Wie wäre das?

Da Demonstrationen gegen alles Mögliche en vogue sind:
Ich wünsche mir eine Demonstration gegen gesellschaftliche Vorurteile gegenüber Alkoholikern und anderen Suchtkranken. Selbst wenn nur ein Teil der von Sucht Betroffenen kämen, sollte es einen ganz schönen Menschenauflauf geben. Mehr als 20 Tausend in jedem Fall – oder?

(Lt. Statistik gibt es in Deutschland mindestens 3,5 Millionen Suchtkranke, davon etwa die Hälfte Alkoholiker(innen).)*

 

*dazu kommen noch die vielen Spielsüchtigen

So ist er

Meine Bürokollegin zieht mich bei jeder sich anbietenden Gelegenheiten damit auf, dass ich jeden erstmal in Schutz nehme. Sie dagegen hetzt schon mal gern gegen andere Hühner, weil die aus ihrer Sicht schlecht arbeiten. Vielleicht kann sie das aus ihrer Erfahrung heraus besser beurteilen als ich. Ich rutsche dann schnell in die Position, dass ich sage „Jeder macht mal Fehler“ oder „Vielleicht hatte sie einen schlechten Tag“ oder „Sie macht das doch nicht absichtlich“. Dass meine Kollegin nicht nur sachlich, sondern vor allem emotional wertet, merke ich daran, dass sie sich über den Mist, den ich baue, nicht aufregt – im Gegenteil findet sie noch vor mir Entschuldigungen für meine Fehler. So nimmt sie jene Personen in Schutz, die sie mag, kritisiert aber übermäßig jene, die nicht zu ihrem Dunstkreis gehören.
Ich mag eine solch sympathiegeleitete Grüppchenbildung am Arbeitsplatz nicht. Sowas schafft nur Unruhe und Feindschaft. Muss das eigentlich sein, dass es in größeren Gruppierungen immer diese Aufspaltungen mit den damit verbundenen Animositäten gibt? Wenn ich merke, dass Vorurteile mit im Spiel sind, steuere ich automatisch dagegen. So war ich schon immer. In der Schule hielt ich zu den Außenseitern, wurde zwischenzeitlich selbst zu einem. Aber ich biss mich irgendwie durch. Zum regelrechten Mobbing-Opfer wurde ich nie. Im Großen und Ganzen habe ich das Gefühl, dass man mich als Person meist respektiert.

Ab und zu redet man auf Arbeit auch mal über gesellschaftliche Themen. Gabi, echt Berliner Schnauze und von uns geachtete Kollegin, war gerade zum Plausch. Es ging um die Flüchtlinge, die nach Europa und insbesondere nach Deutschland strömen, und ich machte meiner Meinung Luft. Ist es nicht unsere christliche und zivilisatorische Pflicht, Menschen in Not Asyl zu geben? Stattdessen nehmen wir es hin, dass diese Menschen an den europäischen Außengrenzen abgewiesen oder unter dubiosen Umständen zurückgebracht werden. Wir nehmen es hin, dass jeden Tag Menschen quasi vor unserer Haustür im Mittelmeer ersaufen. Was ist nur mit unseren Werten?
Meine Kollegin und Gabi schauten sich kurz an und lachten. „So ist er“, meinte meine Kollegin lapidar. Ich schwieg und setzte meine Tumordokumentation fort. Alles Todesmeldungen.