Alte Wege

Aus dem Homeoffice-Tran in die Wochenendmelancholie, der Rollladen auf Halbmast… Ich treibe dahin mit meiner Lieblingsmusik im Rücken. Das Hochladen auf YouTube Music dauerte zwei Tage und Nächte. Viele der Songs wecken alte Erinnerungen. Ich hörte sie lange nicht mehr. Streicheleinheiten für das geschundene Herz.
Ich will tanzen – ich will malen – schwerelos – fern von allen Ängsten – durchflutet vom wonnigen Gefühl der Liebe…
Ich sitze am Schreibtisch und träume mich durch einen milden Sommertag. Ich gehe im Geiste alte Wege. Ich will den Verstand ausschalten. Ich will neben dir liegen.

Das Fenster steht auf Kipp. Ein lauer Lufthauch berührt meinen Nacken. Ich denke zurück an meinen dementen Vater, als er hinter mir stand und zärtlich meinen Nacken anfasste, wie er es in seinem ganzen Leben nie getan hatte…
Wenn der Fluss zum Strom wird und schließlich ins Meer mündet, wird er sanft und verliert seine Ufer. Das Herz fließt hin zum Horizont.
„Alles Gute für deine Reise!“ rufe ich ihm hinterher.
Ich sitze am Schreibtisch und starre auf den Monitor des Notebooks, auf die Worte, die ich schreibe. Meine Lieblingsmusik im Rücken. Und das Leben vorm Fenster.

 

Noch ein, zwei Bierchen

So! – mein Schreibtisch ist wieder sauber von Arbeitskram. Zwei Wochen Urlaub winken. Mein Zurückwinken fällt müde aus. Meine Freude hält sich in Grenzen. Urlaubsstimmung ist anders, aber ich hoffe, dass sich da noch was in mir entfaltet. Vielleicht bringt mich ein Ausflug zum Schlachtensee in Schwung. Mit dem Fahrrad freilich. Der Biergarten der Fischerhütte hat bestimmt geöffnet. Das Wetter scheint mitzuspielen. Hinz und Kunz werden unterwegs sein. Vatertag. Schon jetzt strömen allerlei Menschen an meinem Fenster vorbei Richtung Park am Gleisdreieck. Raus will ich auf jeden Fall. Schon allein zwecks Bewegung, frische Luft und Sonne. Vorher noch ein Bierchen oder zwei, Liegestützen am Fenstersims (gewöhnte ich mir in der Zeit des Homeoffices an), am sauberen Schreibtisch sitzen und auf nichts warten.

 

img_20200520_160545

der hat`s echt drauf!

 

Ich verkrümele mich heute

Sieht so aus, als sollte der 1. Mai 2020 ein Nasenlöcher-Ausräumtag werden. Ich kann es überall: vorm Schreibtisch, auf der Couch, im Bett…, Hauptsache, ich fühle mich unbeobachtet. Unglaublich, wie mein Zeigefinger zielsicher das für ihn bestimmte Nasenloch findet. Links zu links, und rechts zu rechts. Ich bin fasziniert von dieser Symmetrie. Es gibt Dinge, an die man sich derart gewöhnte, dass man nicht mehr drüber nachdenkt. Dazu fällt mir auf, dass ich mich oft am Kopf kratze. Meist knapp überm Hinterohr – wie ich das bei Hunden beobachtete. Oder ich kratze mich ganz oben am Haupt, und Hautschuppen rieseln wie Schnee auf den Schreibtisch…
Wenn ich schonmal dabei bin: Auch in meinen Ohren bohre ich nebenbei herum. Dann ist da noch die Augenbutter… (Woher kommt nur der ganze Schmodder?) Ich stelle mir vor, wie ich alles gleichzeitig mache, während ich an meinem Notebook diesen Text tippe. Wie viele Finger/Hände brauche ich?

Schon nach 14 Uhr… Unglaublich. Ich stand gegen Neun auf – was habe ich nur die ganze Zeit gemacht? Kratz.