Ostersonntag

Ich kam nur bis zum Park am Gleisdreieck. Es war kühler als gedacht. Zuerst steuerte ich den BRLO-Biergarten an. Ich wendete auf der Stelle, als ich der Menschenschlange am Bierstand gewahr wurde. Auch der Park war gut besucht, aber nicht übervoll. Ich fand einen Sonnenplatz auf der Holztribüne an dem großen Sandbecken. Keine Frescobol- und keine Volleyballspieler zu sehen, was ich eigentlich erwartet hatte (um mich von ihrem Spiel hypnotisieren zu lassen). Sonnenbebrillt und mit dem Kopfhörer auf den Ohren starrte ich vor mich hin. Aus meinem Rucksack holte ich eine Flasche Roten. Um mich herum jede Menge meist jüngere Leute, die sich sonnten, Eiskugeln schleckten, zusammensaßen, lachten, plauderten.
In mir hatte sich eine Leere ausgebreitet, die ich nicht zurückzudrängen vermochte. Ich hätte einfach aus mir herausschlüpfen können und in den Weltäther entweichen. Bye, bye Bon… Der Griff zur Flasche automatisch, die Gedanken flossen an mir vorbei wie ein Bach. Ich stellte meine nackten Füße in die Strömung. Ich schaute auf meine Füße. Ich redete mit meinen Füßen…
Es gibt Dinge, die kann man niemandem erklären.
Das Leben ist perforiert. Nur aus der Entfernung sieht es stabil aus. Die meisten Menschen machen den Anschein, als wären sie weit von ihrem Leben entfernt. Sie haben große Angst, näher hinzugucken.
Ganz schön gruselig das alles, dachte ich bei mir und killte den Rotwein mit einem letzten großen Schluck aus der Pulle.



Familie beim Eisessen

Eden

Es war einer der ersten warmen Tage des Jahres. Der junge Mann saß auf einem Mäuerchen auf dem Rathausplatz der Stadt – der Stadt, in der er aufgewachsen war und die Schule besucht hatte, wo er seine erste Liebe fand. Die Luft duftete nach Freiheit und wonniger Verheißung. Er las Hemingways letzten Roman „Eden“. Die Protagonisten genossen das Leben an der französischen Riviera… Der junge Mann träumte sich in die Erzählung des Schriftstellers, während die Sonne ihm auf die Nase schien, er eine Flasche Rotwein ansetzte. Niemals wollte er dieses Gefühl der Freiheit wieder verlieren, auch wenn er insgeheim wusste, dass er einer kurzfristigen Schimäre aufsaß. Der Vormittag schmolz dahin – die Pflicht rief ihn zu seinem Dienst im Altenheim. Er fühlte sich glücklich wie selten. Nur die Liebe zu einer Frau hatte ihn bisher mit mehr Glück beseelt. Er wunderte sich über seine Hochstimmung, die anhielt, als er sich bereits auf dem Weg zu seiner Arbeit befand. Er war jung und hatte das ganze Leben vor sich. Das Leben war wunderbar. Er war ein gutaussehender Bursche. Er gefiel sich.

Das Altenheim stand wie eine riesige Barke weithin sichtbar am Berghang. Die Alten fristeten dort den letzten Rest ihres Daseins. Sie befanden sich am anderen Ende – während er noch in seiner Jugend badete, warteten sie auf Erlösung, warteten auf sein Lächeln und seine Hilfe. Der junge Mann hatte bis vor wenigen Monaten noch nichts von dieser anderen Welt gewusst… Er hatte sie sich nicht so grausam vorgestellt.

   

I Can`t Get No Satisfaction

Für meine Verhältnisse schlappte ich viel durch die Gegend. Gut so. Ansonsten bin ich ja mehr per pedale unterwegs. Da es auch mal bergauf und bergab ging, kriegte ich flugs Muskelkater. Das sonnige Winterwetter spornte mich an. Lediglich am Silvestertag war es trübe. Ich marschierte den Philosophenweg hoch, vorbei an den alten Villen an der Südseite des Heiligenberges hin zu den Aussichtspunkten. Als Wegzehrung hatte ich eine Flasche Rotwein (einen trockenen Merlot) im Rucksack. Wo sich eine gute Gelegenheit bot, pflanzte ich mich auf eine Bank und ließ meine Blicke übers Neckartal und die Stadt schweifen. Melancholisch ließ ich im Geiste die vielen Lieben Revue passieren, mit denen ich denselben Weg gegangen war, dieselbe Aussicht genossen hatte. Fast alle schleppte ich den Philosophenweg hoch… Jetzt, wo ich in Berlin wohne, muss ich mir andere romantische Orte suchen. Einen zweiten Philosophenweg mit solch toller Aussicht gibt`s hier nicht.
Ich saß also vor mich hin sinnierend auf der Bank und nahm einen kräftigen Schluck aus der Pulle. Da rief mir eine Frau zu: „Ist der Wein nicht zu kalt!?“
„Nö, geht schon!“ rief ich überrascht zurück. Wie so oft fehlte es mir an Spontaneität – ich hätte sie fragen können, ob sie mal kosten wolle. Aber ich ließ die Gelegenheit verstreichen. Wie festgefroren saß ich da mit der Rotweinflasche neben mir.
Weiter ging`s bis zum Schlangenweg, der mich über unzählige Treppenstufen steil hinunter zum Neckarufer führte. Nur noch über die Alte Brücke, und ich befand mich in der Altstadt. Touristenströme schwappten mir entgegen. Ich bog in die Untere Straße ab. Dort gab es noch ein paar Kneipen, die den Namen verdient hatten. War nur die Frage, was am Silvesternachmittag geöffnet hatte. Bei der Destille hatte ich Glück. Hier konnte ich unangestrengt mein Bier trinken. Die Rolling Stones liefen. Nicht zu viele alte Säcke. Eine nette, junge Bedienung versorgte mich an der Theke. Die Spießer und Touristen linsten neugierig rein. Meist blieben sie draußen. Inzwischen war es dunkel. Ich bestellte noch ein Bier…
„I can`t get no satisfaction“, tönte es aus den Lautsprechern – es wurde langsam Zeit für mich. 30ig Jahre jünger, und ich hätte mich bis zum Feuerwerk durch die Altstadtkneipen gesoffen.

 

img_20191231_134849

Blick flußaufwärts und zum Heiligenberg

img_20191231_135220

interessantes Motiv

img_20191231_140953-1

kurze Pause zum Rotwein schlabbern

img_20191231_144845

Blick vom Philosophenweg auf das Schloss gegenüber, die Alte Brücke und die Altstadt