Allein in Berlin

Selbst nach fast fünf Jahren finde ich es noch irre, in der Großstadt zu wohnen. Schließlich verbrachte ich den Großteil meines Lebens im kleinstädtischen Milieu/Mief. Ich wohnte in Zwei- Dreifamilienhäusern zur Untermiete. Da war vor meinem Fenster ein kleiner Garten, wo ich die Nachbarn oder meinen Vermieter bei der Gartenarbeit erblickte inmitten von Vogelgezwitscher und dem Summ-Summ der Insekten. Samstags wurde außerdem in aller Regelmäßigkeit der Bürgersteig gekehrt und das Auto gewaschen. Ganz anders mein Ausblick jetzt: Links von mir die Gerüstbauer am Nachbargebäude, welches sich lückenlos anschließt. Auf der Straße Bauarbeiten. Fremde Menschen aller Nationalitäten laufen an meinem Fenster vorbei. Bienenstöcken gleich klebt Gebäude an Gebäude, nur von den Seitenstraßen unterbrochen. Wenn ich ein Stück Himmel erhaschen will, muss ich mich ducken und nach oben schielen. Berlin wirkt auf mich wie ein einziger Straße-Haus-Moloch. Mal von den Parkanlagen abgesehen. Glücklicherweise wohne ich direkt an einem Park. Auch ein zweiter liegt nicht fern und ist bequem zu erreichen. Ich freue mich aufs Frühjahr, um mich wieder mit einem Bierchen auf eine Bank zu fläzen und mein Gesicht in die Sonne zu halten – nicht zu vergessen die Biergärten, die zum Verweilen locken. Im Winter ist die Großstadt grausig: kalt, düster und ungemütlich. Gespenstig und trostlos auch die Gerippe der Stadtbäume am Straßenrand.
Heute bin ich irritiert vom Sonnenschein… Ein Riese richtet seine Taschenlampe auf das Spundloch Berlins, beugt sich freudestrahlend vor und greift sich aus dem Menschengetümmel immer mal einen Berliner. Nachdem er ihn in die Spree gedippt hat, verspeist er ihn genüsslich. Ich gönne dem Riesen seinen Snack, zweifle aber an seinem guten Geschmack. Vielleicht pickt er sich nur die Rosinen heraus – was weiß ich…
Noch ist unklar, wonach mir an diesem Samstag der Sinn steht. Ich habe nichts Riesiges vor. Was auch? Ich denke, es wird wie fast immer auf eine Runde im Kiez herauslaufen. Da und dort ein Bierchen, Mitmenschen beäugen (aber nicht fressen).