Lektüre, Safari Bar und schlaue Mücken

Wenn ich gewusst hätte, dass Miguel de Unamuno 1924 während seiner Verbannung vier Monate in Puerto del Rosario verweilte, hätte ich als Reiselektüre ein Buch von ihm mitgenommen.
So begnügte ich mich mit Hunter S. Thomson, „Angst und Schrecken in Las Vegas“, – auch nicht schlecht. Ich trug das Buch immer mit mir rum, las dann aber meist erst am Abend, wenn ich alleine nach dem Sonnenuntergang in meinem Appartement verweilte. Der Lesestoff reichte nicht ganz für die Woche. Gegen Ende meines Aufenthalts war ich genötigt, einen Spiegel zu kaufen. Es hatte ganz gutgetan, ein paar Tage nichts vom Weltgeschehen und dem ganzen Zinnober mitzukriegen. Falls die Welt unterginge, würde ich es schon merken.

Für den Abend gab es die Safari Bar, die recht einladend wirkte, aber seltsamerweise verweilte ich dort nur für ein Bier oder einen Cocktail nach der Rückkehr von meinen Tagesausflügen.
Die meisten Touristen waren Deutsche, hauptsächlich Rentner, einige Familien und ein paar jüngere Pärchen, die wenigsten Alleinreisende. Mir war die Anonymität ganz lieb. Es gab unter diesen Leuten niemanden, der mich interessierte, der hervorstach. Small Talk finde ich außerdem eher lästig. Aus Höflichkeit freilich… Man kann sich nicht allem entziehen.
Die Kneipenmutter der Safari Bar war die auffälligste Person in der Ferienanlage, eine temperamentvolle Spanierin um die Fünfzig. Sie kleidete sich betont sexy mit Minirock und schwarzen Nylons, bewegte sich demgemäß aufreizend und war ständig am Quasseln und Turteln. Für die alten Säcke, die da größtenteils rumsaßen, sicher eine Aufmunterung. Mir ging ihr Gehabe nach Kurzem auf den Keks. Sowieso: wer mich ewig auf mein Bier warten lässt, sammelt Minuspunkte.
Während meiner täglichen Ausflüge hatte ich in den Strandbars genug getrunken, so dass ich abends kaum noch das Bedürfnis nach mehr hatte. Von der Safari Bar schlappte ich hoch zu meinem Appartement, wo ich mir auf dem Balkon ein Glas Rotwein und einen Imbiss genehmigte, bis es mich in die Heia zu Hunter S. Thompson zog.

In der Nacht sorgten schließlich die Mücken für Abwechslung. Ich hatte sie, da ich aus dem deutschen Winter kam, gar nicht auf dem Schirm gehabt. Ihr ätzendes Summen weckte mich mehrmals. Genervt knipste ich das Licht an und suchte wie ein Luchs die gekalkten Zimmerwände und die Decke ab… Ich jagte diese Teufelsviecher regelrecht und brachte auch einige zur Strecke (der Spiegel erwies sich als ideale Fliegenklatsche). Sie machten es mir schwer, – verbargen sich schließlich im Vorhang, wo ich sie kaum ausmachen und schlecht erschlagen konnte. Wer die Mücken beherrscht, wird auch die Welt beherrschen, sinnierte ich schlaftrunken.

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Back in Town

Eine Woche, die Tage flogen wie die Samen einer Pusteblume davon. Ich blicke ihnen staunend hinterher. Das Berliner Grau ist schon überwältigend als Kontrast zu meinen Eindrücken auf Fuerteventura. Ich versuche gerade in aller Gemütlichkeit anzukommen. Mir bleibt dazu ein Tag. Morgen geht`s zurück ins Büro. Noch fühlt es sich an, als ob Sonne, Wind, Sand und Meerwasser an mir haften. Ich glühe innerlich nach.
Die Heimreise verlief planmäßig. Allerdings empfinde ich das Ganze immer als Tortur für Seele, Geist und Körper: zwölf Stunden vom Einstieg am frühen Morgen in den Transfer-Bus vorm Hotel bis zur Ankunft in unserer Wohnung. Am Flughafen kam ich mir vor wie in einer Hammelherde, die abgefertigt wird. Freilich, man muss sich erst gar nicht auf solch einen Trip einlassen. Was habe ich mit diesem Massentourismus am Hut? Was mache ich sechs Tage auf einer Insel, gut dreieinhalbtausend Kilometer von Berlin?
Schon wegen des Lichts und dem Meer lohnte es sich.
Nein, nicht dass ich dort leben wollte. Vieles würde mir fehlen. Aber ein oder zwei Wintermonate würde ich gerne dort verbringen, auch um Land und Leute besser kennenzulernen. Eine Woche ist definitiv zu kurz. Kaum (halbwegs) angekommen, hat man bereits die Rückreise vor Augen.
Geldsäckel und Urlaubstage des deutschen Normalverdieners geben nun mal nicht mehr her. Dementsprechend leistet sich die Hammelherde wenigstens ein paar Tage auf der Insel, hin und zurück mittels Billigflieger plus Unterkunft und Abspeisung in Bettenburgen (oder riesigen Ferienanlagen). Man gönnt sich ja sonst nichts. Alles wunderbar durchorganisiert.

Jedem das Seine

Langsam Zeit zu packen. Flachmann füllen. Die bequemsten Unterhosen aussuchen. Die Medikamente nicht vergessen. Badesachen und Sonnenmilch. Ansonsten nicht zu viel Zeug mitnehmen – es ist schließlich nur eine Woche. Auf Fuerteventura sollte das Wetter deutlich besser sein als hier in Berlin, Weihnachten 2017. Mit etwas Mut könnte ich sogar nur mit Handgepäck reisen. Dann müsste ich allerdings auf mein Taschenmesser und noch ein paar andere Utensilien verzichten. Am Gepäckband rumstehen und auf den Koffer warten ist immer wieder spannend…, das gehört einfach dazu.
Morgen in der frühen Früh geht`s los, um rechtzeitig am Schönefelder Flughafen zu sein. 13 Uhr 55 sollte ich bereits auf Fuerteventura landen. Wie verhält es sich eigentlich mit der Zeitverschiebung? Ich glaube, sie sind dort eine Stunde vor uns. Vor und nach verwechselte ich schon als Kind. Nur nicht verwirren lassen. Der Flachmann wird`s richten. Oder das Bier. Ich lasse den Flachmann lieber zuhause. Ich schenkte ihn mir selbst zu Weihnachten. Es wäre schade, wenn ich ihn gleich wieder verlöre am Strand von Playa Esquinzo, oder wohin es mich dort verschlagen wird.

Okay, im Großen und Ganzen war`s das. Die Zeit auf der Insel wird schneller vergehen, als mir lieb ist. So ist`s ja immer im Urlaub.
Euch allen schöne Tage und einen guten Jahreswechsel (jedem das Seine)!

Streik

Dass Ryanair Piloten streiken werden, passt mir gerade gar nicht – natürlich gönne ich ihnen ein besseres Gehalt, ich kann mir vorstellen, dass sie bei dem Billigflieger nicht top verdienen, aber ich will in zehn Tagen auf Fuerteventura sein, eine Pauschalreise mit Flügen von Ryanair. Vielleicht habe ich Glück, denn ich las, dass sie über die Weihnachtstage eine Streikpause einlegen. Ansonsten steht der Reiseveranstalter in der Pflicht, doch wer weiß, was dabei herauskommt… Es wäre ein großer Mist, wenn mein Urlaub ins Wasser fiele. Er war als besonderes i-Tüpfelchen am Jahresende gedacht – 2017 mit Sonne, angenehmen Temperaturen und Meeresrauschen abschließen. Kurz rauskommen aus der Depression des Alltags und dem Berliner Mief. Ein paar Tage ganz woanders sein, auf eine Horizontlinie blicken und in den Tag hineinträumen… Also, liebe Piloten, bitte am 26.12. nicht streiken und mich sicher auf diese Insel im Atlantik bringen. Ich finde es scheiße, dass ihr so schlecht bezahlt werdet. Wo man hinsieht, Ausbeuter! Ich muss nur mal an meine Zeiten als Altenpfleger denken. Da hatte ich auch eine sehr verantwortungsvolle Tätigkeit, die einen zudem ziemlich stresst und auf Dauer fertigmacht. Und wisst ihr, was man als gelernter Altenpfleger verdient?!? Gerade so viel, dass man sich selbst über Wasser halten kann. Einen Luxusurlaub kann man sich nicht leisten. Wenn man also mal rauskommen will, bleiben nur günstige Pauschalreisen oder die Angebote von Billigfliegern… Irgendwie beißt sich da die Katze in den Schwanz, oder? Die Leute sollen auf Teufel komm raus konsumieren, aber bei den niedrigen Löhnen (und hohen Mieten) geht das nur, wenn die Produkte billig sind. Und wer muss in diesem Pyramidensystem bezahlen? Das sind freilich die ganz unten… Somit werden wir quasi alle zu Ausbeutern… Versteht ihr? Wir sind alle Teile dieses unmenschlichen Systems. Mit jedem Schritt, den wir nach oben machen, treten wir nach unten. Vor kurzem stieß ich zufällig auf die Website „slaveryfootprint.org“ – dort kannst du dir ausrechnen lassen, wie viele Sklaven für dich auf der Welt arbeiten…

Es gibt Tage, an denen man neben sich steht. Es gibt Dienstage, die sich bereits nach Freitag anfühlen. Es gibt Tage, die an der Wahrnehmung einfach vorbeigehen. Heute ist Samstag. Ich habe Geburtstag, und es fühlt sich nicht wie Geburtstag an. Ich gewöhnte mich daran, dass sich Tage nicht so anfühlen müssen, wie sie heißen, bzw. wie sie, eine bestimmte Sache verheißend, auf einen zukommen. Umso weniger man erwartet, desto geringer die Enttäuschung. Freilich eine Binsenweisheit. Nicht einfach durchzuhalten. Geburtstage würde ich am liebsten vergessen. Insofern ein Fehler zu erwähnen, dass ich Geburtstag habe. Mist! Am liebsten wäre ich heute mit O. ins Kino gegangen und danach essen. Passt aber nicht, weil sie einen wichtigen Termin hat, von dem ich nichts wusste. Ich bin sehr enttäuscht, was dumm ist, da ich mir aus Geburtstagen nichts mache.
Das Geschenk ist ausgepackt. Ein riesiges Sparschwein. Mir fällt einfach nicht ein, was ich dazu sagen soll…
Liebe Ryanair Piloten, enttäuscht mich bitte nicht. Bringt mich auf die Insel. Es ist Zeit.

Zurück…

Das Meiste kriegt man nicht mit. Vielleicht gut so. Man konzentriert sich auf seinen Weg, bemerkt noch das ein oder andere am Wegesrand oder guckt bei einem Halt in die Landschaft – die sieht man dann freilich immer aus der momentanen Perspektive.
Ich habe das Gefühl, dass ich eine ganze Menge nicht mitkriege… wie sich die Menschen um mich herum verändern, wie sich das Denken verändert – und damit alles: die Moden, die Angewohnheiten, die Wünsche und Sehnsüchte…

Es gibt Momente auf meiner Tour, da frage ich mich: Was mache ich hier eigentlich? – radle bepackt mit Klamotten und Zelt durch die Gegend – sieht das nicht wahnsinnig komisch aus? – wie ich mir da einen abstrample, die Hügel rauf und runter, über Feld- und Waldwege, die Flussläufe entlang, durch Städte, auf dem Fahrrad geduckt Kilometer für Kilometer einsam auf einem willkürlich ausgewählten Weg…

Der Weg führt quer durch mein Herz. Und in meinem Herz ist sehr viel Einsamkeit, an die ich mich längst gewöhnte – wenn auch mit einem bitteren Beigeschmack. Na ja, das ist wohl mein Bier.

Viele Landstriche strahlen eine unglaubliche Weite aus. Von erhabener Stelle schaue ich zum Horizont und sehe die immer gleichen Muster. Der Himmel drückt auf meine Schultern, meinen Rücken, während ich in die Pedale trete. Der Himmel kommt der Erde immer näher. Ich empfinde mich als ein Insekt unter einer Cellophan-Folie, das sich einen abschwitzt.
Unglaublich ist auch die Stille, die ich an manchen Orten erlebe – eine Stille, die den Raum um einen herum wahnsinnig ausdehnt. Eine Stille, die Angst machen kann – die einem mehr sagt als jede Philosophie: Jedes Geschöpf ist auf sich selbst zurückgeworfen.
Ich trinke eine Menge Bier unterwegs. Der Alkohol verwässert die vielen Eindrücke, die auf mich einstürmen, und er hilft auch etwas über die Schmerzen hinweg, die sich während der Fahrt einstellen – Schmerzen in den Armen, im Rücken, in den Beinen…

Und es gibt den seelischen Schmerz der Verlorenheit. Ich versinke in den Tagen des Alleinseins total in mir. Automatengleich stiere ich auf die Strecke…

März

In Bezug auf die Löffelei vom letzten Sonntag wurde ich darauf hingewiesen, dass es die „Löffelliste“ gibt, auf der man sich Dinge notiert, die man noch erledigen will, bis man den Löffel abgibt, – oder sich jedenfalls wünscht. Mir fällt beim ersten Nachdenken gar nichts ein. Meiner Meinung nach muss es realistisch sein. Nach was steht mir der Sinn? Welchen Herzenswunsch würde ich mir gern noch erfüllen? Tja. Regelrecht unter den Nägeln brennt mir nichts. Natürlich wünscht man sich weiterhin Gesundheit und ein Leben ohne allzu große Schwierigkeiten, Unfälle oder Katastrophen, – was aber oft gar nicht zu beeinflussen ist.
Wäre jetzt sozusagen das Ende der Fahnenstange für mich erreicht – wüsste ich also, dass ich nur noch einige Monate zu leben hätte, dabei aber über genügend Energie verfügte, um etwas anzustellen, dann…

Ich glaube, ich hätte gern meine Ruhe. Vielleicht würde ich mich aufs alte Fahrrad schwingen (nach einer Generalüberholung) und schauen, wie weit ich komme. Wie ein Geist würde ich durch Dörfer und Städte fahren, über Hügel und Berge, Ebenen auf ellenlangen geraden Wegen durchstrampeln…
Das Meer wäre mein Ziel. Egal wo.
Ich wollte allein sein mit meinen Tränen über mein Leben und die Welt, – allein mit der Luft und dem Himmel über mir, allein auf den vielen Wegen, allein mit den Bäumen und Gräsern, allein mit dem Horizont…

Mein ganzes Leben war von der Sehnsucht nach Freiheit bestimmt. (Oft führte mich diese Sehnsucht in die Irre.) Alles andere, das Streben nach Besitz oder Macht, der Ehrgeiz für Erfolg und Karriere, der Sinn für Familie, die Gier nach dem ganzen materiellen Firlefanz in der heutigen Welt, blieben mir weitgehend fremd.
Ich fühlte mich schon immer sehr allein. Ich weiß nicht, warum das alles stattfindet.
Aber ich liebe die Menschen, ich liebe alle Seelen und alles Leben auf dieser Erde – weil wir Schicksalsverwandte sind. Ich liebe das Leben, und muss dennoch ständig damit hadern.

Heute wäre so ein Tag, an dem ich am liebsten meinen Löffel einpacken würde, um auf die letzte Reise zu gehen…