Übergangszeit

Die Wohnung ist kühl. Ich greife an die Steigleitungen. Noch nicht warm, konstatiere ich. Im letzten Winter konnte ich meine Wohnung allein mit der Wärme der über Putz liegenden Rohre halbwegs warmhalten.
Ich öffne das Fenster und blicke in einen feuchten wolkenverhangenen Herbsttag. Vorbei mit der Kurze-Hosen-Zeit. Die Äste der Stadtbäume wiegen sich im Wind. Am Straßenrand sammeln sich gefallene braune Blätter zu Haufen. Wie man im Frühling beinahe zusehen kann, wie es überall sprießt und grünt, werden nun binnen weniger Wochen Stadt und Landschaft in ein herbstliches Farben-Potpourri getaucht.
Da ich in der ersten Oktoberwoche nochmals Urlaub habe, entschloss ich mich kurzerhand zu einem Wiedersehen mit dem Spreewald. Diesmal werde ich mit dem Zug und meinem Faltrad anreisen. Ich buchte ein günstiges Zimmer für 3 Nächte. Gerne würde ich mal eine Kanufahrt machen, außerdem mit dem Fahrrad mehr von dieser hübschen Gegend erkunden, als es mir beim letzten Besuch möglich war…, noch einmal tief durchatmen, bevor mich das Stadtgrau einen langen Winter lang gefangen halten wird.

 

Vor mich hin sehend

Ich sah viele freilaufende Hühner. Ich sah glücklich weidende Kühe. Ich sah Pferdehöfe. Ich sah ländliche Urgesteine. Ich sah reizend gestaltete Häuschen, die danach aussahen, dass Künstler und Alternative darin hausten. Ich sah viele Kanufahrer. Ich sah eine Menge Wald. Ich sah die Spree. Ich sah Campingplätze. Ich sah den märchenhaften Spreewald. Ich sah viele Touristen und sah die Boote, in denen sie durch den Spreewald geschippert wurden. Ich sah die Touristen auf ihren E-Bikes. Ich sah ein Lokal mitten im Spreewald, wo die Touristen massenweise abgefüttert wurden. Ich sah mich mittendrin. Ich sah mich Bier trinken. Ich sah mich fotografieren. Ich sah den Himmel und die Sonne. Ich sah die Wolken, die gleichmütig über alles hinwegzogen. Ich sah unendlich viele Bäume. Ich sah auf die Karte vom Spreewald, um zu wissen, wo ich war. Ich sah immer ein paar Stunden voraus. Ich sah mein Zelt, das ich aufgestellt hatte. Ich sah die Wege vor mir, die Wege meines ganzen Lebens… Ich sah, wie sich alles drehte. Ich sah, dass es unmöglich immer so weiter gehen konnte. Ich sah das Ende meiner Reise vor mir.

Goldfische träumen gern

Im frühmorgendlichen Traum war ich auf einer Reise ans Meer. Irgendwo im Süden, unterwegs mit dem Fahrrad, aber auch mit Zug und Bus. Ich wollte zuhause anrufen, weil ich nicht mehr wusste, wie lange mein Urlaub ging, aber ich bekam keine Verbindung… Irgendwann gab ich es auf. Das Meer konnte nicht mehr weit sein.

… Das erste Tageslicht fällt durch die Vorhänge ins Zimmer. Ich reibe mir die Augen. Kein Zweifel, ich bin aufgewacht. Alles um mich herum kommt mir super bekannt vor. Das mit dem Anruf hat sich somit erübrigt. Das mit der Reise ans Meer auch. Immerhin warten vier Tage ohne Tumordokumentation auf mich.
Der Morgenblues lässt nicht lange auf sich warten. Er erreicht mich spätestens, wenn ich am Schreibtisch sitze und nicht recht weiß, was ich machen soll. Ich starte den Computer und überfliege Mails und Internetnachrichten… Willkommen im Goldfischglas.

Herz auf der kalten Herdplatte

Wunderbares Berliner Leck-mich-am-Arsch-Wochenendwetter. Zwei Tage Homeoffice-Pause. Ich sitze im Halbdunkel des Wohnzimmers. Lou Reed in Zusammenarbeit mit Metallica kracht im Hintergrund „Brandenburg Gate“. Ich drehe lauter. Ich surfe durch meinen Kopf und finde nichts, nur eine wirre Ansammlung von Irgendwas…, – nennt sich großspurig mein Leben. Daran ändert auch der Drink auf meinem Schreibtisch nichts. Vorerst jedenfalls. Ich muss mich von den dummen Ansprüchen lösen. Gerade beim Schreiben. Einfach in eine Richtung fallen lassen. Das krampfhafte Suchen nach den richtigen Worten – was ein Bullshit! Und immer wieder komme ich ins Stocken… The Isley Brothers singen „Ohio/Machine Gun“. Klasse Song! Das Beste ist zeitlos. Sauge es auf. Tanze durch die Leere. Gänsehaut garantiert. Lass das verdammte Puzzle in der Kiste!
Ich schütte nach. Ich habe es warm. Immer wieder drehe ich den Kopf zum Fenster. Ich sehe hinaus in die Welt, zur Straße, zu den Wohnwaben gegenüber, zu den anderen… Ich denke in Metern und komme nicht vom Fleck. Satelliten kreisen um die Erde und vermessen uns. Drehe die Musik lauter. Drehe die Träume lauter. Das Vakuum ist Liebe. Mein Herz auf der kalten Herdplatte, während ich marionettenhaft durchs Leben wandele. Die Realität wird mir erzählt. Mal staune ich, mal ducke ich mich weg. Ich schlüpfe in Rollen. Heute bin ich nur ich. Ich lache innerlich über meine Worte. Roger Chapman singt „Turn it up loud“… Ich gehe in alle Richtungen und lande immer bei mir selbst. Ich bin mein eigenes Handgepäck. Ich schaue der Flugbegleiterin auf den Arsch. Reiseziel „Unbekannt“. Zwischenstation „Tod“.

   

Vorbereitungen

Die Reisetasche habe ich schon mal aus der Kammer geholt. Wird langsam Zeit, dass ich für ein paar Tage rauskomme. Sonst kommt noch das Grauen über mich – wie in Lovecrafts Erzählungen.
Ich lade schon mal den Zusatzakku fürs Smartphone, bevor ich`s vergesse. Das Reisefeeling mit ein paar Vorbereitungen hervorkitzeln. Der Zug fährt morgen Mittag. Also genug Zeit für alles. Eine Maske deponiere ich vorausschauend in der Reisetasche, nicht dass ich auf dem Bahnsteig ohne Maske dastehe, und der Zug fährt ein.
Dann überprüfe ich die Kulturtasche. Muss ich noch was nachkaufen? Nein, alles da. Nicht vergessen: Dosenbier für die Reise kaufen!
… Nur nicht zu viel Klamotten einpacken. Auf der anderen Seite werde ich um ein zusätzliches Paar lange Hosen, Strickjacke und Pullover nicht herumkommen. Was noch?
Mein Blick schweift übers Bücherregal… Welcher Lesestoff soll`s sein, mein Herr? Die Novellen von Miguel Unamuno wären sicher kein Fehlgriff. Oder doch lieber Wenedikt Jerofejew „Die Reise nach Petuschki“?
Eine Umgebungskarte, die Buchungsbestätigung und meine Fahrkarten liegen unübersehbar neben mir auf dem Schreibtisch. Ich falte die Karte auseinander. Ah ja. Schnell kommen Erinnerungen vom letzten Jahr hoch. Schön war`s da. Ruhig, friedlich. Ein Kontrast zu Berlin. Ich falte die Karte wieder zusammen. Es bleibt mir noch jede Menge Zeit, Zeit für alles…

 

 

Gerade noch gepackt

Licht, Horizont, Seeluft, Wind und Bewegung, wobei ich Bewegung nicht im sportlichen Sinne meine, sondern die Bewegung hinaus aus dem Gewohnten. Wenigstens eine Woche mit Urlaubsgefühl, das sich zuhause nicht richtig einstellen wollte. Rostock mit dem Seebad Warnemünde bietet sich von Berlin aus am Besten für einen Urlaubstrip an. 3 Stunden mit dem Interregio. Das Faltrad geht als Gepäck.
Freitag vor Pfingsten war der Zug brechend voll – klar. Nicht nur ich kam nach den Corona-Lockerungen auf die glorreiche Idee, von zuhause auszubrechen. Angesichts der dahinschmelzenden Urlaubstage hätte ich es mir nicht verziehen, wenn ich nicht weggefahren wäre. Nicht auch noch über Pfingsten hier abhängen!
Okay, Rostock und Warnemünde sind mittlerweile vertrautes Pflaster. Es reißt mich nicht mehr um, wenn ich dort ankomme. Ich entfalte mein Faltrad und weiß, welche Richtung ich einschlagen muss.
Über Pfingsten übernachtete ich in einer Kammer mit Nasszelle, max. 8 m². Das Waschbecken kaum größer als eine Seifenschale. Für meine körperlichen Ausmaße war diese Kammer gerade noch nutzbar. Nix für Menschen mit Platzangst. Immerhin hing ein Riesen-TV über dem Fußende des Bettes… Ich kriegte in der Preisklasse kurzfristig nichts anderes mehr.
Tagsüber lungerte ich in Warnemünde und Rostock herum. Oder ich radelte in die Umgebung. Zu allererst stand der Strand auf dem Programm. Ich legte mich mit einer Flasche Merlot in den Sand und schaute mich um…

 

Vorbereitungen

Inzwischen sieht`s hier so aus, als würde tatsächlich jemand in Bälde verreisen. Überall in Schlaf- und Wohnzimmer liegt Zeugs herum: Klamotten, Toilettentasche, alle möglichen Utensilien… Es gibt doch einiges zu beachten, gerade wenn man fliegt – was gehört in den Koffer, und was kann ich mit in den Flieger nehmen? Wenn man nicht oft fliegt, muss man sich doch jedes Mal wieder einen Kopf machen. Und natürlich will ich nichts für die Reise vergessen, was schon ein Minimum an Organisation/Vorbereitung braucht. Nicht, dass ich heute Nacht im Tran ins Taxi steige und erst am Flughafen bemerke, dass ich z.B. die Reiseunterlagen zuhause auf dem Tisch liegen ließ, oder dass die Brieftasche samt Ausweis noch in der anderen Jacke steckt… Ja, ich werde mir mal ein Taxi nach Tegel leisten, schließlich habe ich Urlaub. Keine Lust auf Stress. Denn ausgeschlafen werde ich sicher nicht sein.
Ein paar Dosen Bier stellte ich vorsorglich kalt – Proviant, um die Zeit zu überbrücken, bis ich an der Sicherheitsschleuse bin. Flughäfen ertrage ich schlecht nüchtern. Zu viele Touristen-Idioten, und man muss sich leider eingestehen, dass man dazugehört, auch wenn man sich innerlich dagegen sträubt…, aber ganz nüchtern betrachtet – eben – und das ist der Moment, wo ich mich an der Dose Bier festhalte.
Noch vor ein paar Jahren hätte ich es nicht für möglich gehalten, dass ich zum Pauschalreisenden degeneriere. Aber dann kommt erstens alles anders, und zweitens als man denkt. Wenn es etwas gibt, was den Menschen besonders auszeichnet, ist es seine Willensschwäche (die er ständig bemüht ist zu kaschieren). Aber lassen wir dieses leidige Thema. Ich habe Urlaub… Ich freue mich auf diese verkackte Geröllwüste im Atlantik. Jawoll! Und darauf trinke ich jetzt einen!

Schillernde Aussichten

Die kurze Arbeitswoche ging, wie zu erwarten war, schnell rum. Das Neue Jahr begann grau in grau. Vor allem gestern. Mein Gott, war das ein Siff! Da wächst die Sehnsucht nach Sonne, Wärme und Meer… Langsam sollte ich meinen Urlaub für März buchen. Das mache ich am liebsten übers Reisebüro. Stellt sich die Frage, wohin die Reise gehen soll. Da auf Mallorca das Unglück meiner letzten Liebe seinen Anfang nahm, werden mich dorthin keine zehn Pferde bringen. Wahrscheinlich werde ich wieder auf den Kanaren landen. Ich habe keine Lust drauf, dass im Urlaub alte Erinnerungen schmerzhaft aufbrechen. Wir waren nur einmal zusammen im Norden Teneriffas.
Meine Kollegin meinte, Madeira sei auch sehr schön, allerdings mehr zum Wandern. Nein, ein Aktivurlaub schwebt mir diesmal nicht vor. Den werde ich wieder im Sommer per Fahrrad unternehmen.
Der heiße und lange Sommer 2018 reichte mir nicht. Zu düster und kaputt sah es in mir selbst aus. Das Draußen soll mir so schnell wie möglich wieder zur Wohnung werden. Ich sehne mich nach der Horizontlinie und dem entspannten Klönen unter freiem Himmel.
Was ein Leben…
Mesdames et Messieurs, blicken Sie auf das einmalige Leben Bonanzamargots, ein Leben in der Seifenblase. Sensationell, wie er sein Schicksal trägt, die Ruhe in Person! Nur hier erfahren Sie die neuesten Neuigkeiten – der Mensch im Reagenzglas, wie man ihn nackter nicht sehen kann! Erstmalig bei WordPress! Hereinspaziert! Es erwartet Sie keine flache Seifenoper, sondern ein geistiger Striptease, der es in sich hat! Nur keine Scheu! Treten Sie näher! …

Mann, wenn ich mich jetzt nicht langsam vom Computer loseise, wird das heute nichts mehr mit dem Reisebüro.