Flaute

Vor ein paar Tagen mistete ich meinen Nachtschrank aus. Zu entsorgen waren einige Produkte, deren Haltbarkeitsdatum überschritten war: Nasensprays, Schmerztabletten und massenhaft Kondome – aus offenbar besseren Zeiten.
Obwohl bei mir in Sachen Sex bereits seit längerem aufgrund mangelnder Gelegenheiten totale Flaute herrscht, kaufte ich eine kleine Packung Billy Boy nach. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.
Ich weiß schon, dass Frauen eher auf sexuell aktive Männer stehen. Das Denkmuster ist einfach: Wer viel Sex hat, muss attraktiv sein. Und die anderen sind Loser. Ich outete mich also gerade als Loser, was womöglich nicht sonderlich klug war. Aber ehrlich, wie ich bin…

Einem Gedankenblitz folgend schaute ich nach dem Haltbarkeitsdatum der neuen Packung Billy Boy.
08/2024 – Stress muss ich mir also keinen machen.



Nicht unbedingt Dicke Titten

Langsam wäre es an der Zeit, dass ich mich frage, was ich eigentlich von Frauen will.
Gar nicht so leicht zu beantworten. Was will man überhaupt vom Leben?
Es muss doch etwas geben, was das Leben lohnenswert erscheinen lässt. Ich meine, wenn man nicht gerade passionierter Modellbastler, Briefmarkensammler u. ä. ist. Auch gibt es die absoluten Familienmenschen, die im sozialen Modus schwelgen bei Kaffee und Kuchen mit Tanten und Onkels etc. Oder nehmen wir die Menschen, die in ihrer Arbeit total aufgehen… oder die Idealisten, religiösen Spinner… oder die Typen, die unbedingt ohne Atemmaske auf den Everest steigen müssen.
Um es kurz zu machen: Ich gehöre zu keiner dieser Gruppierungen, die ich nannte, und auch zu keiner anderen – am ehesten noch zu den Biertrinkern und Kneipengängern. Doch daraus leite ich nicht unbedingt etwas für mein Leben Lohnenswertes/Erfüllendes ab. Ich sitze einfach gern irgendwo blöde herum und betrachte meine Umgebung, die Menschen, den Himmel, die Plätze – wo ich halt gerade bin. Ich mache mir dabei Gedanken übers Dasein und den Sinn des Lebens. Natürlich komme ich zu keinem befriedigenden Ergebnis. Also stehe ich auf, gehe zur Theke (vorausgesetzt meine Ex steht gerade nicht an), hole mir das nächste Bier und fahre fort mit meiner Tagträumerei.
Da ich hetero und Mann bin, lenke ich meine Blicke automatisch auf die attraktiven Relikte des anderen Geschlechts. Ich kann daran nichts Unnormales finden. Gegen meine Natur will ich mich verdammt noch mal nicht auflehnen. Ich hoffe nur, dass ich nicht allzu auffällig glotze. Nein, ich bin ein anständiger Mensch, der bemüht ist, die Attitüden unserer fuckin` Gesellschaft zu achten. Ehrlich. Kein Scheiß.
Und jetzt ganz ernsthaft: Mir geht`s nicht vordergründig ums Sexuelle. Viel lieber hoffe ich auf eine Liebe, aus der eine innige Partnerschaft resultiert. Meinem Singleleben fehlt das Gegenüber, das aufrichtig an meiner Person interessiert ist. Ich sehne mich nach einem Hafen. Der muss nichts Großartiges sein, aber schon behaglich und vorallem unanstrengend… Wenn die Frau dann noch schön anzuschauen ist, macht mich das glücklich wie einen König. Ich weiß, es ist ziemlich schwer, eine Frau zu finden, die alle meine Erwartungen erfüllt. Gibt es überhaupt unanstrengende Frauen? Jage ich einer Utopie hinterher? Allzu viel Zeit bleibt mir nicht mehr. Vielleicht besser auf den Everest steigen (mit Atemmaske – manche Kompromisse müssen sein).

 

Karl-Heinz

Endlich fertig ausgepackt. Die Waschmaschine läuft mit der Schmutzwäsche…
Der Ritt durch Pommern war eine echte Ochsentour. Schön, dass ich noch ein paar Tage zum Relaxen habe, bevor ich zur geliebten Büroarbeit zurückkehren muss. Die geschundenen Glieder schmerzen. Sonnenverbrannt glotze ich in den Tag. In Berlin ist die Luft zum Schneiden. Ich schwitze vom Nichtstun.
Meine Ankunft im Pub begossen. Dabei an der Bar so viel gequatscht wie selten. Kaum über meine Reise, sondern über Liebe, Sex, Musik, Kultur… das Leben überhaupt. Ich lernte Karl-Heinz kennen, einen Rentner, der, wie er sagte, alles hinter sich ließ und sich im Norden Schwedens niederließ. Nun war er mal wieder zu Besuch. Er reist viel herum. Wie kamen wir überhaupt ins Gespräch? Ach ja, er stand plötzlich an der Bar neben mir und meinte zum Wirt, dass die Nutten in Berlin keinen Stil mehr hätten. Alles nur noch Ramsch. Die besten Zeiten Berlins müssen die Zwanziger gewesen sein. Ich stimmte ihm zu. In meinem Bücherregal stehen einige Romane, deren Protagonisten im Berlin dieser Jahre liebten, feierten und litten. Viele meiner Lieblingsdichter und Maler lebten damals – was für ein prickelndes Milieu an kreativen Freigeistern und lasziver Halbwelt!
Wir quatschten munter drauflos. Nach einer Reise des Schweigens hatte ich offenbar Redebedarf. Mir gefiel Karl-Heinz` Offenheit. Er war auf kauzige Art lustig. Vom Thema Sex kamen wir zur Liebe und wieder zurück zum Sex. Er erzählte mir von seiner Neigung zu SM und seinen Erfahrungen. Mit jedem Bier gab er mehr intime Details preis. Bei dem Thema kann ich nicht mitreden, also versuchte ich das Gespräch immer wieder zurück auf Liebe und Beziehungen zu lenken. So ging das hin und her. Er meinte, Frauen würden anders lieben als Männer, mehr in Hinsicht auf ihre Eigeninteressen, möglicherweise sei das in ihre Natur eingewebt/eingewoben*. Obwohl es z.B. zwischen den Ost- und Südeuropäerinnen schon Unterschiede gäbe. Z.B. wären Spanierinnen in Sachen Liebe treuer und duldsamer. In Hinblick auf meine Ex konnte ich Karl-Heinz darin nicht ganz widersprechen. Ansonsten bin ich gegen solche Pauschalisierungen. „Ich bin einfach zu gutmütig“, wiederholte er mehrmals und schilderte einige Fälle, wo er von Frauen reingelegt wurde. Ich merkte, dass diese Sachen ziemlich an ihm nagten. Also bohrte ich nicht weiter nach und ließ ihn wieder von seinem Lieblingsthema SM quatschen…
Später gesellte sich noch ein waschechtes Berliner Mädel zu uns, auch schon in den Jahren, eine der Stammkundinnen. Genau nach Karl-Heinz` Geschmack. Er versuchte sie anzumachen, aber sie war zu abgebrüht. Wir redeten und redeten und redeten… nun mehr über Musik – Musik von früher im Vergleich zu jetzt. Wir wetteiferten mit Interpreten, die uns gerade in den Sinn kamen, bis wir fast alle nennenswerten aus den Sechzigern und Siebzigern zusammenhatten…
Karl-Heinz verabschiedete sich zuerst. Seine Visitenkarte steckt an meiner Pin-Wand. „Vielleicht besuchst du mich mal in Schweden“, sagte er.

 

*sucht`s Euch aus

Optimist in der Liebe – Schwachkopf im Leben

Ziemlich unsichere Sache mit der ausklappbaren Aluleiter im engen Bad – die beiden Glühbirnen in der Deckenlampe (noch die alten von Osram mit Glühdraht) hatten auf einen Schlag den Geist aufgegeben, und ich tauschte sie aus. Immerhin hielten sie seit meinem Einzug, also länger als meine letzte Beziehung. Frauen kann man dummerweise nicht einfach austauschen (außer man ist Popstar). Dabei wäre es langsam an der Zeit für eine neue, die etwas Licht in mein Leben bringt. Das alleine vor sich hindümpeln ist auf Dauer nichts für mich. Irgendwo da draußen ist sie sicher, nur weiß sie es noch nicht. Die Arme. Auf er anderen Seite kann auch ich der Arme sein, der auf sie reinfällt (– wie beim verhängnisvollen letzten Mal). So weit darf man aber nicht denken, sonst schrumpelt die Sehnsucht nach Zweisamkeit zusammen wie ein Hetero-Schwanz in der Männerdusche. Was die Liebe angeht, bin ich seltsamerweise gnadenlos optimistisch. Etwas Dummheit darf man sich doch leisten, oder? Ich meine die Dinge, die einen kaputt machen, aber ohne die man nicht leben will. Darum brauten die Mönche Bier und gruben einen Tunnel zum benachbarten Nonnenkloster. Sie haben meine Sympathie. Und die Heimlichtuerei hat den Reiz sicher tausendfach erhöht. Hach! – ich wäre gerne mal bei einer solchen unterirdischen Orgie dabei gewesen…
Viel wichtiger als der Sex ist mir aber die Liebe. Nichts Schöneres in meinem Leben gab es, als einen dieser weitentfernten Sterne vom Nachhimmel zu holen und zu küssen. Lege dich neben mich – wir halten uns gegenseitig.

Weich wie Babys

Weil ich`s gerade von hübschen Osteuropäerinnen hatte: Sie nannte sich Lotte Werther und war wie ich damals in einem Literaturforum zugange. Über das Schreiben kamen wir uns näher. Frauenmäßig saß ich gerade auf dem Trockenen und war zu jeder Schandtat bereit. Sie wohl auch. Die privaten Sachen erfuhr ich aber erst nach und nach während unserer Sex-Dates. Wir trafen uns dreimal. Ich erinnere mich noch gut an den Tag, als sie mit ihrem Smart von Regensburg kommend eintraf. Wir gingen spazieren, wobei sie gleich auf Tuchfühlung ging. „Wo ist er denn?“ fragte sie schelmisch. Ich hatte Lotte bereits vorher auf ein paar Fotos gesehen und war von ihrer Figur recht angetan. Es stimmte alles an ihr. Sie sah das wahrscheinlich etwas anders. Sie haderte mit ihrem Alter und wollte sich sexuell nochmal ausleben, „…bevor es da unten trocken wird“, sagte sie. Ich hatte nichts dagegen…, trotz der Bedingung, die sie stellte: Ich solle während unserer Treffen nichts trinken. Ich hielt mich dran. Wäre wirklich ein Jammer gewesen, wegen ein paar Drinks auf den Sex mit dieser geilen reifen Frau zu verzichten.
Ich weiß nicht, ob ich Lottes Geschichte noch zusammenkriege: Sie war Rumäniendeutsche und hatte als Deutschlehrerin in Rumänien gearbeitet. Die Rumäniendeutschen waren dort nicht gerade gut angesehen. Scheiß System, scheiß Politik sowie die entsprechenden Idioten an den Hebeln der Macht. Es wurde privat und beruflich unerträglich für Lotte, und so floh sie mit ihren beiden Jungs nach Deutschland. Ihr Mann folgte später. In den Sex-Pausen kamen wir ins Erzählen. Ich erfuhr eine ganze Menge über diese taffe Person. Auch im Bett konnte ich noch was lernen. Sie machte es unglaublich gut mit der Hand – und ich war spitz wie Nachbars Lumpi. Wir taten, wovon ich schon immer geträumt hatte: tagelang ficken und im Bett rumlümmeln. So kam es zu meinem Rekord von 18-mal Abspritzen in Folge.
Wir unternahmen auch einige Ausflüge mit ihrem Smart. Selbst beim Fahren konnte sie es nicht lassen und holte meinen Schwanz aus der Hose. Und da sie meist einen Rock anhatte und keinen Slip drunter trug, war ich mit dem Finger schnell in ihrer heißen Möse. Mein Gott, ich kriege heute noch einen Harten, wenn ich dran denke. Wir verbrachten eine lustige, verrückte Zeit miteinander. Der Alk ging mir (fast) nicht ab.
Lotte war verheiratet. Ihre inzwischen erwachsenen Buben studierten in München. Sie hatte nicht vor, ihren Mann zu verlassen. Schon gar nicht wegen mir. Sie wollte nur noch mal auf die Tube drücken. Bei unserem letzten Treffen rasierte sie mir die Eier. Eines meiner Gedichte hatte sie dazu animiert. Die rasierten Eier fühlten sich wunderbar weich an wie Babys. Dann klingelte ihr Handy. Es war ihr Mann. Sie ging nach draußen zum Telefonieren. Als sie zurückkam, packte sie ihre Sachen.