben, wie ich bin.
Aber die anderen sollen sich verändern?
Okay, du hast mich erwischt. Wie kann ich von anderen Menschen eine Veränderung verlangen, wenn ich selbst nicht bereit bin, mich zu verändern… Klar wie Kloßbrühe das.
Eben. Darum geht`s. Aufeinander zugehen. Nicht immer die Gegenseite in die Pflicht nehmen. Bewege dich und erwarte nicht nur die Bewegung bei deinem Mitmenschen. Das sind gute alte Weisheiten.
Die aber nicht viel Erfolg zeitigten, wenn ich mir die Menschheitsgeschichte so anschaue. Oder?
Ja, der Mensch ist in der Tat ein schwieriger Fall. Aber deswegen die Hoffnung aufgeben? Damit verschlimmern wir nur alles, weil wir denen in die Karten spielen, die unsere Welt unmenschlich machen wollen.
Trotzdem. Diese Aasgeier werden immer obenauf sein. Die können wir mit einem Furz Gutmenschentum nicht zu Fall bringen. Die selbstgefälligen Krösusse in den Schaltzentralen der Macht, egal ob in Wirtschaft oder Politik, kriegen wir niemals klein.
Vielleicht geht es gar nicht darum, sie zu Fall zu bringen, sondern die Welt einfach dort, wo man ist, ein klein bisschen besser zu machen.
Aha! Ich soll mich also weiterhin ducken und muss meinen Unmut über die Zustände runterschlucken?! Soll ich mit meiner Meinung hinterm Berg halten bei Missständen, wie ich sie z.B. damals als Altenpfleger erlebte? Und dabei ging es nicht um weitentfernte Dinge, sondern um Geschichten, an denen ich unmittelbar beteiligt war. Selbst dort fühlte ich mich ohnmächtig. Vielleicht war ich auch einfach zu schwach…
Ich sagte nicht, dass es leicht ist.
Danke. Super. Ich bleibe mal beim Beispiel Altenpflege, weil ich glaube, mich da ein wenig auszukennen…, also in Bezug auf die letzten ca. 30 Jahre und die ganzen Diskussionen um Pflegenotstand und Missstände in der Pflege in dieser Zeit… Moment, ich muss mal kurz Luft holen!
Nein. Entschuldige. Das Thema habe ich eigentlich beerdigt. Weißt du, warum? Weil ich kotzen muss, wenn ich daran denke!!
Das tut mir leid. Ich bin sicher, dass du ein guter Altenpfleger warst.
Wie bitte?!? Ich war ein scheiß Altenpfleger. Ich konnte nichts an den Verhältnissen ändern. Stattdessen machte ich jahrelang mit. Jawohl, ich war ein Mitläufer, ähnlich wie viele Menschen im Dritten Reich, die zwar Kacke fanden, was die Nazis machten, aber nie offen aufbegehrten. Kann ich ihnen auch nicht verdenken bei dem, was sie erwartet hätte. Und was hätte mich erwartet, wenn ich damals die schlimmen Sachen, die ich miterlebte, nach Außen getragen hätte? Es hätte mich (nur) meinen Job gekostet… Ich soll ein guter Altenpfleger gewesen sein?
Du wolltest dort etwas bewirken, wo du warst. Du wolltest von innen heraus etwas ändern. Bestimmt mochten dich die Alten.
Ich war zu schwach. Ich machte mich mitschuldig. Lassen wir das Thema.
Wir Menschen müssen schlimme Dinge erleben, um innerlich zu reifen. Ich habe Respekt vor dem, was du als Altenpfleger geleistet hast. Viele Menschen würden den Hut vor dir ziehen.
HA-HA. Entschuldige, dass ich laut lachen muss.
Du bist verbittert.
Gut möglich.
Vielleicht kann dir Gott Trost geben.
Gott?
Ja, Jesus Christus, sein Sohn, der für uns am Kreuz starb und uns unsere Sünden vergab.
Ist das dein Ernst?
Mein Bruder, du bist zurzeit einsam, quälst dich mit Selbstvorwürfen und hast kein wirkliches Zuhause mehr… Gott hat immer ein offenes Ohr für dich. Du kannst ihm alles sagen. Und unsere Gemeinde wird dich voller Güte in die Arme schließen.
Scheiße. Ich glaube, wir beenden an diesem Punkt besser das Gespräch. Ich komme schon klar. Ich habe nichts gegen Gott und Jesus. Aber…, sei mir bitte nicht böse, ich gehe lieber in den Puff oder in die Kneipe als in die Kirche. Ich brauche nichts als die Wahrheit, und die sehe ich Tag für Tag auf der Straße. Und, wie`s aussieht, ist die Wahrheit verdammt hässlich, aber das macht nichts. Das habe ich nun erkannt. Danke… – danke fürs Gespräch.
Gott ist mir dir, Bruder.

Zeit für die Wahrheit

Mir ist klar, dass die Wahrheit oft unbequem ist. Viele werden sie nicht hören wollen. Andere wiederum ahnten die Wahrheit sicher und werden nicht besonders überrascht sein. Bestimmt aber werden die meisten aus allen Wolken fallen. Sei`s drum. Meine Wahrheitsliebe verpflichtet mich dazu, Euch hier und jetzt mitzuteilen, was Sache ist.

Nein, das ist keine Show. Vor zwei Stunden, fünf Minuten und 23 Sekunden wurde mir aus sicherer Quelle die Wahrheit aller Wahrheiten zugespielt. Fragt mich nicht, warum ausgerechnet ich auserwählt wurde. Ich bin nur ein simpler Informant. Ich habe mich nicht um diesen Job gerissen. Auf der anderen Seite gehöre ich zu denen, die es schon lange ahnten.

Ehrlich gesagt weiß ich nicht, ob es eine gute Idee ist, wenn ich Euch die Wahrheit einfach so aufs Brot schmiere. Was sollte sich danach ändern? Die Mehrheit wird mich für verrückt erklären. Kann ich sogar gut verstehen. Aber da ich weiß, dass es die Wahrheit ist, werde ich nicht davon abrücken. Seid ihr also bereit?

Okay. Die Wahrheit ist… Wie jetzt?… Ich soll nicht mehr?!?… Wieso, verdammt!?… Aber Du sagtest… Scheiß Spiel!… Das lasse ich nicht zu!… Nein, auf keinen Fall… Ich sage jetzt die Wahrheit!!… Fuck!… Wieso soll das plötzlich nicht mehr die Wahrheit sein??… Verarschen kann ich mich selbst!… Noch nicht der richtige Zeitpunkt?…

Entschuldigt. Wir verschieben das. Ich kenne mich nicht mehr aus. Gott und Teufel. Sie lassen mich im Regen stehen mit der Wahrheit. Kalt abserviert. Bestimmt Methode. Passt nur auf – ich bin sicher nicht der einzige, den sie linkten und noch linken werden. Dabei erschien es mir echt plausibel: Die Welt ist die Hölle, und wir verdienen es, hier zu sein…

Am Tellerrand

„Universum könnte laut neuer Studie ein Hologramm sein“ – ich tauche in den Artikel ein. Dass die Wirklichkeit noch ein anderes (grundlegenderes) Gesicht haben muss, ist mir schon lange klar. Auch wenn ich es wissenschaftlich nicht nachvollziehen kann, finde ich die Vorstellung inspirierend. In poetischer Sprache würde ich sagen: Das Nichts schwitzt.
Begreifen lässt es sich nicht einfach, aber wir könnten einen großen Schritt weiterkommen in der Erforschung des Universums und seinen Erscheinungen. Wir Menschen sind selbst eine höchst bemerkenswerte Schöpfung in diesem Panoptikum von Materie und Energie. Wir beugen uns mittels unseres Geistes über den Tellerrand der uns eigentlich angewiesenen Wirklichkeit hinaus. Dies machen wir längst schon spirituell und nun auch wissenschaftlich im Versuch, Erklärungsmodelle für das Dasein der Welt zu finden.
Faszinierend an der Hologramm-Theorie erscheint mir als Laien, dass sie nicht immer weitere Dimensionen ersinnt, sondern die von uns wahrgenommene Raumzeit mit ihren dreidimensionalen Konstrukten aus dem Informationsgehalt einer Fläche generiert. Darum die Analogie zu der uns bekannten Hologramme, z.B. auf Scheckkarten. Die wissenschaftliche Denke natürlich ist unendlich komplizierter.

Ich liebe Vereinfachungen und Abstraktionen. Fühle mich sowieso wie ein Krabbeltier in einem verdammten Versuchslabor. Ich flitze durch ein Labyrinth aus Pappwänden und habe die irre Vorstellung, dass hinter diesen Wänden eine ganz andere Welt liegt, die wir nicht sehen dürfen oder sollen. Wahrscheinlich würde der ganze Versuchsaufbau zusammenbrechen, wenn wir ein Loch durch eine der „Wände“ bohrten.

Als Kleinkind spielte ich gern in der Sandkiste und grub wie wild Tunnel durch die Sandhaufen. Ich fand es spannend, mich ins Ungewisse zu buddeln. Ganze Labyrinthe durchzogen den Sandhaufen…, bis er schließlich so ausgehöhlt war, dass er über meinem grabenden Ärmchen zusammenbrach. Mir prägte sich dieses Bild des Tunnels ein, der just in dem Moment einstürzt, wenn man auf die andere Seite durchstößt. Zu kurz, um wirklich zu sehen, was dahintersteht, aber lange genug für einen Schauer der Erkenntnis. Dieses Gefühl lässt mich bis heute nicht los. Eine Mischung aus Faszination und Vergeblichkeit, eine Mischung aus Lust und Schmerz, – aus kurzem Gewinn und absoluter Verlorenheit…

Ich las diesen Artikel und empfand ähnlich: ein kurzes Aufblitzen der Wahrheit, aber nicht lange genug, um es festzuhalten.

Im Spinnennetz der Wahrheit

Man könnte sagen, ich bin vom Typ „Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß“. Doch diese Strategie lässt sich nicht ein Leben lang durchhalten. Wenn ich dann was weiß, kann ich es nur noch schwer ignorieren. Ich dachte immer, allen Menschen ginge es so oder ähnlich. (Wir schließen zu gern von uns auf andere.) Sehr wahrscheinlich ist es aber so, dass meine Mitmenschen unterschiedliche Strategien im Umgang mit ihrer Wahrnehmung, ihrem Wissen und ihrem Leben benutzen. Häufig treffe ich auf den Typen, der das, was er weiß, je nach Lebenslage ignoriert oder sich die Fakten passend schustert. Keine so üble Vorgehensweise in einer Welt, die fürs Überleben und Weiterkommen von uns eine große Anpassungsfähigkeit verlangt. Ich dagegen hänge verzweifelt in dem Spinnennetz der Fakten und sich daraus ergebenden Fragen fest. Ich glaube tatsächlich an sowas wie die Wahrheit – auch wenn sie alles andere als gut aussieht. Genau genommen ist die Wahrheit die Spinne, die mich einwickelt und langsam auffrisst. Der Pragmatiker und Opportunist schüttelt angesichts meiner Sturheit nur den Kopf: „Siehst du nicht, was du dir damit antust? Du manövrierst dich hoffnungslos ins Aus. Das Leben ist kein Spiel, aus dem man einfach aussteigen kann. Du akzeptierst die Regeln oder verlierst. Gefällst du dir als Loser?“
Der Pragmatiker und Opportunist, ich werde ihn der Kürze wegen Realo nennen, hat immer Recht. Er beherrscht das Spiel und ist der geborene Gewinner. Er beruft sich auf das Recht des Stärkeren. Was soll man ihm entgegnen? Ich stemme mich aus purem Trotz gegen seine Dogmatik: „Kann schon sein“, sage ich, „du hast verdammt recht – aber das Leben ist kein scheiß Spiel! Ich will nicht so sein wie du…, wie alle! Eure Welt kotzt mich an!“
Der Realo grinst breit, aber in seinen Augen sehe ich aufrichtige Traurigkeit: „Schade. Du bist kein übler Typ. Ich mag dich. Es ist doch gar nicht so schwer, wie du denkst. Die Welt wartet auf dich. Du kannst noch so viel erleben! Schmeiße nicht alles weg! Verwende lieber deine Energie, um wirklich etwas zu bewegen, und renne nicht gegen Windmühlen an.“
Ich spüre, dass er mich argumentativ an die Wand gefahren hat. Was soll ich erwidern? In meinem Kopf nur Nebel. Mein Standpunkt löst sich in Wohlgefallen auf. Ich schnappe mir ein Bier aus dem Kühlschrank, öffne die Flasche und feuere den Kronenkorken wütend in den Müll.
„Lass mich doch in Ruhe!“ rufe ich in übler Trinklaune, „was wollt ihr eigentlich von mir?!? Darf ich nicht einfach sein, wie ich bin?!“
In meinem Kopf hallt der Satz nach: Darf ich nicht einfach sein, wie ich bin?! – Darf ich nicht einfach sein, wie ich bin? – Darf ich nicht einfach sein, wie ich bin?!… Der Gerstensaft zwitschert aus dem Flaschenhals in meine Kehle. In der Welt gibt es keinen Platz für Träumer, nur für Realos und ihre dunklen Gesellen. So ist es nun mal. Entweder man verkauft seine Seele dem Teufel oder versäuft sie.