Die Welt hat einen Sprung

Der alte AEG-Herd gab seinen Geist auf. Der Topf mit den Makkaroni kochte über, und es ließ einen Knall – die Sicherung flog raus. Danach war zappe. Für die Nudeln reichte die Hitze aber noch. Inzwischen kaufte ich mir eine einzelne Herdplatte, was weit besser zu meinem Singledasein passt.
Das nächste Problem bereitete mir der TV-Empfang. Offenbar war nun auch meine Adresse von der Umstellung auf digitales Fernsehen betroffen. Vorgewarnt wird man da offenbar nicht. Ich wollte vor der Arbeit noch etwas Morgenmagazin schauen, doch nichts ging mehr. Okay, kein Beinbruch. Ich verbringe nicht viel Zeit vor der Glotze. Gewöhnlich gebe ich mich mit dem Angebot auf der Mediathek zufrieden… abends vorm Einpennen. Aber einen Schönheitsfehler bedeutete der Verlust für mich schon. Ich hab`s gern, wenn alles funktioniert, wie`s soll. Ein Luxusproblem freilich. Auf der anderen Seite zahle ich immer diese Rundfunkgebühren – und nicht gerade wenig, finde ich. Also recherchierte ich im Netz, was zu tun sei. Endlich fand ich für meinen Fernseher gestern die Lösung. Ich musste einfach die Einstellung auf „Finnland“ ändern, und der automatische Sendersuchlauf funzte wieder. Warum war ich da nicht selbst draufgekommen?
So spielt das Leben. Vieles bleibt völlig im Dunkeln oder scheint zumindest unergründlich. Ich denke dabei nicht nur an technische Dinge, sondern auch an uns Menschen und die Welt im Ganzen. Tag für Tag dokumentiere ich Krebserkrankungen. Unglaublich, wie viele Menschen betroffen sind. Scheußliche Sache – und ziemlich komplex. Bei aggressiven Tumoren hilft nur Beten. Ich denke dabei an die Epikrisen von Lungen- oder Pankreaskarzinomen, die täglich auf meinem Schreibtisch landen… Da machst du am besten gleich dein Testament.
Vieles ist unmöglich zu verstehen. Das Verhalten von Menschen gehört auch dazu. Besser nicht zu sehr damit hadern. Ich weiß, leichter gesagt als getan. Nehme nur mal die Bitch, die mich betrog und Anfang dieses Jahres verließ. Was für ein Elend, nur daran zu denken. Die Liebe ist in jedem Fall so eine Sache, der man nie wirklich auf den Grund kommen wird. Sie mag den Rückblick nicht besonders – die Liebe will immer vorwärtsschauen. Kein Wunder, denn sie hinterlässt auf ihrem Weg nichts als Asche. Es folgt ein quälender Abschied in Zeitlupe. Das Herz erholt sich nur langsam. Ich frage mich, ob z.B. unser viriler Altkanzler Schröder ähnliche Liebesschmerzen durchlitt. Jedenfalls ließ er sich nicht viel davon anmerken. Wie oft war er verheiratet? Und wie ihn gibt`s eine Menge Schwerenöter(innen)… Kommt mir vor wie bei einem Weitsprungwettbewerb: Der Weitspringer denkt vor jedem Sprung: Der wird`s jetzt reißen. Er nimmt Anlauf, kommt auf Tempo, peilt das Trittfeld des Absprungs an, aber… in der Luft merkt er schon, dass es wieder nichts war – zu spät! Der Weitspringer schlägt in der Sandgrube auf, rappelt sich hoch, blickt auf den Abdruck seiner Landung und kehrt leicht geknickt zurück zum Start. Er hat noch ein paar Versuche… Beim nächsten Mal soll es unbedingt hinhauen!
Ich bin ein miserabler Weitspringer. Mein Rekord liegt in Liebesbeziehungen bei fünf Jahren. Jeder nach seinen Möglichkeiten. Der Vergleich passt freilich nur bedingt, denn erst muss man zu den Ladies kommen, um wieder zu einem neuen „Sprung“ ansetzen zu können. Nein, an Möglichkeiten fehlte es mir nicht. Auch nicht an Leidenschaft. Ich vermute eher, dass ich die Sache mit zu viel Gedankenschwere angehe… Auch fehlt`s mir wohl an der richtigen Technik. Beim letzten Sprung hätte ich besser den Anlauf abgebrochen oder wäre erst gar nicht gestartet. Ein wesentliches Merkmal der Liebe ist die Geistesschwäche der Beteiligten.

Je älter man wird, desto mehr sollte man sich in Bescheidenheit üben, auch was die Liebe angeht. Es kommt die Zeit, da muss man keine großen Sprünge mehr machen. Na, wenn das kein Trost ist.

Deckel drauf, und gut ist

Also, ich wäre bereit fürs Jüngste Gericht. Wozu noch warten. Dann haben wir`s wenigstens hinter uns. Die Sache liegt doch klar auf der Hand. Es müsste mit dem Teufel zugehen, wenn die Menschheit das 21. Jahrhundert überlebte. Die Zeichen stehen schon lange auf Sturm. Es ist nur noch die Frage, wann es passiert. Und wie.
Von mir aus gleich. Ich habe nichts vor. Ob ich noch ein paar Tumorfälle mehr oder weniger dokumentiere, dürfte egal sein. Ich hänge nicht an diesem Job. Manchmal denke ich, die haben`s wenigstens hinter sich, also die mit metastasiertem Lungenkarzinom zum Beispiel. Zuletzt dokumentierte ich davon eine Menge aus Klinikberichten. Diese Menschen, von denen ich sonst nichts weiß – einige sind nicht älter als ich. Ich dokumentiere ihren Leidensweg von Operationen, Chemo- und Strahlentherapien. Ein Leidensweg, der sich über Monate oder gar Jahre erstreckt. Der Tumor wird besiegt – Vollremission, und eine unbestimmte Zeitspanne später das Rezidiv…
Was für eine scheiß Welt, denke ich, warum geht sie nicht endlich unter… mit Katz und Maus. Dann wäre Ruhe. Wozu sich dieses Elend noch länger anschauen, wenn man weiß, worauf es unweigerlich hinausläuft. Ja, ich weiß, da ist noch die Liebe. Eine Hoffnung. Darum leben wir doch. Nur für die Liebe. Oder? Das mit dem Geld ist eine dumme Ersatzbefriedigung. Beziehungsweise ein Mittel zum Zweck. Wie die Macht. Einer muss schließlich das Sagen haben. Kann der letzte Depp sein, egal. Alles würde sonst in seine Einzelteile zerfallen. Anarchie ist Utopie. Wir sind nicht Gott, auch wenn wir auf der Erde Gott spielen.
Also. Deckel drauf. Am Besten gleich und radikal.