Eine Frage des Maßstabs

Kurz überlegte ich, ob ich mir die Zeit damit vertreiben will, Anagramme aus dem Wort Corona zu bilden. Nach ein paar Versuchen ließ ich es bleiben. Da kommt nichts Gescheites bei rum. Vielleicht was für eine Klositzung… Da ist er wieder der Tiger, der unruhig im Käfig hin und her tapst. Ich blicke durch die Gitterstäbe auf einen ausnehmend schönen Frühlingstag. Die Bäume schlagen aus… In den Parks werden sicher viele Polizeistreifen unterwegs sein, um bei zu großen Menschenansammlungen, die Leute nach Hause zu schicken. Mich würde interessieren, welchen Maßstab sie dabei anlegen. Nach Sympathie? Oder sagen sie: Das sind uns zu viele an einem Ort? Oder gehen sie mit dem Zollstock über die Wiesen und messen nach, ob der Mindestabstand eingehalten wird?
Nun, ich werde sehen. Nichts wird mich davon abhalten, für ein Stündchen das Haus zu verlassen, um das schöne Wetter zu genießen.

Fürs Büro kaufte ich mir ein kleines Digitalradio. Vielleicht kann ich damit ein wenig gegen die Öde der Arbeit angehen. Mir ist zurzeit so gar nicht danach, stundenlang Tumorfälle abzuarbeiten, dazu alleine im Zimmer. Auch wenn ich ganz gut im Däumchen drehen bin – das ist noch mehr Käfig, als ich es schon zuhause empfinde.

Mein Lieblings-Arschloch-Pole, der in der 1. Etage wohnt, macht fast jeden Abend höllisch Party. Gut, dass er nicht direkt über mir wohnt, sondern auf der anderen Seite des Treppenhauses… Ich würde ausflippen. Ich höre, wie seine direkten Nachbarn an die Wand und an seine Türe klopfen. Der Typ ist ätzend, und seit er eine Frau bei sich hat, kreischen sie beide wie blöde im Wodkarausch herum… (Nein, ich bin nicht neidisch. Auch wenn ich gerne einen trinke, schätze ich mich als etwas zivilisierter ein.) Ich gehe ihm aus dem Weg, wo ich kann. Begegnungen beim Nahkauf oder im Treppenhaus (und am Hauseingang) lassen sich leider nicht ganz vermeiden. Da halte ich dann völlig freiwillig viel Abstand.
Man kann sich seine Mitmenschen nicht aussuchen. In Zeiten des Mietwuchers auch nicht seine Wohnung. Und was den Job angeht, muss man froh sein, dass man einen hat, um sich Miete und Bier leisten zu können…
Schätze, dass ich`s noch ganz gut erwischte.

 

Letzter Urlaubstag

Der Urlaub war derart intensiv, dass ich nur wenig ans Büro und die Hühner dachte. Ich finde es irreal, dass ich morgen wieder an meinem Schreibtisch sitzen werde, mir aus dem Panzerschrank einen neuen Stapel Tumorfälle greife… Wenigstens eine kurze Woche für mich. Hoffentlich hat sich meine Kollegin wieder gefangen und ist aus dem Krankenstand zurück, so dass ich nicht alleine im Zimmer hocke. Ich spürte, dass sie irgendwas ausbrütete. Mehr psychisch. Sie ist keine einfache Person… Die angesagte Hitze wird uns ganz schön zu schaffen machen. Ich sollte mich morgens sputen, damit ich möglichst früh auf Arbeit bin. Bis in den späten Nachmittag am Schreibtisch zu schwitzen, ist kein Vergnügen – das habe ich noch gut vom letzten Sommer in Erinnerung.
Also wieder ran an den Speck, – d.h. Krebs!
Mir bleibt, am letzten Urlaubstag zu relaxen und früh ins Bett zu gehen. Zum Frisör wollte ich noch, die restlichen Zloty zurückwechseln, umgerechnet 10 Euro. Mein Bedarf an Polenreisen ist für dieses Jahr gedeckt.