Bis zum endgültigen Tod

In Anlehnung an die Viele-Welten-Theorie und Schrödingers Katze überlegte ich mir heute Morgen zwischen Bettkante und Schreibtisch, dass ich in meinem Leben möglicherweise bereits viele Male starb. Vielleicht sterbe ich just in diesem Moment an einem Schlaganfall oder Herzinfarkt, aber ich bekomme davon nichts mit, da sich mein Tod in einer anderen Welt manifestiert. Hier lebe ich weiter und weiter und weiter, während ich in anderen Welten längst unter der Erde liege, gestorben an diversen Krankheiten, verunglückt oder als Opfer eines Gewaltverbrechens. Und andersherum leben meine Mitmenschen, die ich sterben sehe, in anderen Welten weiter. So könnte ein jeder eigentlich unendlich weiterexistieren, wäre da nicht die Endlichkeit des Lebens – es wird unweigerlich der Tag kommen, an dem jegliche Option des Weiterlebens wegfällt. Wie jedes Blatt irgendwann vom Baum fallen muss, gibt es auch für unsereins den endgültigen Tod. Doch bis dahin bleibt noch etwas Zeit, denke ich – Schrödingers Katze lebt in dieser Welt, während sie in einer anderen tot ist.
Mir gefällt mein Gedankengang. Ich gehe in die Küche und mixe mir den ersten Drink.
Der Tag eröffnet sich mir als trüber und kühler Spätsommertag. Ist noch Spätsommer oder bereits Frühherbst? Bestimmt gibt es eine Parallelwelt, in der heute besseres Wetter ist. Wir kriegen eben nie alles. Der Blues hämmert im Hintergrund. Ich zünde eine Kerze an.

Auge des Universums

Abends, wenn ich es mir im Bett bereits gemütlich gemacht habe, lausche ich gern vorm Einschlafen allerlei YouTube-Beiträgen. Darunter auch wissenschaftliche Beiträge zur Quantenphysik – weil ich die mit ihren Paradoxien total faszinierend finde. Man kommt nicht herum zu fragen, was unsere Wirklichkeit im Grunde ausmacht. Welchem Daseins-Konstrukt sitzen wir auf? Auch lausche ich gern Beiträgen aus Philosophie und Grenzwissenschaften. Oder ich kuschele mich bei phantastischen Erzählungen von H. P. Lovecraft ins Kopfkissen.
Mit der Zeit kristallisierte sich der ein oder andere Favorit meiner abendlichen Bettkuschel-Séancen heraus. Darunter Thomas Campbell mit seiner Theory of Everything – von ihm kurz „My Big TOE“ genannt. Auch wenn ich ihm nicht immer folgen kann oder mag – seine Theorie, dass wir eigentlich in einer virtuellen Realität leben, hat was. Er bricht damit aus der klassischen deterministischen Physik aus und erläutert ein neues Weltbild, in welchem die Paradoxien der Quantenphysik sowie paranormale Phänomene einen Platz finden. Mir gefallen insbesondere seine Gedanken zum Bewusstsein, welches er als die entscheidende kreative Entität hinter allem hält.
Intuitiv deutete ich schon als junger Mann den bewussten Geist als das Auge des Universums und spürte, dass alles mit allem verbunden ist…, dass ich Teil einer Weltseele bin. Mit philosophisch-wissenschaftlichen Gedankenkapriolen dieser Art kann man mich also prima unterhalten (- falls nicht zu abstrus).
Eine ketzerische Frage an Thomas Campbell kam mir vorhin in den Sinn: Realität bleibt vordererst Realität – egal ob virtuell oder nicht – So what?


Autsch!

Die Heisenbergsche Unschärferelation bedeutet mir viel. Nicht so viel wie die Liebe zu einer Frau. Aber da ich gerade keine Frau habe, ist sie geschätzt das Wichtigste, über das ich nachdenke. Die Liebe ist kompliziert, was mir sicher jeder Mensch aus seiner Erfahrung bestätigen kann. Für die Quantenmechanik wie für die Liebe gilt: Man muss reif dafür sein. Oder man muss wenigstens glauben, dass man reif dafür ist. Und man muss Niederlagen wegstecken können.
Vordererst sollten wir lernen, dass es weder in der Liebe noch in der Quantenwelt einen Determinismus gibt. Wir sollten jederzeit mit allem rechnen. Unsere erlebte Wirklichkeit basiert auf Statistik. Wir sehen nur die Speerspitze, bzw. das Wahrscheinlichste. Und aus dieser Wahrnehmung heraus entwickelte sich unser Kausalitätsempfinden, welches wir ganz selbstverständlich auf alles übertragen. In der Dumpfbacken-Welt kein Problem. Wir schlagen einen Nagel in ein Brett, und es funktioniert. Oder „Autsch!“… Ein anderes Beispiel, welches sich mehr auf Gefühlsdinge bezieht: Wir setzen uns in einen Beichtstuhl, erzählen dem Priester, dass wir fremdgehen – wir schildern es ihm detailliert; er holt sich währenddessen einen runter und erteilt uns anschließend Absolution: 20 Euro für die Kirchenkasse und 10 Ave-Maria genügen, um uns von der Sünde zu reinigen. Erleichtert verlassen wir den Beichtstuhl. Gute Sache sowas. Ich sollte auch mal beichten gehen…
Stattdessen glaube ich lieber an die Quantenwelt. Sie ist wissenschaftlich gesehen wie ein Orgasmus ohne Höhepunkt. Dennoch verdammt gut! Es gibt nur ein Problem: wir verstehen sie nicht. Ähnlich verhält es sich mit der Liebe. Ich könnte über die Liebe einige Liedchen singen – weniger der Freude, sondern des Unverständnisses. Klar glaube ich, wenn ich mit der Frau meiner Träume im Bett liege und diese unanständigen Sachen mache, dass es real um Liebe geht. Ich sehe, was ich sehen will. Meine Beobachtung beeinflusst die Wirklichkeit. Dumm halt, wenn meine Liebste ganz andere Gefühle und Gedanken hat. Unter Umständen denkt sie: Fauler Sack! Immer muss ich oben sitzen. Bist du erstmal gekommen, bemühst du dich nicht mehr… Immer habe ich die Arbeit!
Fazit: In der Liebe gibt es mehr als eine Wirklichkeit. Niemals kann man wissen, ob die Liebe, die man empfindet, auch vom Gegenüber „identisch“ geteilt wird. Oft macht man sich gegenseitig was vor. Die wirkliche Wirklichkeit liegt irgendwo dazwischen. Und damit kommen wir zurück zur Heisenbergschen Unschärferelation.
Kapiert?