November

Auch die zweite Vieraugen-Sitzung mit der Chefin verlief insgesamt zufriedenstellend. Nach Mammakarzinom nun Prostatakrebs. Ich kriegte meine Stempel ins Logbuch. Sie hakte gleich noch ein paar andere Themen ab. Ich glaube, sie war zufrieden mit mir. Fast hätte sie mich gelobt. Sie tut sich schwer mit Lob, aber ich konnte an ihrer Stimmung merken, dass ihr unser Gespräch gefallen hatte. Ich zeigte das nötige Interesse an ihren Ausschweifungen in ihr Fachgebiet Strahlentherapie. Am Schluss wurden wir beide rot wie eine Tomate. Ich verließ beschwingt ihr Büro. Es war Freitag und kurz vor Feierabend.
Auch mit den Kollegen und Kolleginnen verläuft zur Zeit alles bestens. Die Stimmung im Team ist ausgelassen. Wir albern viel herum.

Das Wochenende begrüßte ich im Pub. Sita stand hinter der Theke. Ihr Temperament wirkt immer erfrischend. Ich saß an der Bar und blätterte eine Spezialausgabe des Spiegels durch. Mal wieder ging es um die immer noch bestehende Kluft zwischen Ost- und Westdeutschen. Ich überflog das meiste. Nur beim Interview mit Wolf Biermann blieb ich hängen. Ich mag den ollen Biermann als Liedermacher und Dichter. Er trifft offenbar ganz gut meinen poetischen Nerv. Außerdem ist er von der Denke links verwurzelt. Vielleicht dann und wann etwas zu selbstgefällig (wie nicht wenige seiner Zunft) … Nobody is perfect. Am 15. November wird er 83. Stolzes Alter. Er gehört zur Generation meiner Eltern. Unglaublich. Die Zeit walzt alles nieder…

Das Rad des Lebens macht nie halt
Es rumpelt über Stock und Stein
Mit unendlichem Gewicht
Drückt alles darnieder
Und mahlt es klein
Woher kommt diese Gewalt?
Die verschlingt, um neues auszuspucken
Wieder und wieder
Am Ende bleibt ein Zucken
Ich weiß es nicht

Freilich lange nicht so gut wie Biermann, Heine oder Brecht, aber dafür von mir.

Was man nicht alles macht – und die Haare sind schon grau

Ich saß geschlagene zwei Stunden bei der Chefin im Büro. Der Termin stand seit Wochen fest, und nun war es soweit. Dazu muss ich sagen, dass die Chemie zwischen der Chefin und mir nicht die Beste ist. Eigentlich von Anfang an. Meiner Meinung nach hängt sie ihren Doktor zu sehr heraus. Sie gehört zu den Medizinern, die das Fachchinesisch ohne Rücksicht auf ihr Gegenüber beibehalten. Okay, es gibt schlimmere dieser Sorte, aber mir reicht`s. Denn wenn man mit ihr redet, entsteht augenblicklich ein Gefälle. Aber gut, das ist meine subjektive Sicht. Einige meiner Kolleginnen kommen mit ihr bestens klar – auf Hühnerart. Es entsteht sowieso der Eindruck, dass die Chefin manche Mitarbeiter bevorzugt. Und das meine nicht nur ich. Der größte Hammer war, als sie in meiner Gegenwart einen Kollegen volle Kanne zusammenstauchte… ätzend und peinlich sowas. Kurz und gut: Ich bin immer froh, wenn ich sie nicht sehe.
Besonders angetan war ich also nicht von diesem Termin, wie man sich leicht vorstellen kann. Und darum isses gut, dass ich ihn hinter mir habe. Nein, so schlimm wurde es gar nicht. Es ging ausschließlich ums Fachliche. Betriebsintern dürfen sich die Dokumentationsassistenten weiterbilden. Alles ganz freiwillig, was immer wieder betont wird. Und wenn sie ein paar solcher Sitzungen hinter sich gebracht haben, werden sie als vollwertige Dokumentare geführt. Einige der Hühner legten sogleich fleißig los, während ich mich noch bedeckt hielt. Doch schließlich sprang ich über meinen Schatten und sagte mir: „Was soll`s? – Nicht zu verachten ist, dass man am Ende in der Vergütung eine Stufe höherrückt. Außerdem wäre es vielleicht nicht schlecht, wenn ich auf diese Weise Engagement zeige und mein Verhältnis zur Chefin normalisiere.“
Als erstes Thema hatte ich Mammakarzinom ausgewählt. Umso mehr ich darüber in der Vorbereitung las, desto mehr schwirrte mir der Kopf. Es ist das eine, den Tumor zu dokumentieren, was im Großen und Ganzen nur ein Übertragen von Daten ist, etwas anderes ist es, sich mit den medizinischen Hintergründen auseinanderzusetzen. Ein paar Wichtigkeiten konnte ich noch in meinem Dickkopf unterbringen. Überhaupt ist es erstaunlich, wie viel ich in medizinischen Dingen während der letzten zweieinhalb Jahre aufrüstete. Da kann ich mir getrost auch mal selbst auf die Schulter klopfen.
Es war im Prinzip nicht anders als bei einem Zahnarzttermin. Natürlich weiß man, dass man ihn überleben wird, und in den meisten Fällen ist einem damit sogar geholfen, trotzdem ziert man sich im Vorfeld… Man muss den Zahnarzt nicht unbedingt mögen, Hauptsache er versteht was von seinem Fach. So jedenfalls meine Denke.
Als ich das Büro der Chefin verließ, hatte ich meinen ersten Stempel. Sie überredete mich gleich zum nächsten Termin Ende Oktober. Prostata dann. Ganz so eilig hatte ich es gar nicht. Auf der anderen Seite ist es vielleicht gut, wenn ich am Ball bleibe.