Alte Wege

Aus dem Homeoffice-Tran in die Wochenendmelancholie, der Rollladen auf Halbmast… Ich treibe dahin mit meiner Lieblingsmusik im Rücken. Das Hochladen auf YouTube Music dauerte zwei Tage und Nächte. Viele der Songs wecken alte Erinnerungen. Ich hörte sie lange nicht mehr. Streicheleinheiten für das geschundene Herz.
Ich will tanzen – ich will malen – schwerelos – fern von allen Ängsten – durchflutet vom wonnigen Gefühl der Liebe…
Ich sitze am Schreibtisch und träume mich durch einen milden Sommertag. Ich gehe im Geiste alte Wege. Ich will den Verstand ausschalten. Ich will neben dir liegen.

Das Fenster steht auf Kipp. Ein lauer Lufthauch berührt meinen Nacken. Ich denke zurück an meinen dementen Vater, als er hinter mir stand und zärtlich meinen Nacken anfasste, wie er es in seinem ganzen Leben nie getan hatte…
Wenn der Fluss zum Strom wird und schließlich ins Meer mündet, wird er sanft und verliert seine Ufer. Das Herz fließt hin zum Horizont.
„Alles Gute für deine Reise!“ rufe ich ihm hinterher.
Ich sitze am Schreibtisch und starre auf den Monitor des Notebooks, auf die Worte, die ich schreibe. Meine Lieblingsmusik im Rücken. Und das Leben vorm Fenster.

 

Damals unsere Liebe

Deutscher Sohn

wenn ich dich liebte
so direkt aus meinem Herzen
wie die Lieder der Brüderschaft
die Einheit der Kinder Hand in Hand
wie der Flug der Schwalben
die dicken Schneeflocken
wie die Regentropfen
und wenn die Worte nicht mehr ausreichen
wenn ich wie die Wolken weine
dieser Himmel, diese Sonne gehören uns

wenn ich dich liebte
wie der Tod des Führers
schau mir ins Gesicht
schau mir tief in die Augen
meine Haare sind schwarz, meine Haut ist weizenbraun
mein Blick ist kaffeeschwarz
meine Hände werden blau in deinen Augen
die Lippen, wie reife Kirschen an den Ästen
los! Küss mich im Namen der Liebe …

(Frau M., 2006)

Dein Gedicht. Deine Liebe. Du wirst immer in mir bleiben.

Nichts ist, wie es scheint

Ich träumte von Costa, meinem Lieblingsgriechen (in meiner alten Heimat). Im Traum war er allerdings Italiener, der das beste Tiramisu ever machen konnte. Das Tiramisu stellte sich im Traum dann als belegte Sandwiches heraus bzw. Baguette-Brötchen, auch unter La Flute bekannt. Süßspeisen mag ich eh nicht. Jedenfalls stand Costa in Rivalität mit einem Franzosen. Dessen belegte Sandwiches waren zwar nicht annähernd so gut, aber er konnte sie besser anpreisen und verkaufen; und so gewann der Franzose den Wettbewerb. Ich war wütend, denn nichts hasse ich auf der Welt mehr als solche zum Himmel schreienden Ungerechtigkeiten. Ich hätte es Costa gegönnt. Nicht umsonst war er mein Lieblingsgrieche, respektive -Italiener…
Was wollte mir dieser Traum nur sagen?
Vielleicht: Ich habe Appetit auf ein lecker belegtes Sandwich, und nichts ist, wie es scheint.

Viele Nachmittage verbrachte ich damals in Costas Gaststätte an der Bar und trank. Ich kann mich nicht erinnern, bei ihm jemals gegessen zu haben. Doch: Ab und zu bestellte ich Gyros zum Mitnehmen. Unglaublich, was man sich im Suff alles reinhaut… Das waren die Neunziger. Ich pendelte 30 Kilometer zwischen Wohnung und Altenheim, wo ich in einer Dachmansarde hauste, um nicht täglich hin und herfahren zu müssen. Mitunter praktisch, zwei Schlafplätze zu haben. Das sorgte für Abwechslung und hielt mich in Bewegung, denn ich pendelte die 30 Kilometer mit dem Fahrrad. Noch heute träume ich manchmal, ich hätte irgendwo eine Wohnung, die ich nur vergaß.

In zwei Wochen ist es soweit, dass ich mal wieder meine alte Heimat besuche. Wahrscheinlich gehen mir deshalb vermehrt solche Erinnerungen durch den Kopf. Ich habe nicht vor, irgendjemanden zu treffen. Sicher ein paar der alten Plätze aufsuchen, u.a. den Friedhof, auf dem meine Eltern seit 2013 ruhen. Nein, auf Wiedersehensgespräche mit alten Bekannten habe ich keinen Bock. Es gibt nur wenige alte Freunde, an die ich öfter mal denke, und die verlor ich aus den Augen. Kapitel abgeschlossen.
Eine gewisse Aufregung vor dieser Reise in meine Vergangenheit kann ich nicht verhehlen…, wird sicher emotional. Einen Rückzieher schließe ich aber aus.

 

Probiere mal

Endlich entschlossen – sagen wir mal dreiviertel entschlossen (vierfünftel, fünfsechstel…), wo ich einen Teil meines Urlaubs zur Jahreswende verbringen werde. Zimmer gebucht für vier Nächte. Eine Stornierung ist bis kurz vorm Reisedatum möglich. Man weiß ja nie. Plötzlich fällt ein Engel vom Himmel, und ich verliebe mich. Oder… ich gewinne im Lotto und fasse ein anderes Reiseziel ins Auge… Aber ich weiß schon, dass bis dahin nichts Großartiges passieren wird. Am wahrscheinlichsten ist, dass ich die Reise wegen Krankheit absagen muss.
Wenn das Leben dahinplätschert wie der Urinstrahl eines alternden Mannes, denkt man leicht: Das war`s dann also. Man schlappt durch die Gassen der Einsamkeit und die Eier schrumpfen einem weg. Eines Tages wartet der Schnitter am Ende der Gasse. Er ist der coolste von allen. Ich stelle ihn mir vor wie meinen Opa (väterlicherseits). Er sitzt auf einer Bank am Waldrand und schnitzt aus einem jungen Haselnussast eine Flöte. Extra für mich. Ich sitze daneben und warte gespannt auf das Ergebnis. Mein Opa trägt einen Hut und hat einen schmalen Schnäuzer. Er sieht aus wie ein echt alter Mann. Und er raucht Zigarren. Er riecht danach. Nicht so gut, denke ich. Aber ich habe nichts gegen ihn. Nur meine Mutter kann ihn nicht besonders leiden, denn er sitzt oft stundenlang bei ihr in der Küche rum. Ich bin sehr klein, noch nicht eingeschult. Das ganze Leben liegt vor mir. Meine Interessen sind Matchboxautos und Cowboys. Von Tod und Sterben habe ich null Ahnung. Ich weiß nicht mal richtig was von mir selbst. Ich weiß, dass ich meine Mama liebe, dass ich sie gern rieche und mich an sie kuscheln will.
Mein Opa ist mit der Flöte fertig. Er prüft sie, klopft mit dem Taschenmesser gegen die Rinde, setzt sie an seinen alten Mund und entlockt ihr einen Ton. Grinsend reicht er sie dem kleinen Mann neben sich auf der Bank und sagt: „Probiere mal.“
Mein ganzes Leben probierte ich. Ein paar Töne schaffte ich schon, aber kein stimmiges Lied. Kann sein, dass die Flöte nicht besonders gut geschnitzt war… Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich bemühte ich mich zu wenig. Ich blicke auf mein Leben zurück. Es ist, wie es ist. Die paar Jahre werde ich auch noch rumkriegen. Es könnte mir schlechter gehen. Ich hatte jede Menge Glück. Natürlich gab`s zwischendurch Enttäuschungen und Tiefpunkte. Aber solange ich allein vom Scheißhaus hochkomme…
Den Schnitter kümmert all das wenig. Er sitzt am Ende der Gasse, eingehüllt von den Nebelschwaden der Zigarre, die er ewig raucht.
„Groß bist du geworden“, meint er gleichmütig, „ich habe hier was für dich.“ Er holt wie aus dem Nichts eine Knochenflöte hervor und reicht sie mir. „Probiere mal.“
Ich setze die Flöte an und tauche ab in die Vergangenheit.
„Warum?“ frage ich.

Für vier Übernachtungen buchte ich das Zimmer über Silvester. Ich gab dem Sog der Vergangenheit nach. Das Grab meiner Eltern besuchen. Das Neue Jahr in meiner alten Heimat begrüßen.

„Warum?“ wiederhole ich.

Mein Opa nimmt mich an der Hand und sagt: „Wir müssen gehen, sonst sorgt sich deine Mutter.“

P(r)ost

Nun sind die deutschen Fußballladies im Viertelfinale gegen Schweden ausgeschieden. Sehr bedauerlich – mir gefiel ihr beherztes Auftreten bei der WM in Frankreich. Das Spiel sah ich nicht. Hitze und Bier hatten mich mürbe gemacht. Nach dem Bergmannstraßenfest ging ich noch ins Pub. Torsten bediente. Weiß nicht – ich glaube, er mag mich, und da wenig los war, kamen wir ins Gespräch. Tut gut, ab und zu mit einer menschlichen Seele zu quatschen. Ich trank also noch ein paar Bier. Danach wurde es neblig in meiner Birne.
Verflucht, das Wochenende ist immer viel zu kurz! Könnte nicht heute erst Samstag sein? – und die deutschen Fußballfrauen hätten nochmal eine Chance, und ich würde bis zum Spiel durchhalten. Aber der Zeitfluss ist kompromisslos. Man steckt fest wie ein Fisch im Netz oder wie eine Gurke im Glas. Im Urlaub schrieb ich mir selbst eine Karte, die mich vor wenigen Tagen quasi aus der Vergangenheit erreichte. Ich schrieb mir: „Hey Kumpel, dich gibt`s mindestens zweimal: in der Vergangenheit und in der Zukunft… Halt die Ohren steif!“ Ich sollte meinem Ich in der Zukunft öfter mal Karten schreiben.

Man macht sich so seine Gedanken

Wo bleiben die Außerirdischen? Rein statistisch gesehen müsste es in der Milchstraße von dem Alien-Gelumps geradezu wimmeln. Mir kam vor kurzem eine Idee dazu – wahrscheinlich nicht ernst zu nehmen, weil mein IQ viel zu niedrig ist. Aber ich mache mir halt so meine Gedanken. Ich weiß gar nicht mehr, wo ich mir diese Theorie ausdachte. Nur nicht im Büro, denn dort ist mein Gehirn in Sachen Fantasie seltsam verkleistert, als würde auf meinem Kopf eine Zecke sitzen und fast alles außerhalb der Tumordokumentation absaugen… Im Büro bin ich einfach zu verkrampft, um meinen Gedanken freien Lauf zu lassen. Ständig glotzen mich die zwei Bildschirme vor mir an und fordern mich auf, mit dem nächsten Fall weiterzumachen. Zwischendurch suchen meine Augen den Himmel, nur, um nicht ständig auf die Bildschirme und die Dokumente zu starren – in meinem Kopf indessen stumpfe Leere… Wie wäre es, wenn ich plötzlich ein echtes UFO sähe? Endlich käme etwas Schwung in die Sache. Aber da werde ich wohl lange warten müssen. Das mit den UFO-Sichtungen finde ich schon einigermaßen geheimnisvoll, – aber warum gibt es dafür bis dato keine Beweise? UFOs hin oder her, ich habe nun meine eigene Theorie, warum wir offenbar so alleine im All sind – jedenfalls in dem für uns sichtbaren. Und genau darin besteht die Krux: Wie inzwischen jedes Kind weiß, blicken wir von unserem Standort aus in die Vergangenheit. Inzwischen können wir mit dem Hubble-Teleskop fast bis zum Urknall gucken. Wir können nachverfolgen, wie das Universum wuchs und sich bis zu den heutigen physikalischen Strukturen und Erscheinungen entwickelte, welche auch für uns verantwortlich sind. Das Beste kommt eben immer am Schluss… (Ha-Ha, ein Scherz freilich). Aber es könnte durchaus sein, dass die Bedingungen im früheren Universum die Evolution von Leben noch nicht zuließen, schon gar nicht von so motherfuckin` intelligentem Leben wie uns Menschen. Ich denke einfach, dass in der Vergangenheit des Universums, welche unser Sichtfeld ausmacht, derartiges wie uns noch nicht stattfand – oder äußerst selten und vor allem zu kurz. Wir scheitern an den wahnsinnigen Größenverhältnissen des Universums. Eine Eintagsfliege sind wir aber nicht. Das gegenwärtige Universum dürfte vor Leben geradezu explodieren – jedenfalls nach meiner Theorie. Alles hat eben seine Zeit. Als Allegorie stelle ich mir eine kosmische Wiese vor, die auf einen Schlag voller blühender Blumen erstrahlt. Aber nur ein Beobachter von außen kann dieses Bild wahrnehmen.
Falls wir wirklich Besuch von Außerirdischen bekommen, dann nicht aus dem für uns sichtbaren Universum, sondern durch Wurmlöcher aus einem relativ gegenwärtigen Universum. Ich könnte mir vorstellen, dass sie uns sporadisch besuchen, um nachzugucken, wie ihre Ableger gedeihen…
Die Fantasie stirbt zuletzt.

Das Wetter ist auch heute wieder geil. Pollen schwirren wie Miniraumschiffe durch die Gegend. Auf der gegenüberliegenden Seite unseres Blauen Planeten sieht es dagegen jahreszeitlich eher düster aus – muss mich aber nicht interessieren. Ich lebe hier und jetzt! Allen Aliens einen schönen Sonntag!

Ein Dreiviertel Leben

Ich kann in meiner Vergangenheit lesen wie in einem Buch. Seit 1980 dokumentiere ich mein Dasein. Gedichte und kurze Prosatexte lassen meine damaligen Gedanken, Gefühle und Erlebnisse wiederauferstehen. Das meiste davon liegt auf meinen Blogs parat – ein Dreiviertel Leben, in das ich hinabtauchen kann, indem ich einfach eine beliebige Jahreszahl in die Suchmaske eingebe. Dann und wann treibt es mich zu solchen Stippvisiten in meine Vergangenheit – unwillkürlich, vielleicht wie heute aus Langeweile. Ich stöbere herum, lese manche Texte an, springe zum nächsten, schaue auf das Entstehungsdatum und bin positiv überrascht. Scheiße, denke ich bei manchen Textpassagen, ich war richtig gut damals! Auch erfasst mich ein gewisser Stolz, dass ich über all die Jahre mir selbst in den grundlegenden Aussagen und Empfindungen treu blieb.
Aber was treibt mich bis heute an, diese Gedichte und Texte zu verfassen? Dokumentieren sie doch meist nur Zweifel und Verzweiflung, Angst und Alltagshorror, Provokation und Auflehnung – ein Mensch, der in die Welt gefickt wurde und nicht aufhören kann, blöde Fragen zu stellen… Wie kann es sein, dass sich meine Mitmenschen mit dem Schauspiel zufriedengeben, das ihnen vorgesetzt wird (?) Ich wunderte mich bereits in der Sandkiste über meine Spielkameraden. Zumindest, wenn ich meine wachen Momente hatte. Schließlich verfiel ich wie jeder andere auch der Gier und dem Spiel mit der Gier. Damals schrieb ich noch keine Gedichte und kann also lediglich aus meiner Erinnerung abschätzen, wie ich tickte.
Der Kuchen ging auf. Ich wurde groß (178 cm). Immerhin. Aber eigentlich begann da erst die richtige Fragerei – wieso es auf der Welt läuft, wie es läuft. Muss man alles als gegeben hinnehmen?
Das mit den Naturgesetzen konnte ich halbwegs akzeptieren, aber was wir Menschen anstellten, das war doch nicht fix! – wir hatten es doch in der Hand, ob wir Kriege führten -, ob wir unsere Mitmenschen und die Natur ausbeuteten, oder nicht (?) In was für ein Scheiß Spiel wurde ich da hineingeboren? Und die meisten machten mit! Angepasst und unkritisch. Überall auf der Welt derselbe spießige Affentanz. Ich sah mich mit einer Herde von Oberschlaumeiern konfrontiert, deren Ansinnen ich nicht kapierte, die mich menschlich abstießen, aber die über die Welt, wie ich sie tagtäglich wahrnahm, bestimmten. Ich musste meinem Befremden demgegenüber Ausdruck verleihen. Selbst wenn`s niemanden interessierte, was ich schrieb. Für mich war diese Spiegelung ungeheuer wichtig. Ich fühlte mich dabei als Renegat. Es ging mir nicht um eine künstlerische Leistung, sondern um meine ganz eigene Wahrnehmung, dass ich geistig vorhanden war! Es gab mich nicht nur als Zombieprodukt einer Gesellschaft, – einer Tradition, Ideologie, Religion oder sonst vorgebeteten Geisteshaltung.
Ich musste diesen Weg beschreiten, auch wenn er unweigerlich in die Einsamkeit mündet. Wenigstens habe ich mich. Das sage ich ganz ohne Selbstmitleid. Ich kann die Welt nicht ändern – schon lange kapiert. Wohl streift mich ab und zu das Gefühl der Ohnmacht wie der eisige Atem eines Gespensts… dann weiß ich: es ist wiedermal Zeit für ein Gedicht.