Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen

Es war schön, die Hühner wiederzusehen. Besonders meine Bürokollegin. Ich mag das Menscheln und Lachen unter uns. Der innerbetriebliche Hickhack läuft leider nach wie vor auf Hochtouren, was äußerst anstrengend, frustrierend und ermüdend ist. Besonders meine Bürokollegin leidet darunter, weil sie sich allzu gerne in die Dinge verbeißt. Sie findet nicht immer den gesunden Abstand. Dazu private Sorgen. Sie ist Mutter einer fast erwachsenen Tochter – die Betonung liegt auf „fast“.
Also ich bin wieder mittendrin und ließ die erste Arbeitswoche nach dem Urlaub mit zwei Homeoffice-Tagen ausklingen. Etwas zwiespältig meine Gefühlslage: Zum einen fühle ich mich menschlich wohl unter meinen Kolleginnen und Kollegen, zum anderen ist die Tumordokumentation sehr mühevoll und unbefriedigend mit ihren vielen Ungereimtheiten, SOPs und ewigen Diskussionen, wobei kein Ende abzusehen ist, im Gegenteil… Das Ganze ist vergleichbar mit einer Riesenbaustelle mit zig Teilbaustellen, wo einem schwindelig wird, wenn man über die Dimensionen nachdenkt. Die Dokumentation mutet dabei an wie ein riesiges Puzzle, wo Teile fehlen oder nicht zusammenpassen… Es ist zum Haare raufen. Ich bin sicher, dass ein Außenstehender nur Bahnhof verstehen würde, wenn er z.B. einer unserer Dienstbesprechungen lauschte. Selbst ich frage mich nach dreieinhalb Jahren nicht selten: Worum geht es hier eigentlich?? – Wahrscheinlich bin ich zu doof für diesen Scheiß. Zu viele parallele Strukturen und Formalismen, die beachtet werden müssen, zu viele Daten, die sich nicht einfach zuordnen lassen. Das ist alles nicht gerade die Arbeit, die ich mir für die verbleibenden Jahre bis zur Rente vorstellen mag.
Nächste Woche habe ich mein jährliches Mitarbeitergespräch… Hoffentlich finde ich die richtigen Worte zu ihren Fragen.



Zwei Tage nicht rasiert

Mit einem Homeoffice-Tag die Woche abgeschlossen. Ich weiß gerade nicht, nach was mir ist. Das Bett klebt noch an mir. Vor dem Aufstehen guckte ich auf der Arte-Mediathek die Komödie „Outside the Box“. Gefiel mir gut. Junge Unternehmensberater werden von der Geschäftsleitung auf einen Ausflug geschickt, der ihre wahren Qualitäten und Schwächen hervorkitzeln soll. Das Motto: Survival oft the Fittest. Doch tragischerweise wird aus dem „Spiel“ tierischer Ernst… Eine wunderbare Farce.
Ich finde es ätzend, wenn Chefs ihre Mitarbeiter(innen) mit Workshops und Mitarbeitergesprächen auf Linie bringen wollen. Auch mir steht wieder das jährliche Mitarbeitergespräch bevor – ca. eineinhalb Stunden Verhör. Habe ich was verbrochen, oder was?!
Noch neun Jahre bis zur Rente. Fuckin` Business! Schwanzlutscherei von der Wiege bis zur Bahre…
Wenigstens bereiten mir die Hühner eine Menge Spaß. Sie sorgen für mein wöchentliches Pensum sozialer Kontakte. Dazu das ein oder andere Kneipengespräch, und ich bin zufriedengestellt. Also fast. Fehlt nur noch der Mensch, der Anteil an meinem Leben nimmt. Ganz persönlich. Und in meiner Nähe. Nein, unter den Hühnern finde ich niemanden, der für die Rolle geeignet ist, obwohl ich zu der ein oder anderen Kollegin inzwischen ein relativ vertrauensvolles Verhältnis aufbaute. Es bleibt da eine Linie hinüber zum echt Privaten, die ich klugerweise nicht überschreiten sollte. Besser nicht die ganze Deckung aufgeben…

Übrigens kaufte ich mir eine Schwimmboje. Darin lassen sich die Wertsachen verstauen, wenn ich im See schwimmen gehe (auch für meine Sicherheit im Wasser). Der Sommer ist ja noch nicht ganz rum. Ich sollte sie heute oder morgen ausprobieren. Ob sie dicht ist. Das Wetter wäre danach. Also falls ich den Arsch hochkriege. Erst noch den Vormittags-Blues auskosten. Mit John Lee Hooker zum Beispiel. Herrlich. Der Rollladen auf Halbmast. Ein kaltes Glas zwei Drittel Chardonnay plus ein Drittel Cola Zero neben mir auf dem Schreibtisch. Da sitze ich und versuche krampfhaft der Banalität des Daseins ein Stück Extraklasse abzugewinnen (- so viel zur Tragik).

 

Alles nicht so einfach

Ich warte auf die Post, genaugenommen den DPD Paketlieferdienst. Ja, scheiße, ich hab`s gemacht. Ich gehöre zu den vielen Idioten, die sich ab und zu etwas bei dem Drecksverein Amazon bestellen.
In der Besenkammer stehen seit meinem Einzug gerahmte Aquarelle und Zeichnungen, altes Zeug. Die Bilder will ich aufheben und die vergammelten Rahmen entsorgen. Zur Aufbewahrung der alten Bilder benötige ich eine großformatige Kunstmappe, also schaute ich bei Amazon danach, weil`s so schön bequem ist und es da fast alles gibt. Ich bestellte mir gleich zwei (610 x 810). Heute Vormittag machte ich mich an die Arbeit, die Bilder aus den Rahmen zu nehmen. Das alte Gelump steht nun zum Wegschmeißen im Flur. Fehlen nur noch die Kunstmappen… Laut Sendungsverfolgung sollten sie bereits gestern Abend kommen.
Wieder etwas Ballast weniger, was auch gut für den nächsten Umzug ist. Ich mache mir Sorgen, dass die sowieso schon hohe Miete, die ich hier löhne, bald aufgestockt wird. Scheiß Gentrifizierung! Wenn man in Sachen Mieten die Nachrichten verfolgt, kann einem wirklich angst und bange werden. Besser nicht drüber nachdenken. Schon gar nicht über meine Zukunft mit einer Rente kaum höher als die Grundsicherung. Aber ob ich überhaupt noch zehn Jahre überstehe… Ich fühle mich manchmal unendlich müde. Gestern z.B. quälte ich mich zum Feierabend hin. Alles fiel mir unsäglich schwer. Ich wollte nur noch raus. Die Büro-Maloche macht mich total mürbe…

Der Wirt vom Pub war besser drauf als letzten Freitag. Die freitägliche Säuferliga lag in den letzten Zügen. Ich blätterte an der Bar in einer Illustrierten von der BVG mit dem sagenhaften Titel „Berlin lieben“. Offenbar wollen die Berliner Verkehrsbetriebe ihr Image aufpolieren. Ich guckte mir also die Bilder an – zum Lesen war ich zu faul. Auch interessierte mich das wenigste. Aus Mangel an anderer Stammkundschaft stellte sich der Wirt zu mir und laberte wie üblich über seine alltäglichen Befindlichkeiten. Er nuschelte. Ich verstand nicht alles. Ich nickte einfach und sonderte ein paar Bemerkungen ab, die zu allem passten wie „Alles nicht so einfach…“ oder „Da kann man nichts machen“. Er stellte Überlegungen an, wie er in zwei Jahren seinen Sechzigsten feiern sollte. Schon bei seinem Fünfzigsten waren über zweihundert Gäste gekommen. Es soll auf einem geeigneten Gelände im Freien stattfinden. „Und eine Band wird auch spielen?“ fragte ich. „Klar!“ meinte der Wirt. Ich nickte anerkennend und schaute ihn mir an, wie er hinter der Theke stand, einem Käppi auf dem wuscheligen Kopf, dem knittrigen T-Shirt mit irgendeinem lustigen Aufdruck, das über seinem Bauch spannte; wie er mit seinen großen glasigen Augen hin zur Potsdamer Straße und dem vorüberlaufenden Gewürm blickte. Sicher stellte er sich seinen großartigen sechzigsten Geburtstag vor…
In drei Jahren bin ich auch Sechzig – unglaublich! Was wird dann sein? Werde ich immer noch Tumorfälle dokumentieren, oder werde ich bis dahin selbst an Krebs erkrankt -, vielleicht krepiert sein? Werde ich noch hier wohnen? Und wie sieht`s mit den Frauen aus? Kommt da noch was?
Der Wirt spendierte mir einen Feierabend-Korn. Den konnte ich nicht ausschlagen. Er hoffte, dass Ramona diesmal etwas pünktlicher zur Ablösung da sein würde. Ich war zu müde, um bis zu ihrem Erscheinen zwischen 17 und 18 Uhr auszuharren. Dabei hätte ich ihr gern mal wieder in den Ausschnitt geguckt.