Wie ich es mir vorstelle

Ich will niemandem zumuten, mir bei der Selbsttötung zu helfen. Es ist allein meine Sache, meinem Leben ein Ende zu setzen. Niemand sollte sich in eine solch zutiefst persönliche Angelegenheit einmischen. Schon gar nicht Juristen.
Dumm nur, wenn man bereits hilflos ist, also aufgrund von Demenz oder einer anderen Erkrankung bzw. Behinderung nicht mehr in der Lage ist, sich selbst ohne Hilfestellung zu töten.
Bringt euch um, solange ihr es noch könnt. Belastet damit nicht eure Mitmenschen. Überfordert die Ärzte nicht. Und sprecht eure Nächsten von Schuld frei.
Also: Selbst ist der Mann! Am Besten per Kopfschuss. Oder die Pulsadern aufschneiden in der Badewanne… Vorher noch ein Bierchen. Und ein paar nette Zeilen an die Welt.


Nachtwache

Als ich als Zivi mit der Altenpflege anfing, war ich 26. Mein Leben lag vor mir. Auch wenn ich keine blasse Idee hatte. Wenigstens hatte ich einen Job, in dem ich relativ flexibel arbeiten konnte, Teilzeit oder im Nachtdienst. Der bot sich prima als Brotverdienst neben dem Studium an. All die Jahre während meiner Kneipensumpfzeit war mir jedoch klar, dass das mit dem Studieren nichts werden würde. Mit Mitte Dreißig riss ich schließlich das Ruder herum. Also wenigstens um ein paar Grad. Ich hatte die Möglichkeit, berufsbegleitend eine dreijährige Ausbildung zum Exam. Altenpfleger zu machen. Die zog ich im Gegensatz zu den diversen Studiengängen dann auch durch.
Die Altenpflege war der Job meines Lebens. Was ich während dieser fast drei Jahrzehnte in den Pflegeheimen sah und erlebte, passt auf keine Kuhhaut. Immer schon setzte ich mich grundsätzlich mit dem Altern, dem Sterben und Tod auseinander. Ich dachte als junger Mann, dass mich die praxisnahe Beschäftigung mit diesen gewaltigen Themen weiterbrächte – weiter auf meiner Sinnsuche und der Entschleierung des Mysteriums Dasein. Resümierend muss ich erkennen, dass dem nicht so war. Ich war zwar nah dran, aber die Mauer des Unverständnisses und Fremdheitsgefühls gegenüber der Welt, in die ich hineingeboren wurde, blieb unüberwindbar.
Ich war oft überfordert von der Wirklichkeit in der Pflege, den Anforderungen und der Verantwortung… Letztlich war es der menschliche Kontakt zu den Alten, der mich demütig machte und motivierte. Ich lebte mit den Alten zusammen in einer Art Parallelwelt, vor allem während meiner Nachtdienste. In klaren Nächten blickte ich oft in den Sternenhimmel, während die mir Schutzbefohlenen in ihren Zimmern schlummerten. Leider schlummerten sie nicht immer…
Ich windelte sie zweimal in der Nacht. Einige musste ich aus den Betten holen und umziehen. Die Toilettenstühle waren anfangs noch hölzern und stanken nach Urin. Es war Akkordarbeit. Ein Knochenjob. Es gab Kollegen und Kolleginnen, die dabei brutal vorgingen. Die Alten hatten keine Chance. Ich wollte das nicht… Viel zu oft machte ich mich mitschuldig. Ich dachte: So ähnlich müssen sich Soldaten im Krieg fühlen. Sie werden zu Handlungen gezwungen, die sie eigentlich nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren können. Fuck! Ich hatte den Kriegsdienst verweigert und fand mich plötzlich an einem zivilen Kriegsschauplatz wieder…
Seit dreißig Jahren verfolge ich die Diskussionen über den Pflegenotstand in den Medien. Mir wird übel. Ich blickte hinter die Kulissen und sah den Horror, die dunklen Seiten menschlichen Wirkens, den Abgrund, die Lügen und die Selbstherrlichkeit. Ich war dabei.

 

img_20191211_120412

48 cm x 62 cm, Aquarell, ca. 1990

 

So what

Die Waschmaschine läuft. Wie beruhigend. Es ist Wochenende. Sonnig aber kalt. Von wegen Biergarten. Vielleicht am Nachmittag ins Kino gehen. In „Green Book“. Könnte mir gut gefallen. Vorher in den Potsdamer Platz Arkaden einkaufen. Ein paar Dosen Bier für den Film. Habe gerade gelesen, dass sie das Shopping-Center 2019 umbauen wollen. Ich hasse Shopping-Center, aber die Arkaden am Potsdamer Platz fand ich halbwegs erträglich. Was daran liegt, dass es dort selten überlaufen war. Alles noch überschaubar und nicht wie in einem Irrgarten. Luftiger und heller als andere Einkaufscenter. Na gut, dann sollen sie mal umbauen. Als einfacher Konsument bleibt einem sowieso nichts anderes übrig, als sich anzupassen. Wenn ich mir überlege, wie sehr sich die Welt um mich herum im Laufe meines Lebens veränderte. Das meiste in meinen Augen negativ. Und alles menschengemacht. Die Mehrheit wollte es so. Oder es war ihr egal. Wir leben in einer Demokratie. Immerhin. Demokratie und Menschenrechte sind keine Selbstläufer. …ich war nie ein Kämpfer. Ich meine, dass das Leben Kampf genug ist. Einfach am Leben zu sein, ist für mich bereits irrsinnig kraftraubend. Vor allem geistig. Wozu gegen Mächte kämpfen, gegen die man sowieso null Chance hat? Wozu sich mit Armleuchtern streiten, die man niemals überzeugen wird? …kommt mir irgendwie so vor, wie das Hangeln von Therapie zu Therapie bei der unheilvollen Diagnose Krebs. Sie sagen, man könne das Ende dadurch etwas herausschieben. Doch eine Heilung gibt`s nicht wirklich. Jedenfalls bei den aggressiven Tumoren. …ich denke an die Kids, die derzeit freitags die Schule schwänzen, um gegen die Zerstörung der Umwelt zu demonstrieren. Es geht in der Tat um ihre Zukunft. Nicht um die Zukunft der alten Säcke an den Verhandlungstischen. Mein Gott, was für ein unsinniges Theater! Schaut mal genau hin: Die Verbrecher von heute sind die 68er von gestern! And so on. Von Generation zu Generation. Nachhaltig dabei sind lediglich Hinterfotzigkeit und Arschlochwesen. Eine bessere Menschheit kann man nicht einfach aus dem Hut zaubern. Nicht mal unter Drogen. Ich schwänzte sehr häufig die Schule. Wir wollten damals nicht das Weltklima retten. Wir wollten einfach etwas Freiheit. Irgendeine Macht drückte uns in Schablonen, für die wir gar nicht bereit waren. Sollten wir so werden wie unsere Eltern? Und was soll ich sagen? Die meisten von uns sind heute wie ihre Eltern, mehr oder weniger. Sie verloren den geistigen Kampf. Aus Rebellen wurden Spießer erster Güte, angepasst und weichgespült. Alles hat eben seine Zeit. Gemeinhin nennen sie ihre Wandlung „Ich lernte es, Verantwortung zu übernehmen“. Wow! In meinen Augen ist das nichts anderes als Selbstverarschung. Natürlich kann ich argumentativ nicht gegen das Verantwortungs-Argument dieser Arschis anstinken. Ich bin kinderlos, Single und Alkoholiker. Ich sitze in der Falle.

Kein Mensch ist schuldlos

Als ich vor drei Jahren mit der Altenpflege aufhörte, hatte ich keine konkrete Idee, wie es weitergehen sollte. Ich wollte einfach raus aus dieser Klitsche. Die jahrelangen Nachtdienste hatten mich endgültig zermürbt. Ich bewegte mich nur noch als Schatten zwischen zwei Welten. Am Tage sah ich unsere Wohlstandskultur, die mir immer fremder wurde. Nein, stimmt nicht, die Welt um mich herum war mir bereits im Kindergarten und in der Schule fremd. Was war mit mir los? Warum kam ich nicht klar mit der Welt? Scheiße…
Und in der Nacht sah ich, wie alles zu Ende ging – realer hätte es nicht sein können. Seltsamerweise waren mir die Todgeweihten lieber als die Lebenden. Vielleicht mitleidsbedingt. Ich weiß nicht. Wer den Tod unmittelbar vor sich sieht, erkennt die Wahrheit (zum Verrücktwerden).
Oft trat ich auf die Terrasse des Altenheims und blickte in die Sternennacht. Ich wurde eins mit dem Gebäude und den Bewohnern, über die ich wachte.
Im Geheimen kämpfte ich mit meinen Ängsten. Ich wollte verstehen, warum die Welt ist, wie sie ist. Ich kam zur Altenpflege, weil ich erfahren wollte, was hinter den Mauern passiert, wo Menschen dahinsiechen und sterben. Eine der wichtigsten Erkenntnisse aus dieser Zeit: Kein Mensch ist schuldlos. Das einzige, was uns bleibt, ist, Frieden machen – Frieden machen mit der Welt und den furchtbaren Dingen, die auf ihr geschehen.
Wenn das so einfach wäre…

Als meine Eltern starben, fühlte ich mich hilflos und überfordert. Ich hatte sie aufgegeben.
Ich lebte schon lange nur noch mein eigenes Leben. Allein die Liebe zu einer Frau holte mich zwischenzeitlich aus dem Schneckenhäuschen. Aber es reichte nie. Ich kapitulierte vor der neuen Verantwortung. Jeder Weg musste zur Sackgasse werden. Ich prallte gegen die immergleichen alten Ängste. Wenn ich wieder alleine war, konnte mir wenigstens niemand Vorwürfe machen, und niemand hatte Erwartungen.
Keine Ahnung, ob ich nur ein Arschloch unter vielen Arschlöchern oder ein einzigartig großes Arschloch bin. Das sollen die anderen Arschlöcher beurteilen. Ich weiß, dass ich Schuld auf mich lud, und ich versuche damit zu leben. Von wegen Selbstmitleid. Mir geht`s doch gut.
Bestimmt habe ich einen Schutzengel oder einen guten Geist, der in all den Jahren zu mir hielt. Wie hätte ich sonst so viel Glück haben können? Ich fand eine neue Liebe, eine Wohnung in Berlin, sogar einen neuen Job. Vor drei Jahren hätte ich mir das alles nicht vorstellen können. Manchmal denke ich an meine Eltern im Himmel, dass sie meine Schutzengel sind. Schon zu Lebzeiten halfen sie mir über manchen selbstverschuldeten Mist in meinem Leben hinweg. Sie machten mir nie Vorwürfe…
Warum bin ich nicht glücklich? frage ich mich, ich habe doch so viel verdammte Gründe, glücklich zu sein! Warum mache ich mir und dem Menschen, der mich liebt, das Leben so schwer?
Was ist mit mir los? Warum komme ich nicht klar mit der Welt?