Zweite Runde

Das Wochenende ist wie ein Karussell, das sich genau zwei Runden dreht und einen danach zurück in die Tretmühle schickt. In Corona-Zeiten dreht man seine Runden weitgehend zuhause. Zumindest als Alleinlebender wie ich. In Gemeinschaft mit einem oder mehreren anderen Menschen würde ich schnell eine Fluchttendenz entwickeln… Aber vor mir selbst kann ich schlecht wegrennen. Da ist es im Großen und Ganzen wurscht, ob ich zuhause alleine rumhänge oder außerhalb der Wohnung. Jedenfalls solange die Kneipen zuhaben. Auch wenn etwas Bewegung an der frischen Luft allgemein Geist und Körper nicht abträglich ist… Vielleicht sollte ich mir einen Hund vorstellen, der neben dem Schreibtisch sitzt und mich flehend anschaut: „Bitte, bitte, Gassi gehen!“ … Und weil ich ein Herz habe, würde ich meinem Hund an der Leine auf den Wegen hinterherstolpern. Oder im Park Stöckchen Apportieren mit ihm spielen. Und die Leute würden mit dem Finger auf mich zeigen, weil ich mir den Hund ja nur vorstelle.

Inzwischen beschloss der hohe Rat meiner cerebralen Wurstigkeit, dass ich die zweite Runde des Wochenendes zuhause verbringen werde. Das Ergebnis war nahezu einstimmig. Der Kühlschrank ist voll. Es sollte mich weder dürsten, noch sollte ich Hunger leiden. Zum Einlullen Wintersport im Ersten… Meine Wohnzimmercouch guckt mich augenzwinkernd an: „Na los, fläze dich auf mich! War ich schon mal schlecht zu dir?“


Ich trinke auf Euch

An Tagen wie heute fehlt mir `ne offene Kneipe. Ich sitze im Halbdunkel meiner Bude mit dem Waschmaschinen-Blues in den Ohren. Ostermontag – die freien Tage sind durch, eine Bürowoche wartet auf mich. „Bleiben Sie gesund“, sagte die Chefin, als ich vor Ostern in den Feierabend ging. Ja-Haha… Ich bin das blühende Leben – oder bestehen darüber Zweifel? Ich blühe nach innen.
Sei`s drum. Es geht immer weiter. Die Tretmühle des Lebens. Mit und ohne Corona.
Ich vermisse das Pub, den Wirt und all die anderen (mehr oder weniger) liebenswerten Suffköppe. Eine tragikomische Gemeinschaft, die sich gemeinsam-einsam durch den Tag soff. Ein letzter Ankerplatz der Versager und Vergessenen… Hier hatten sie noch Namen. Einige waren regelrechte Kneipen-Legenden.
Und nun seit Wochen alles dicht. Ich hoffe, der Wirt überlebt`s.

 

Wohin geht die Reise?

Mal sehen, was Sabine so treibt. Ich meine das Sturmtief. Am Nachmittag soll es in Berlin ungemütlich werden. Bisher verzeichne ich sowas wie die Ruhe vorm Sturm. Die Zweige an den Stadtbäumen weitgehend stoisch, und die Sonne scheint zu mir in die Bude. Ich schiele nach oben und erhasche ein Stück Himmel: schon leicht eingetrübt das Blau. Eigentlich wollte ich wenigstens heute vor die Tür gehen, nachdem ich gestern Nachmittag auf der Couch versackte. Ich gab meinem Appetit nach und kochte mir Pellkartoffeln. Die verputzte ich mit Quark, Gurkensalat und Matjesfilets. Im TV lief auf „ONE“ die Uraltserie „Bezaubernde Jeannie“. Köstlich! So ein Flaschengeist wäre ab und zu was Feines, nicht um mich materiell zu bereichern, sondern um von einem Moment auf den anderen am Meer zu sein oder an einem anderen reizenden Ort der Erde. Ich würde mich jedes Wochenende woandershin zaubern lassen und erst Montag früh zurück direkt an den Arbeitsplatz. Damit entginge ich auf fabelhafte Weise der Öde zuhause.
Es ist jedes Mal dasselbe: Kaum habe ich das WE für mich eingeläutet, steht bereits wieder die nächste Arbeitswoche vor der Tür. Und was habe ich gemacht? Ich gammelte zwei Tage herum, erlebte nichts neues, wechselte bestenfalls im Pub ein paar Worte mit dem Wirt oder einem Gast.
Der schönste Moment ist immer Freitag, wenn ich in den Feierabend gehe. Hauptsache, zwei Tage ausschlafen dürfen und nichts von Tumoren und Dokumentation sehen und hören. Sowieso hasse ich an der Erwerbsarbeit die Unfreiheit, die man in Kauf nehmen muss, um sich in dieser Gesellschaft halbwegs über Wasser zu halten. Dieses Tretmühlendasein macht mürbe. Ich denke, das ist der Grund, warum viele die Rente herbeisehnen, u.a. meine Bürokollegin, die nach langem Krankenstand endlich zurück ist. Vier Monate hat sie noch. Ich bin mir nicht sicher, ob sie`s schafft. Natürlich ermutige ich sie, wo`s nur geht… Sie ist schon speziell mit ihren Zwängen und Ängsten – seufz.
Apropos Krankenstand: der ist nach wie vor erstaunlich hoch bei uns. Ende letzter Woche waren von dreißig Dokumentaren gerade mal ein halbes Dutzend übrig. Witzelnd sagten wir untereinander „Zehn kleine Negerlein“ in Anlehnung an das Kinderlied. Tja. Ich weiß auch nicht, woran es genau liegt. Die Schwelle, sich krank zu melden, scheint bei den meisten von uns sehr niedrig zu sein. Faktoren sind sicher lange Arbeitswege, geringe Wertschätzung, mangelnde Motivation, die Frage „Wohin geht die Reise?“, ungenügende Kommunikation zwischen Leitung und Fußvolk, Komplexität von Thematik und Struktur…
Alles nicht so einfach, wie meine geschätzte Bürokollegin zu sagen pflegt.

Noch immer scheint die Sonne. Kein Anzeichen von Sabine. Bei genauerem Hinsehen: die Unruhe im Geäst der Stadtbäume steigt. Vielleicht auch Einbildung.
Die Waschmaschine läuft. Ich höre nebenbei meinen Lieblingsbluessender. Die Sonntagslethargie schwappt mir entgegen. Ich grinse blöde.