Es schifft

Ich meine, es schifft ununterbrochen. Das muss einen nicht unbedingt frustrieren, wenn man z.B. Geburtstag hat, im Lotto eine gehörige Summe gewann oder frisch verliebt ist. Aber was soll ich sagen? Morgen beginnt bereits wieder eine öde Arbeitswoche mit Tumordokumentation. Ich weiß nicht, wie viele Tumorfälle aus Berlin und Brandenburg jede Woche über meinen Schreibtisch wandern, aber es sind sicher Hunderte. Ich erwähnte es früher schon mal: Ich bin natürlich froh, dass ich diesen Job kriegte. Fast alles war besser, als im Altenheim weiterhin als Arschwischmaschine zu dienen. Ganz abgesehen von der Verantwortung, welche mich total überforderte. Die Alten waren mir in den Nächten auf Gedeih und Verderb ausgeliefert… Viereinhalb Jahre ist es her, dass ich meinen letzten Nachtdienst schob. September 2014 sagte ich „Goodbye“ zur Altenpflege. Durch das Erbe meiner verstorbenen Eltern war ich vorerst abgesichert. Zudem frisch verliebt. Ich fühlte mich eine Zeit lang wie neugeboren.
Wie lange ist das schon wieder her? Warum konnte das Glück nicht anhalten? Ich sitze alleine in meiner Bude in Berlin und blicke aus dem Fenster. Es ist Sonntagnachmittag, Anfang Februar. Es schifft unaufhörlich. Ich setze mir einen Topf mit Maccheroni auf. Der Topf kocht über, während ich diesen Beitrag schreibe. Scheiße! die Maccheroni! fährt es mir in den Kopf.

Ein Haufen Scheiße mit Gehirn

Rabengekrächze tönt von draußen herein. Ich kippte das Fenster. Im Hof vor der Tanzschule stehen drei Typen, die rauchen, plaudern und sich unheimlich cool finden. Wahrscheinlich warten sie auf ihre Angebeteten… oder sie nehmen selbst an einem der angebotenen Kurse teil und ziehen vorher schnell noch eine durch. „Lutscher!“ denke ich insgeheim. Ich fühle mich allgemein von sehr vielen meiner Mitmenschen abgestoßen, von ihrem Gehabe und den Gesprächen, die sie führen. Was für Laffen! denke ich dann. Oft schaue ich einfach über die menschlichen Auswüchse an Widerwärtigkeit, die mir in der freien Wildbahn der Großstadt begegnen, hinweg – schließlich will ich mich nicht immer über denselben Mist grämen. Sowas ist reine Energieverschwendung. Heute scheine ich aber mal wieder einen meiner sensiblen Tage zu haben. Von Frauen kennen wir das, wenn sie ihre Tage bekommen. Aber auch bei uns Männern gibt`s sowas…, weiß der Teufel. Fuckin` Hormones!
Wenn ich tagelang in der Bude hocke, fühle ich mich wie ein Haufen Scheiße mit Gehirn. Etwa wie jetzt, nachdem ich gestern zuhause abhing. Wird Zeit, dass ich meinen Standpunkt wechsele. Es reicht, wenn ich meinen Arsch hin zum Pub verschiebe. Die Deutschen Handballer spielen 14 Uhr 30 um Platz 3 gegen Frankreich. Passt mir gut. Sonntagnachmittage sind immer eine Herausforderung, vor allem im Winter. Als Kind erlebte ich sie verbunden mit langweiligen Spaziergängen und Kaffeekränzchen. Viel lieber hätte ich gespielt, vor der Glotze abgehangen oder mich mit Freunden getroffen. Wenigstens bin ich heute mein eigener Herr, und niemand redet mir bei der Gestaltung meiner Sonntagnachmittage hinein. Als ätzend empfinde ich sie trotzdem noch.
Gut zwei Stunden bleiben totzuschlagen, bis das Spiel beginnt. Das sollte zu schaffen sein. Obwohl mir gerade nichts mehr einfällt.