Mit blauem Auge davongekommen

Der erste Schock hat sich gelegt. Man muss davon ausgehen, was alles nicht passiert ist, sagt O.. Ich bewunderte schon immer ihre Widerstandskraft, ihren Optimismus. Ich glaube, sie betrachtet solch ein Erlebnis mehr als Herausforderung und weniger als Niederschlag. In der Tat können wir froh sein, dass O. an Leib und Leben unversehrt blieb. Und ihre Psyche erholt sich, wie`s aussieht, auch recht schnell.

Als sie mir schilderte, wie sie stundenlang mehr oder weniger orientierungslos umherirrte, dachte ich unwillkürlich an meine Black Outs im tiefsten Alkoholsumpf. Auch da überwog hinterher erstmal das Gefühl, alles heil überstanden zu haben.
Man denkt immer wieder zurück und versucht die Abläufe der Nacht zu rekapitulieren, ist erstaunt über die Wege, die man zurücklegte, entdeckt blaue Flecken am Körper, die man sich nicht erklären kann, sucht verzweifelt nach der Jacke, dem Geldbeutel oder den Schlüsseln… und fragt sich, wo man die eventuell liegen ließ, klappert die Kneipen am nächsten Tag danach ab. Oder ich suchte mein Fahrrad – wo stellte ich das verdammt noch mal ab? Wie kam ich nach Hause?
Nochmal mit einem blauen Auge davongekommen – konnte ich in meinem Leben des Öfteren sagen. Wobei ich den meisten Mist selbstverschuldet hatte. O. dagegen geriet völlig unverschuldet in diese prekäre Lage. Sie war zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort, eine willkommene Beute für die auf der Lauer liegenden Hyänen in Menschengestalt. Berlin hat`s in sich. Die Lehre daraus: man hält sich an manchen Orten zu nächtlichen Uhrzeiten besser nicht länger als notwendig auf.

O. ist auf der Botschaft, um schon mal wegen des gestohlenen Passes die Dinge in die Wege zu leiten. Ich halte zuhause die Stellung. Richtig wohl wird mir erst sein, wenn das Türschloss ausgetauscht ist.
Besonders ängstliche Menschen sind O. und ich nicht gerade, was uns vielleicht dann und wann leichtsinnig werden lässt. Das Leben ist ein Roulette. Verlust und Gewinn korrelieren miteinander. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Und: Angst frißt Leben auf. Die Gefahren lauern überall.

Ausgeraubt

Ein verregneter Pfingstsonntag. Leise Bluesmusik am Vormittag. Vogelgezwitscher von draußen. Ich schaue auf die Hausfassade gegenüber, auf das nasse Pflaster…
Unter was für Menschen lebe ich? Wo sind diese Verbrecher? Wenn ich einen von ihnen zu fassen kriege, drehe ich ihm die Gurgel um!
Meine Partnerin wurde ausgeraubt. Gestern am späten Abend. Im Berliner Hauptbahnhof. Sie hatte ein Seminar in Bielefeld gehalten. Der Zug zurück hatte Verspätung – aber alles war gut, bis sie in Berlin ankam.
An einem Kiosk holte sie sich ein Getränk, und von da an kann sie sich nur noch wirr und bruchstückhaft erinnern. Wahrscheinlich K.O. Tropfen. Sie muss stundenlang durch die Gegend geirrt sein. Total weggetreten. Am frühen Morgen klingelte sie an der Haustür. Ich schreckte hoch und wusste sofort, dass etwas passiert war…
„Ich bin ausgeraubt worden“, sagte sie, „alles ist weg.“
Man hatte ihr sogar den Ring vom Finger gezogen, den ich ihr zum Geburtstag geschenkt hatte. Selbst die Ohrringe an der einen Seite sind weg. Die anderen hatten sie wohl nicht abbekommen. Seltsamerweise ließen sie ihr die Armbanduhr.

Nun kommt auf uns einiges zu. Pass und Kreditkarte weg, außerdem die Wohnungsschlüssel.
Und das Dumme ist, ich kann sie nicht mal gescheit trösten… Sie machte in den letzten Stunden so viel durch, aber ich sitze hier wie gelähmt – nur mit dieser wahnsinnigen Wut im Bauch!
Und gleichzeitig diese Ohnmacht. Ich habe versagt.