Die Rattenfänger

Die Rattenfänger hatten ihm nach und nach all seine Träume ausgetrieben. Erwachsensein heißt nichts anderes, als seine Träume an der Garderobe abzugeben und brav in der Vorführung zu sitzen – zu lachen, wenn man lachen soll, und zu klatschen, wenn man klatschen soll. Wer nicht mitmacht, riskiert ärgerliche Blicke. Und wer gar an der unrechten Stelle lacht oder klatscht, wird nicht selten des Platzes verwiesen. Er verstand schnell, dass Erwachsensein nicht mehr viel mit Spaß zu tun hatte. Es ging fortan um hehre Begriffe wie Pflichtbewusstsein und Verantwortung. Die Rattenfänger hatten ganze Arbeit geleistet. Generation für Generation wurden nach dem gleichen Muster erzogen. Der Vater sagte: „Solange du deine Füße unter meinem Tisch stellst, hast du gefälligst zu gehorchen!“. Ein paar Jahre später setzte Vater Staat die Erziehung nach ähnlichem Duktus fort. Es hieß dann: „Nur wer etwas leistet, kann sich etwas leisten.“ Und: „Wer Rechte hat, hat auch Pflichten!“ Er war angekommen, wo er nie hinwollte. Gegen die Rattenfänger hatte er keine Chance. Niemand hatte eine Chance – nicht einmal die Rattenfänger selbst. Sie glaubten an das, was sie predigten. Oder sie mussten es sich wenigstens vormachen. Sie hatten nur diese eine Melodie gelernt. Sie konnten nicht anders.

   

Neutralisiert

Mich dünkt, es ist schon wieder Sonntag – und ich starte in die 2. Urlaubswoche… seufz.
Gestern saß ich nach dem Einkauf ein Stündchen im Nelly-Sachs-Park. Der ist gemütlicher als der großflächige Park am Gleisdreieck. Stimmungssache, wo es mich hintreibt. Ich platzierte mich auf eine Parkbank mit Blick auf den Teich und die dahinter aufragenden Hausfassaden. Die Sonne arbeitete sich fleißig durch die dahinziehenden Wolkenflotten. Lieblingsmusik und süffiges Oktoberfestbier hoben meine Stimmung nicht wesentlich – ich fühle mich derzeit wie neutralisiert.

In der Nacht diesmal keine angenehmen oder lustigen Träume. Stattdessen ärgerte ich mich über einen Chef, der mich rausschmiss. Er kam als Zyklop daher. Ich regte mich tierisch auf. Meine Sichtweise und Argumente interessierten ihn nicht. Der Zyklopen-Chef ließ mich kalt lächelnd abblitzen. Null Chance. Beinahe wäre ich ihn körperlich angegangen…  
Danach träumte ich von einer Gruppe Delinquenten, die einer nach dem anderen von einer regenbogenfarbenen Lichterscheinung gemeuchelt wurden. Die Lichterscheinung stellte sich dar wie in der Luft schwebende, parallel aneinandergeheftete Strohalme. Das sah erstmal nicht bedrohlich aus…, bis sich die Einzelteile als Mini-Laserschwerter herausstellten, die sich auf der Suche nach einem Opfer voneinander lösten, um es gnadenlos anzugreifen und zu durchbohren. Kaum ein Körperteil wurde ausgespart. Sie nahmen sich immer nur einen der Männer vor und fügten sich dann wieder zu der anfänglich beschriebenen regenbogenfarbenen Formation zusammen. Die Männer schrien und schlugen wie wild um sich, aber es nützte nichts. Dazu war ein monotones Summen zu hören, nicht laut, etwa wie bei einer Leuchtröhre. Mit diesen Eindrücken wachte ich auf. Schon lange nicht mehr so schlecht geträumt.

Immerhin: Mir bleibt noch eine ganze Woche Urlaub! Mit jedem Tag kann sich alles ändern. Oder nichts. Dann ist es so. Das Herz schlägt. Die Lungen füllen sich mit Luft. Die Verdauung funktioniert. Ich kriege Rückmeldungen von allen Körperteilen – mehr oder weniger angenehm… Man wird alt. Auch immer wieder ein Thema: das Altwerden. Es ist widerlich.

Herz auf der kalten Herdplatte

Wunderbares Berliner Leck-mich-am-Arsch-Wochenendwetter. Zwei Tage Homeoffice-Pause. Ich sitze im Halbdunkel des Wohnzimmers. Lou Reed in Zusammenarbeit mit Metallica kracht im Hintergrund „Brandenburg Gate“. Ich drehe lauter. Ich surfe durch meinen Kopf und finde nichts, nur eine wirre Ansammlung von Irgendwas…, – nennt sich großspurig mein Leben. Daran ändert auch der Drink auf meinem Schreibtisch nichts. Vorerst jedenfalls. Ich muss mich von den dummen Ansprüchen lösen. Gerade beim Schreiben. Einfach in eine Richtung fallen lassen. Das krampfhafte Suchen nach den richtigen Worten – was ein Bullshit! Und immer wieder komme ich ins Stocken… The Isley Brothers singen „Ohio/Machine Gun“. Klasse Song! Das Beste ist zeitlos. Sauge es auf. Tanze durch die Leere. Gänsehaut garantiert. Lass das verdammte Puzzle in der Kiste!
Ich schütte nach. Ich habe es warm. Immer wieder drehe ich den Kopf zum Fenster. Ich sehe hinaus in die Welt, zur Straße, zu den Wohnwaben gegenüber, zu den anderen… Ich denke in Metern und komme nicht vom Fleck. Satelliten kreisen um die Erde und vermessen uns. Drehe die Musik lauter. Drehe die Träume lauter. Das Vakuum ist Liebe. Mein Herz auf der kalten Herdplatte, während ich marionettenhaft durchs Leben wandele. Die Realität wird mir erzählt. Mal staune ich, mal ducke ich mich weg. Ich schlüpfe in Rollen. Heute bin ich nur ich. Ich lache innerlich über meine Worte. Roger Chapman singt „Turn it up loud“… Ich gehe in alle Richtungen und lande immer bei mir selbst. Ich bin mein eigenes Handgepäck. Ich schaue der Flugbegleiterin auf den Arsch. Reiseziel „Unbekannt“. Zwischenstation „Tod“.

   

Der Schuhkarton

An meinem Nachttisch steht ein Schuhkarton meiner Ex. Er hat genau die richtige Höhe, um darauf das Tablet zu stellen. Ich gewöhnte es mir an, im Bett Filme aus der Mediathek zu schauen oder YouTube-Videos. Ich gehe ziemlich früh zu Bett. Ich mache mir was zu essen und igele mich ein. Es gibt sonst nichts.
Ich schmiss fast alles von meiner Ex in die Tonne. Diesen einen Schuhkarton behielt ich. Er passt genau. Meine Ex hat die richtige Schuhgröße. Dazu muss man wissen, dass mein Bett nur aus Lattenrost und Matratze besteht, also ziemlich niedrig ist. Der Nachttisch überragt das Bett wie ein kleiner Turm. Zu hoch, um darauf das Tablet zu positionieren.
Meist gucke ich Krimis. Also erstmal einen Krimi oder zwei, drei Folgen einer Thriller-Serie. Und danach wechsele ich auf YouTube. Am Liebsten ziehe ich mir dort ein Hörspiel oder Hörbuch rein. Da muss ich nicht mehr hingucken, kann mich wegdrehen und mich ins Kissen kuscheln. Oft schlafe ich dabei ein.
Die Nächte sind lang, weil ich so früh zu Bett gehe. Ich schlafe sehr viel. Die meisten Träume sind passabel und beunruhigen mich nicht. Ich träume gern. Leider kann ich mir wenig davon merken.
Ich wundere mich über mich selbst, dass ich jeden Morgen aufstehe, einen neuen Tag beginne – ein Tag, von dem ich nichts erwarte, als ihn rumzubringen.


Im Blubber-Modus

Buchung erledigt, Fahrkarte gekauft… nun muss nur noch Donnerstag werden. Ich liebe Reisen, die wenig Aufwand erfordern. Manchmal träume ich von einem Leben aus dem Koffer, – dass ich ganz minimalistisch, nur mit meinem kleinen Fahrrad (das auch in einen Koffer passt) durch die Welt reise. Ohne festen Wohnsitz. Natürlich bräuchte ich dazu eine Kreditkarte und ein dickes Bankkonto. Außerdem gäbe es da noch x Hindernisse mit der Bürokratie… Und schon habe ich ausgeträumt. Der Realismus ist unerbittlich.
Also backe ich weiter kleine Brötchen. Einfach über Wasser halten, ist ja auch schon was: mit einem sicheren Job, einer kleinen Wohnung in Berlin; und nun leiste ich mir eine kleine Urlaubsreise. Bescheiden geht die Welt zugrunde. (Oder so ähnlich.)
Als junger Mann freilich schienen selbst die irresten Träume noch eine Chance auf Umsetzung zu haben… Tja, hat wohl nicht ganz geklappt. Sei`s drum. Im vor mich hin blubbern bin ich auch ganz gut.

 

 

Von Apollo 11 bis heute

Vor fünfzig Jahren landeten die Amis auf dem Mond. Ich erinnere mich dunkel, dass die Eltern uns Jungs aus den Betten holten. Als Knirps von sechs Jahren war ich enttäuscht, dass es in Wirklichkeit nicht so aussah, wie ich es mir mit meiner kindlichen Fantasie vorgestellt hatte. Das Prozedere sowie die begleitende Berichterstattung langweilten mich – aber ich begriff schon, dass die Mondmission für Hinz und Kunz eine aufregende Sache darstellte… Endlich betrat Neil Armstrong gegen 4 Uhr morgens MEZ den Erdtrabanten. Darauf hatten alle gewartet. Geschichte wurde geschrieben. „Ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein großer Sprung für die Menschheit“*, sagte Neil Armstrong nach seinem Ausstieg – wie aus dem Drehbuch. Die Amis hatten es also geschafft, spazierten auf dem Mond herum und platzierten die amerikanische Flagge, während ich bereits wieder in meinem Bettchen schlummerte. Es war Montag, und wir hatten Schule. Ich erinnere mich nicht wirklich, aber ich recherchierte es im Internet. 1969 begannen in Baden-Württemberg die Sommerferien erst kurz darauf. Ich hatte mein erstes Grundschuljahr gemeistert. Ich verstand noch nicht viel von der Welt der Erwachsenen und hatte keine Ahnung, wohin mich die Reise des Lebens führen würde. Bei Kummer träumte ich mich zusammen mit meinem Teddy in eine eigene Raumkapsel unter der Bettdecke, welche mir Schutz bot und mich weg von der bösen Welt brachte. Auf der Rangliste meiner Traumberufe stand Astronaut aber nicht an erster Stelle. Damals wollte ich Cowboy werden wie Little Joe aus der Serie Bonanza.
Nun, ich wurde weder Cowboy noch Astronaut… auch nicht Meeresforscher. Alle Träume der Kindheit und Jugend wetzten sich ab und wichen neuen… Als junger Mann träumte ich davon, ein Dichter und Künstler zu werden. Ich verlor mich in Liebesträumen, die zum Trauma wurden. Ich versank in den Albträumen alkoholischer Exzesse… Es folgten Studienabbrüche, jahrzehntelanges Ausharren in der Altenpflege, dann der Tod meiner Eltern, Umzug nach Berlin, Neuanfang…
Am Schreibtisch meiner kleinen Berliner Wohnung sitzend erschauere ich im Rückblick auf ein halbes Jahrhundert Geschichte mit Mondlandung, der 68er-Bewegung, dem Kalten Krieg der Supermächte, dem überraschenden Fall der Deutschen Mauer, dem Zerfall der Sowjetunion, hinüber in ein neues Jahrtausend mit Internet und Smartphone, dem erschreckenden 11. September 2001, der Angst vor islamistischem Terror, der von den USA initiierten Kriegswelle im Mittleren und Nahen Osten, dem Wiedererstarken rechtsextremer Kräfte und Parteien in Europa…

Inzwischen sind alle meine Träume am Arsch. Was soll noch kommen? Die Landung des Menschen auf dem Mars? Interessiert mich das?

 

*Von wegen großer Sprung für die Menschheit: wurde der Mensch durch die neue Perspektive auf den Planeten Erde etwa klüger? Geht er seitdem sorgfältiger mit dem begrenzten Lebensraum, der Natur und seinen Mitgeschöpfen um? Was brachte uns also dieser „große Sprung“ hinauf zum Mond? – doch nur die Bestätigung, wie großartig und von uns selbst eingenommen wir sind.

Die Frau

Sie sollte (noch) eine Taille haben. Ihr Gesicht sollte mir sympathisch sein. Ich liebe Frauen mit einer offenen Ausstrahlung. Sie sollte Humor besitzen und gern lachen. Aber bitte nicht so ein aufgesetztes überlautes Lachen – das kann ich auf den Tod nicht ausstehen. Sie sollte natürlich intelligent sein. Aber was heißt schon Intelligenz? Jedenfalls mag ich nicht diesen von Ehrgeiz zerfressenen Typ, dem seine Karriere wichtiger als die Partnerschaft ist. Überwiegend materialistisch eingestellte Menschen sind nicht meins. Darum sollte die Frau vor allem Muße für die schöngeistigen Dinge des Lebens haben. Wäre freilich nicht schlecht, wenn sie ein Stück weit meinen Musik- und Literaturgeschmack teilte. Ist aber nicht Bedingung. Viel wichtiger ist mir eine offene und unangestrengte Herangehensweise. Sie sollte auch mal Fünfe gerade sein lassen und vor allem nicht oberlehrerhaft auftreten. Schwächen gehören zum Menschen und sollten gegenseitig akzeptiert werden. Was nicht immer einfach ist – ich weiß – gerade beim Konsum von gesellschaftsüblichen Genuss- und Suchtmitteln wie Nikotin und Alkohol. Da gäbe es sicher Gesprächsbedarf. Was ich aber absolut nicht leiden kann: wenn man seine Meinung dazu nicht offen äußert oder von vorneherein kompromisslos ist. Die Frau sollte weitgehendst keine Vorurteile haben und zu denen stehen, die sie nicht ablegen kann – warum auch immer. Ich mag selbstkritische Geister. Ich mag Selbstironie. Die Frau sollte treu sein oder zumindest so ehrlich, dass sie ihre Untreue zeitnah eingesteht. Nichts ist schlimmer als eine durch Lüge aufrechterhaltene Beziehung. Freilich kann ich von niemandem erwarten, was ich selbst nicht erfülle. Man muss erstmal zu sich selbst ehrlich sein… Die Frau sollte eine gewisse Reife besitzen, d.h. Lebenserfahrung. Sie sollte schon das eine oder andere durchgemacht haben. Sie sollte gelernt haben, mit ihren Ängsten/Dämonen umzugehen (was auch heißt, sie erstmal zu kennen). Sie sollte in ihrem Denken und Handeln weitgehend frei von nationalistischen, religiösen oder anderweitig ideologischen Dogmen sein. Ich liebe den emanzipierten Geist, der sich aus sich selbst erklärt, sich nicht so leicht verbiegen lässt. Wir sind alle (nur) Menschen. Es ist natürlich, dass wir uns mit sozialen Gruppen wie z.B. der Familie oder unserem Freundeskreis identifizieren. Aber die Identifikation mit großen Gesellschaften wie Staat oder Religionsgemeinschaft halte ich für Schwachsinn. Die Frau sollte mit beiden Beinen auf dem Boden stehen. Sie sollte aber auch ihren Träumen Platz einräumen. Das muss keinen Widerspruch bedeuten. Sie sollte einen Sinn für das scheinbar Unsichtbare/Unfassbare haben. Sie sollte sich nicht zu sehr am Vordergründigen orientieren. Sie sollte ein Herz haben. Am Besten ein großes.

Erinnerungen

Seit langem griff ich mir mal wieder „Adam & Eva“ aus dem Bücherregal, ein dicker Karikaturen-Band des Künstlers Tomi Ungerer. Herrlich! Ich ergatterte das Buch vor diversen Jahren an einem Antiquariatsstand in Fürth. Ich war auf Besuch bei einer Internetbekanntschaft, die wie ich Gedichte in einem Literaturforum veröffentlichte. Wolfsfrau nannte sie sich damals. Ihr Hobby war Bergsteigen. Nicht unbedingt meine Welt, aber mir gefielen die Sachen, die sie schrieb. Wenn ich mich recht erinnere, war ich nur übers Wochenende bei ihr. Nein, es lief nichts zwischen uns. Damals trank ich exzessiv und war ziemlich derangiert. Wir schrieben uns weiterhin und träumten von einem gemeinsamen Gedichtband…, aber mit der Zeit schlief der Kontakt ein – wie das so ist. Zurück blieben das Karikaturen-Buch Tomi Ungerers und ein Schnellhefter mit Wolfsfraus Gedichten. Ich komme darauf, weil ich heute in den Internet-Nachrichten von Tomi Ungerers Tod las. Er verstarb 87jährig in Irland bei seiner Tochter.
Ich mag seine Karikaturen, und es wurde Zeit, sie mal wieder hervorzuholen.

Die Luft ist raus

Wenn Träume platzen, ist das immer bitter. Das ganze Leben besteht aus platzenden Träumen. Die so fantastisch aufspielende Deutsche Handballmannschaft unterlag im Halbfinale Norwegen. Schade, ich hätte den Jungs die Erfüllung ihres großen Traums, Weltmeister zu werden, gewünscht. Sie waren auf einem guten Weg dorthin. Jeder kennt den Katzenjammer nach der Euphorie. Man könnte sich angesichts der geplatzten Träume in den Arsch beißen. Es wäre zu schön gewesen …
Nun ist heute Morgen auf Berlins Dächern und Straßen tatsächlich ein wenig Schnee zu sehen. Vielleicht ein halber Zentimeter. Am frühen Morgen hörte ich das Scharren der Schneeschaufel im Hof. Ich lag bereits wach, schaute mir eine Doku über Jack Londons Leben an. Ein rasantes kurzes Dasein fristete er. Seine Geschichten und Romane unvergessen. Er zählte schon immer zu meinen Lieblingsautoren. Also war mein Gedanke: Ich muss mal wieder den guten alten Jack London lesen. Da von ihm im Bücherregal lediglich „König Alkohol“ steht, bestellte ich mir bei Amazon zwei Erzählbände. Leider muss ich zu meiner Schande gestehen, dass ich derzeit sehr wenig lese. Die ungelesenen Bücher stapeln sich bereits. Nur auf Reisen komme ich vermehrt zum Lesen, und ich weiß, dass Jack London eine ausgezeichnete Reiselektüre ist. Ich freue mich schon darauf, auf Gran Canaria seine Geschichten zu lesen.
Das Wetter am Wochenende soll trist werden. Der wenige Schnee wird schnell wieder verschwunden sein. Noch verzuckert er die Bürgersteige und parkenden Autos. Bald wird es bei knapp über null Grad regnen. Der Winter gab nur ein kurzes Stelldichein. Das Siffwetter kehrt zurück. Alles ist so verdammt flüchtig. Die Träume platzen wie Seifenblasen, während man sich Tag für Tag im Hamsterrad einen abstrampelt. Jack London schaffte den Sprung aus dem Hamsterraddasein. Er war ehrgeizig und begabt. Das bin ich weniger. Viel weniger. Vor allem mein Tatendrang lässt zu wünschen übrig. Meine Lieblingsbeschäftigung ist Abhängen… zuhause, in Kneipen und Biergärten. Das größte Defizit, welches ich im Winter empfinde, ist, dass die Biergärten geschlossen sind. Ich sitze also zuhause und schaue aus dem Fenster… hinaus in die Kälte, auf die Passanten, die parkenden Autos, die Litfaßsäule auf der anderen Straßenseite und die dahinterliegende Häuserfront mit den vielen Fenstern – bienenwabengleich. Apropos Litfaßsäule, ich recherchierte inzwischen, warum sie derzeit nackt herumsteht. Sie ist nicht alleine betroffen. Die Litfaßsäulen Berlins sollen neuen Modellen Platz machen, wahrscheinlich irgendwelchem digitalen Schnickschnack, der mit der herkömmlichen Litfaßsäule nicht mehr viel zu tun hat. Erst das Baumsterben, und nun erlebe ich auch noch das Sterben der Litfaßsäulen…
Das Leben ist grausam. Gnadenlos weicht das Alte dem Neuen und vermeintlich Besseren. Der ewige Lauf der Dinge. Evolution und Auslese. Wir Menschen drehen munter mit an den Stellschrauben der Schöpfung. Das macht uns anscheinend ganz heiß. Immer schneller, immer weiter! Hinterm Horizont wartet der ultimative Orgasmus.

Ich hänge dann mal ab. Jack London disziplinierte sich dazu, jeden Tag 1000 Wörter zu schreiben. Da komme ich freilich nicht mit. Heute schaffte ich gerade mal die Hälfte.

Rührei in der Mikrowelle

Man kann eine Menge machen im Leben, z.B. Rührei in der Mikrowelle. Da unser Büro unweit der Kaffeeküche liegt, kriege ich solcherlei Ereignisse am Rande mit. Der junge Kollege mit den strahlenden Augen erklärt das Rezept. Er ist ein großer schlaksiger Kerl, ein echter Sonnenschein mit tiefer sonorer Stimme. Regelmäßig veranlasst er die Hühner zu Lachtiraden. Alle mögen ihn. Er gehört zu den Menschen, denen man schwer was krummnehmen kann. Wenn er die nötige Kohle hätte, würde er ein Fitnessstudio aufmachen, erzählte er, das sei sein Traum. Wenigstens hat er einen Traum…, dachte ich bei mir, – beneidenswert. Was man nicht alles macht. Vor ein paar Jahren hatte ich null Ahnung von Tumordokumentation, und nun verbringe ich wöchentlich 40 Stunden damit. Hätte ich wie mein junger Kollege einen Traum, würde es mir vielleicht nicht so schwerfallen. Wirklich, ich kann mir keinen Traumjob vorstellen. Mein beruflicher Ehrgeiz hält sich somit stark in Grenzen. Immerhin mache ich mit der Tumordokumentation was halbwegs Sinnvolles. Oder? Meiner Kollegin und mir kommt es immer häufiger so vor, als ob wir ohne Sinn und Verstand die Daten ins Dokumentationssystem kloppen. Das zugrundeliegende Konzept erscheint mir verworren und unzureichend durchdacht. Politischer Aktionismus? Mehr Schein als Sein? Hat überhaupt jemand den Durchblick – Krankenkassen, Ärztekammer, Senat? Die Onkologischen Zentren? – Unglaublich, wie viele Organisationen und Parteien involviert sind. Man kann nur hoffen, dass in den Leitungsebenen sehr gescheite Köpfe sitzen. Unsere Arbeit wird schon von Nutzen sein, sonst würde doch nicht solch ein Aufwand betrieben werden…
Das Wochenende steht wie immer im Zeichen des Blues. Jetzt nicht mehr über den Job nachdenken. Morgen geht`s bereits wieder ran an die Buletten. Tausende Tumorfälle warten in den Stahlschränken.

Die Fußball WM lief an. Heute Deutschland gegen Mexiko. Der Fußball bedeutet etwas Ablenkung – von der Arbeit, vom Schwarzen Hund, von allem. Ich glaube, es geht nicht nur mir so. Die Kneipen und Pubs voller Leute. Und ich mittendrin. Mal sehen, – weil zu voll mag ich es nicht. Vielleicht besser im Biergarten. Dort bauten sie eine Leinwand auf. Das Wetter scheint auch zu passen. Nur kein Stress. Notfalls schaue ich mir das Drama zuhause auf der Couch an. Nach den jüngst abgelieferten Leistungen der Deutschen Mannschaft bei den zwei Testspielen, bin ich einigermaßen besorgt. Ein Tipp fällt mir schwer. Aber Löw wird schon wissen, was er tut. Oder? Wie stark ist Mexiko? Das Ballspiel hat dort eine lange Tradition… noch aus Zeiten der Mayas. Aber natürlich hat der moderne Fußball mit den damaligen Bräuchen gar nichts zu tun. Heute steht der Spaß im Vordergrund. Na ja, und das Geld. Bei solch internationalen Turnieren auch Völkerverständigung. Ein Spiel erobert für vier Wochen die Welt. Selbst der ein oder andere Fußballignorant wird von der Stimmung mitgerissen. Das rätselhafte Wesen Mensch findet sich affenmäßig zusammen, um auf einen Bildschirm zu glotzen, wo zwei Mannschaften auf einem Spielfeld 90 Minuten lang einem Ball nachjagen, welchen sie nach gewissen Regeln in den Kasten des Gegners befördern müssen. Oder so ähnlich. Was man nicht alles macht. Mehr oder weniger leidenschaftlich. Wie Rührei in der Mikrowelle…