Mein Universum ist nicht streifenfrei

Jetzt müsste ich nur noch den Boden wischen, dann könnte man es beinahe Frühjahrsputz nennen. Gestern und heute waren die Fenster dran. Nicht völlig streifenfrei. Man muss es nicht ausarten lassen. Manchmal beobachte ich eine junge Frau im Wohnhaus gegenüber, wie sie akribisch das Fenster zur Straße putzt. Sie ist damit sehr lange beschäftigt. Natürlich glotze ich nicht immer hin, aber es ist eben auffällig, auch weil es schätzungsweise jeden Monat (oder öfter) zu dieser Aktion kommt. Was ist ihr Antrieb? frage ich mich. Mein Universum muss nicht streifenfrei sein.
Nein, auf den Boden habe ich heute keine Lust. Auf der anderen Seite: Nicht, dass ich eine Staublunge bekomme. Ich machte mir wirklich schon ernsthaft Gedanken darüber, eine Putzhilfe zu engagieren – 1x die Woche für Boden, Staub wischen, Spüle und Bad. Ich würde auch ordentlich bezahlen. Putzen ist in meinen Augen Schwerstarbeit.
Mir bleiben noch vier Tage, bis ich wieder an die Tumordokumentation muss. Was hätte ich nicht alles erledigen können…, nicht nur, was die Putzarbeiten angeht. Ich mache mir Sorgen um meinen Fitnesszustand. Jeden Tag ein Stündchen herumspazieren hätte mir sicher gutgetan. Tja, was soll ich sagen. So ein 14-Tage-Urlaub ist einfach zu kurz – wenn man mit Herz und Seele prokrastiniert. Der Aktivitäts-Wahn einiger Zeitgenossen macht mir Angst. Dazu gehören dieser Fitness-Kult, nebenbei mindestens 1 Buch pro Woche lesen, sich kulturell weiterbilden, eine Fremdsprache lernen, und ein Musikinstrument muss man natürlich auch spielen können. Selbstverständlich geht das alles nicht ohne gesunde, biologisch nachhaltige, am besten eine vegetarische Ernährung. Man besucht Seminare wie „Glücklich und gesund leben“ und tauscht sich mit Gleichgesinnten aus. Eine ehrenamtliche Tätigkeit für die Kirche oder einen anderen Verein sollte im Aktivitätsprogramm nicht fehlen. Aufopferungsvoll kümmert man sich um die altersschwachen Eltern, die eigenen Kinder und den Ehepartner… ach ja, und dann ist da noch der Vollzeitjob in der mittleren Führungsebene eines Dingsbums-Unternehmens.
Wow! Mir wird allein beim Aufzählen all dieser Aktivitäten schwindelig. Gut, dass ich das Fensterputzen gleich am Morgen erledigte. Wird Zeit für einen Drink. Bis auf Weiteres ist alles aufgeschoben.

       

Drückeberger

Das Spanferkelessen im Pub war auf 19 Uhr angesetzt. Geschlossene Gesellschaft. Eine Art Pub-Weihnachtsfeier für die Stammgäste. Ich hatte am Nachmittag einen Frisörtermin zwei Hauseingänge weiter und wartete im Pub. Ich kriege automatisch eine SMS, wenn`s so weit ist.
Sita bediente und sprach mich auf das Spanferkelessen an.
„Du kommst doch? Ich habe dich eingetragen.“
„Klar“, antwortete ich. Ich werde jedes Jahr vom Wirt eingeladen, aber wenn der Tag dann da ist, habe ich den Termin entweder nicht auf dem Schirm, oder ich habe schlicht keine Lust.
Der Frisörtermin verzögerte sich. Es war mittlerer Nachmittag, so gegen 16 Uhr. Ich trank mein Bier im Pub und wartete. Der Wirt spendierte mir einen Korn. Harry gab mir das nächste Bier aus.
„Du kommst doch nachher auch?“
„Klar“, meinte ich und: „Danke!“
Endlich war es soweit. Eine SMS signalisierte mir, dass ich drankam. Ich trank schnell aus und gab Sita Bescheid, dass ich nur kurz beim Frisör sei. „Kein Problem“, sagte sie.

Ich mag Frisörbesuche nicht. Sie kommen in meiner Unbeliebtheitshitliste gleich hinter Zahnarzt- und anderen Arztbesuchen. Warum sehe ich dort im Spiegel stets viel hässlicher aus als zuhause? Wegen der Helligkeit? Ganz besonders schlimm wird es, wenn die Frisörin mir am Schluss per Handspiegel zeigt, wie meine Rübe von hinten aussieht. „Alles recht so?“ „Ja“, antworte ich schnell.
Gut, dass die gesamte Prozedur selten länger als 15 Minuten dauert. Noch kurz die Haare ausspülen, abfrottieren, bezahlen, und ich latsche die paar Meter zurück ins Pub.

Inzwischen war kaum noch jemand zugegen. Es ist wie bei einem Tsunami: das Wasser zieht sich erstmal zurück, bevor die große Welle kommt. Ich bestellte noch ein Bier. Sita begutachtete meinen Haarschnitt.
„Guuut!“
Anstandshalber lächelte ich. Die Uhr sagte: Noch fast zwei Stunden bis zum Spanferkel-Showdown. Ich spürte, wie ich langsam meine sowieso nicht üppige Lust an diesem Event verlor. Mist aber auch! – Ich bin ein Mensch, der normalerweise zu seinem Wort steht.
Der Wirt war vollauf beschäftigt mit den Vorbereitungen, als ich mich verdünnisierte.
„Ich gehe dann auch noch mal… kurz Luft schöpfen. Bis dann!“
„Jo.“
Ein verhaltenes Winke-Winke, und draußen war ich. Uff! Hatte eben ein anderer mehr vom Spanferkel… Wenigstens erledigte ich den Frisör, den ich zwei Wochen lang vor mir herschob. Im Prokrastinieren bin ich spitze.