Sonnenuntergang

Die Sonne in den Augen meiner Mitmenschen
zu finden, wird immer
schwieriger
und wohin ging meine Strahlkraft?
als wäre das Leben
ein unsinniges Brettspiel
mit seelenlosen
Figuren
die sich zombiehaft voranschieben
bis zur Klippe
und ich zwischen ihnen
ein Verlorener
ein Desperado
im Wartezimmer des Todes

Hätte ich doch nie die Sonne gesehen!

 

 

Unter Wasserhüpfern

Das Leben bleibt unergründlich. Du denkst, da müsste doch noch was kommen, aber es kommt nichts. Lediglich auf der Oberfläche verändert sich dies und jenes. Gut für die Materialisten. Sie flitzen durch das Leben wie Wasserhüpfer über einen Teich. Ich sehe ihnen dabei zu und staune. Während ich schwerfällig am rudern bin, springen sie wie Kobolde um mich herum, als wäre das Leben eine Art Spiel – nach dem Motto „weiter-höher-schneller!“. Ich versuchte, mich an diese mir wesensfremde Welt anzupassen, indem ich Alkohol trank. Nach ein paar Bier fühlte ich mich ebenso schwerelos. Das Leben erschien mir mit Alkohol leichter. Nur war das nicht ich. Und ich musste immer mehr schlucken. Ich konnte nicht mehr aufhören.
Man ist, wie man ist. Ich mache den Materialisten und Wasserhüpfern der Welt keinen Vorwurf. Nur wohlfühlen kann ich mich unter ihnen nicht wirklich. Ich trank mir das Leben schön wie eine Geliebte, die einem ungefragt zuflog. Ich wusste immer, dass ich mir etwas vormachte. Mit Selbstlügen habe ich`s nicht so. Das Leben ist ein Teufelskreis. Du denkst, da müsste noch was kommen, aber es kommt nichts… Lediglich auf der Oberfläche verändert sich dies und jenes.
Ich hatte verflucht viel Glück, dass ich nicht absoff. An manchen Tagen bin ich sogar stolz darauf, weil es nicht nur Glück war. Es war nicht ganz einfach, der zu sein, der ich bin…, trotzdem immer wieder einen Platz zu finden, – ein Seerosenblatt auf dem Teich, an dem ich mich eine Weile festhalten konnte.

Im Spinnennetz der Wahrheit

Man könnte sagen, ich bin vom Typ „Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß“. Doch diese Strategie lässt sich nicht ein Leben lang durchhalten. Wenn ich dann was weiß, kann ich es nur noch schwer ignorieren. Ich dachte immer, allen Menschen ginge es so oder ähnlich. (Wir schließen zu gern von uns auf andere.) Sehr wahrscheinlich ist es aber so, dass meine Mitmenschen unterschiedliche Strategien im Umgang mit ihrer Wahrnehmung, ihrem Wissen und ihrem Leben benutzen. Häufig treffe ich auf den Typen, der das, was er weiß, je nach Lebenslage ignoriert oder sich die Fakten passend schustert. Keine so üble Vorgehensweise in einer Welt, die fürs Überleben und Weiterkommen von uns eine große Anpassungsfähigkeit verlangt. Ich dagegen hänge verzweifelt in dem Spinnennetz der Fakten und sich daraus ergebenden Fragen fest. Ich glaube tatsächlich an sowas wie die Wahrheit – auch wenn sie alles andere als gut aussieht. Genau genommen ist die Wahrheit die Spinne, die mich einwickelt und langsam auffrisst. Der Pragmatiker und Opportunist schüttelt angesichts meiner Sturheit nur den Kopf: „Siehst du nicht, was du dir damit antust? Du manövrierst dich hoffnungslos ins Aus. Das Leben ist kein Spiel, aus dem man einfach aussteigen kann. Du akzeptierst die Regeln oder verlierst. Gefällst du dir als Loser?“
Der Pragmatiker und Opportunist, ich werde ihn der Kürze wegen Realo nennen, hat immer Recht. Er beherrscht das Spiel und ist der geborene Gewinner. Er beruft sich auf das Recht des Stärkeren. Was soll man ihm entgegnen? Ich stemme mich aus purem Trotz gegen seine Dogmatik: „Kann schon sein“, sage ich, „du hast verdammt recht – aber das Leben ist kein scheiß Spiel! Ich will nicht so sein wie du…, wie alle! Eure Welt kotzt mich an!“
Der Realo grinst breit, aber in seinen Augen sehe ich aufrichtige Traurigkeit: „Schade. Du bist kein übler Typ. Ich mag dich. Es ist doch gar nicht so schwer, wie du denkst. Die Welt wartet auf dich. Du kannst noch so viel erleben! Schmeiße nicht alles weg! Verwende lieber deine Energie, um wirklich etwas zu bewegen, und renne nicht gegen Windmühlen an.“
Ich spüre, dass er mich argumentativ an die Wand gefahren hat. Was soll ich erwidern? In meinem Kopf nur Nebel. Mein Standpunkt löst sich in Wohlgefallen auf. Ich schnappe mir ein Bier aus dem Kühlschrank, öffne die Flasche und feuere den Kronenkorken wütend in den Müll.
„Lass mich doch in Ruhe!“ rufe ich in übler Trinklaune, „was wollt ihr eigentlich von mir?!? Darf ich nicht einfach sein, wie ich bin?!“
In meinem Kopf hallt der Satz nach: Darf ich nicht einfach sein, wie ich bin?! – Darf ich nicht einfach sein, wie ich bin? – Darf ich nicht einfach sein, wie ich bin?!… Der Gerstensaft zwitschert aus dem Flaschenhals in meine Kehle. In der Welt gibt es keinen Platz für Träumer, nur für Realos und ihre dunklen Gesellen. So ist es nun mal. Entweder man verkauft seine Seele dem Teufel oder versäuft sie.