Marmelade

Ich packe ihre verbliebenen Sachen in Tüten und stelle sie in den toten Winkel hinter die Zimmertür. Unser Kontakt beschränkt sich auf WhatsApp. Ich schrieb ihr, dass ich das alles ungeheuer traurig und frustrierend finde. Sie schrieb zurück: „… frustrierend ist, wenn die Situation nicht geändert wird.“
Ich nutze die Gelegenheit zum Ausmisten und räume ein paar Möbel um. Überall ist nun etwas mehr Platz. Das sind die Zeitpunkte, wo man den Drang verspürt, zum Frisör zu gehen, – irgendetwas total zu verändern. Ich erinnere mich, dass ich mir damals nach der Trennung von einer großen Liebe die Haare karottenrot färbte…. Nein, diesen Drang verspüre ich diesmal nicht. Die Wildheit ließ mit den Jahren nach. Wobei aber genug Blödsinn im Kopf übrig ist. Was hat man sonst vom Leben?

Im Kühlschrank stehen noch angebrochene Marmeladegläser von ihr (Erdbeer und Quitten). Ich esse keine Marmelade.

Büromania

Die Kapriolen des Wetters schlagen aufs Gemüt. Anfang Juli, jede Menge Regen und kühle Temperaturen. Fürs wohlverdiente Wochenende hätte ich mir ein wenig Sonne gewünscht, etwas Aufmunterung für meine büromüden Glieder. So fühlt sich also ein Bürojob an. Nach vier Monaten bin ich mehr als drin. Überdruss macht sich breit. Die Tumordokumentation ist oft eine zähe und unzufriedenstellende Angelegenheit. Ich brüte über den Fällen und kloppe sie ins Tumordokumentationssystem. An einem guten Tag komme ich auf Dreißig. Mehr schaffe ich (noch) nicht. Zurzeit arbeite ich kunterbunt alles an Papiermeldungen ab: Diagnosebögen, Therapiebögen, Todesmeldungen, Epikrisen, Histologien… alle Entitäten.
Nach acht Stunden vor den Computerbildschirmen habe ich Augenkrebs, und mein Kopf wünscht sich nur noch Entspannung.
Vom diesjährigen Sommer bekam ich bisher nicht viel mit. Die Arbeit bestimmt den Alltag. Für Unternehmungen nach Feierabend und an den Wochenenden fehlen mir meist Energie und Lust.
Ich befinde mich wieder mitten in der Tretmühle mit all ihren Mühseligkeiten. Zum einen froh, dass ich den Absprung aus der Altenpflege schaffte – habe ich nun einen Job, der mich auf andere Weise erschöpft. Zum einen stolz auf das, was ich in den letzten zwei Jahren leistete, um überhaupt an diesen Punkt zu kommen – hadere ich mit dem Weg, den ich einschlug. Ich weiß, ich könnte mehr als zufrieden sein – und bin`s verflucht noch eins nicht!
Wie bei einem Puzzle, das sich nach und nach zu einem verständlichen Bild zusammensetzt, verändert sich mit jedem neuen Tag ein klein wenig die Sicht auf die Menschen, Dinge und Orte im Leben. Und irgendwann fragt man sich: Wohin verschwand die Sonne? Wo blieben Glück und Ausgelassenheit? Was ist mit dieser Stadt und ihren Menschen passiert? War die Welt schon immer so verrückt? Wohin ging die Liebe? Was ist mit mir?

Meine Kollegin trinkt viel Tee. Auf den Etiketten ihrer Teebeutel stehen kluge Sprüche. Sie kam um den Schreibtisch herum und reichte mir eins der Etiketten. Ich las: „Deine Überzeugung ist deine Stärke“. „Hm-hm-hm“, brummte ich in meiner Manier und bedankte mich.
Ich bin froh über jeden zwischenmenschlichen Anker, jede nette Geste und jedes freundliche Gespräch, welche den Bürotag auflockern und gefühlt verkürzen.

Wind of Change

Erstens anders, zweitens als gedacht. Ich denke, dies gilt für alle Veränderungen und jeden Wechsel im Leben. Ganz egal ob Beziehungs- oder Wohnungswechsel, ob ein anderer Arbeitsplatz, eine Reise, Veränderungen durch Krankheit oder Unfall, durch den Tod liebgewonnener Menschen, durch Veränderungen in Glauben und Lebenseinstellung…
Niemals kann man sich vorher genau ausmalen, wie es unter den anderen Lebensumständen sein wird. Verständlich darum Unsicherheit und Ängste im Vorfeld. Es ist gut, dass wir nicht leichtfertig ins Ungewisse aufbrechen. Auf der anderen Seite ist es auch nicht gut, am Alten und Gewohnten unwiderruflich festzukleben. Es gibt Phasen im Leben, wo der Wind der Veränderung kräftiger bläst als in anderen. Manchmal wissen wir gar nicht, wie uns geschieht. Nicht alles ist vorhersehbar und planbar. Die Seele setzt die Segel…

Auf dem Weg zum Büro komme ich an einer Schule vorbei, kurz vor Unterrichtsbeginn. Die Halbwüchsigen, junge Frauen und Männer stehen in Grüppchen zusammen, plaudern und rauchen. Ich radle weiter die Steinmetzstraße entlang, vorbei an der Eckkneipe, wo ich in der Mittagspause mein Bier trinke, mache einen Schlenker nach rechts zur Potsdamer Straße, auf der sich bereits Millionen Tonnen Blech entlang wälzen. Ich fahre eine Strecke auf dem breiten Gehsteig, und der Duft von frischen Backwaren steigt mir (neben den Abgasen) in die Nase. Das Monster Großstadt ist aufgewacht. Der junge Tag weicht ängstlich zurück. Zielstrebig hasten wir Menschen zur Schule, zur Arbeitsstätte… kreuz und quer.
In einer Nische neben dem Haupteingang parke ich das Fahrrad. Eine Menge Kippen liegen auf dem Boden, den Zigarettenpausen der Angestellten geschuldet. Der alte wuchtige Gebäudekomplex beherbergt auf fünf Etagen mehrere Firmen, von deren Aufgaben und Funktionen ich keinen blassen Schimmer habe. Man begegnet sich anonym im Fahrstuhl und fährt zu den Etagen, wo jeder zu seiner „Was-auch-immer-Arbeit“ aussteigt.

Artig begrüße ich meine Kolleginnen in ihren Bürozellen. Die meisten beginnen schon etwas früher. Eigentlich hatte ich mir das auch vorgenommen, um am Nachmittag nicht so lange sitzen zu müssen, aber ich genieße zu gern den langen Morgen zuhause… alleine mit mir selbst.
Am Arbeitsplatz das übliche Prozedere des Ankommens: Computer hochfahren, tausendmal anmelden, das Arbeitszeug zurechtlegen, Kaffee zubereiten, die ersten Plaudereien… Schließlich hole ich mein Dokumentenpaket aus dem Panzerschrank im Büro der Oberdokumentarin. Aller Anfang ist schwer. Ich starre auf den Stapel der Dokumente, nehme mir zögerlich das erste vor. Eine Pathologie. Dickdarmkrebs. Allerdings ist nicht klar, ob Primärtumor oder Metastase. Ich ziehe meine erfahrene Kollegin zu Rate, die gegenüber am Schreibtisch über ihren Fällen brütet. Sie springt mir sogleich zur Seite. Eine nette Person. Ich habe Glück gehabt, dass ich nicht mit einem Stinkstiefel oder einer Laberkanne das Büro teile. Insgesamt ist die Bürogemeinschaft ein recht lebendiger Haufen.

So vergeht Stunde um Stunde beim Brüten über Tumorfällen und deren Eingabe ins Dokumentationssystem. Was mache ich hier? frage ich mich zwischendurch und blicke sehnsüchtig aus dem Fenster in den Himmel.