Anarchie des Wartens

Ich warte auf den Frühling, aber noch ist die Sonne kalt, zumindest hier im Osten Deutschlands.
In den Nachrichten gibt es kaum etwas anderes als Krieg, die Corona-Zahlen und den Wetterbericht.
Die gekalkten Zimmerwände schmiegen sich an mich wie eine zweite Haut. Ich kann die Stunden nicht zählen, die ich auf der Couch und im Bett verbringe.
Ich wundere mich über meine Tränen.
Die Welt ist ein Film. Mein eigenes Leben verblasst.
Ich stehe morgens auf, ich gehe zur Toilette, ich wasche mich, ich esse und trinke, ich gehe zu Bett, ich schlafe.
Ich atme. Mein Herz schlägt.
Meine Haare und Nägel wachsen unaufhörlich. Sie sind ziemlich anarchistisch.
Ich warte auf den Frühling oder sonst was. Oder ich warte auf eine wärmende Umarmung. Alles muss irgendwann aufgeladen werden, selbst wenn es nur nichtsnutzig herumliegt.


Abschiedsessen

Auf dem Teller Wildschweinbraten, Rosenkohl und Salzkartoffeln. Die Sonne im Nacken. Sie sitzt mir mit einer großen weißumrandeten Sonnenbrille gegenüber. Ich hatte in einem Anfall von Sehnsucht die törichte Idee zu dem Treffen bei Mutter Hoppe, das erste Lokal, in das wir einkehrten, als ich sie damals in Berlin besuchte. Vor gut vier Jahren. Unser Gespräch verläuft stockend. Die Fronten wie gehabt. Sie will an der Situation nichts ändern, trotzdem an der Beziehung zu mir festhalten. Ich sage, dass ich unter diesen Umständen keine Grundlage mehr für eine Beziehung sehe, wenigstens eine Perspektive bräuchte. Ich spüre die Sinnlosigkeit meiner Worte. Mein Innen verhärtet sich. Kein Weiterkommen. Was ist mit uns passiert? Das gute Essen steht im Widerspruch zur Situation. Sozusagen eine Henkersmahlzeit, denn ich beschließe, sie nicht wiederzusehen. Es tut verteufelt weh.
Sie umarmt mich zum Abschied, küsst mich. Ich drehe mich zur Seite. Nur mühsam kann ich die aufsteigenden Tränen zurückhalten. Die Wunde ist offen. Nur weg, denke ich. Konsterniert radle ich den Weg zurück, mitten durch Berlin, wo fast alles mit ihr verknüpft ist. Könnte ich doch nur die Erinnerungen abtöten.