28.08.21 Potsdamer Platz

Zwischendurch kam die Sonne hervor und Necips Schwiegersohn warf noch den Grill an. Aber solange wollte ich nicht warten. Ich hatte mir vorgenommen, zum Potsdamer Platz zu radeln, um einer Wahlkampfveranstaltung der Partei Die Basis beizuwohnen oder wenigstens ein paar Eindrücke zu sammeln.
Als ich den Potsdamer Platz erreichte, stellte ich verdutzt fest, dass der gesamte Platz von der Polizei abgeriegelt war. Sie hatte dort Infostände zum Thema „Verkehrserziehung“ o.ä. aufgebaut. Ich umrundete das Ganze, blickte hinüber zum Leipziger Platz, aber konnte kein Anzeichen einer Parteiveranstaltung entdecken. Angekündigt war sie auf der Website von Die Basis zwischen 16 und 20 Uhr auf dem Potsdamer Platz. War dann wohl ein Satz mit X, dachte ich und setzte mich in einen nahen Biergarten.

2 große Helle später schaute ich mir die Szenerie nochmals an. Und o Wunder, was sahen meine kleinen Äuglein? Die Polizei hatte das Feld geräumt. Nein, die Polizei war natürlich nicht weg. Sie hatten nur abgebaut. Die Polizeipräsenz war überwältigend: überall standen Mannschaftswägen und Gruppen von Polizisten in Kampfmontur. Zur Luftüberwachung waren Hubschrauber im Einsatz.

Inzwischen kamen immer mehr Demonstranten zusammen und machten mit Musik und Tanz Stimmung. Es waren sicher einige Hundert – schwer zu sagen, denn alles durchmischte sich: Wochenendeinkäufer, Touristen, Demonstranten, Polizisten… Insgesamt durch das große Polizeiaufgebot eine gespenstische Kulisse, doch die positive Energie der Demonstranten mit ihren Liedern, ihren Trommeln berührte mich zutiefst. Sie ließen sich nicht einschüchtern. Einige fanden sich zu einer Polonaise zusammen und tanzten um die Gruppen der Polizisten herum. Einige suchten das Gespräch mit den Polizisten, die sich hinter ihrer martialischen Ausrüstung versteckten. Eine gute Weile stand ich neben einem Mann, der das bunte Getümmel filmte. Er war nicht der einzige, der filmte. Ich sprach ihn auf eine Gruppe von Polizisten in schwerer Montur an, die sich inmitten der Menge positioniert hatten. „Das sind die Schläger“, sagte er. „Wahrscheinlich warten sie auf eine Provokation“, meinte ich, „das ist doch Faschismus, wenn der Staat solche Truppen gegen seine eigenen Bürger einsetzt!“ Der Mann mit der Kamera stimmte mir zu.

Es begann zu regnen, und ich verabschiedete mich. Wir reichten uns die Hand. Ich hatte genug gesehen und machte mich überwältigt von den Eindrücken auf den Nachhauseweg. Viele junge Leute strömten Richtung Potsdamer Platz, nicht zum Demonstrieren, sondern um ihren Samstagabend mit Freunden in einem der vielen Lokale einzuläuten. Die Restaurants und Cafés waren voll, wie es in Berlin an solchen Knotenpunkten üblich ist.

  

Parasite

Irgendwer hat über Nacht den Himmel geputzt. Strahlendes Blau statt grauer Wolkensuppe. Die Sonne steht so tief, dass ich nur ihre Reflexionen im Herbstlaub und in den Fenstern sehe. Als ich das Fenster zum Lüften öffne, fröstelt es mich. Ich lasse die kalte Morgenluft in meine Bude, die sich sogleich gen Boden senkt und durch die Räume kriecht. Ich reibe meine nackten Glieder. Bald bin ich wieder am ganzen Körper käsig. Und: alt werde ich. Treffe ich zufällig auf mein Spiegelbild, erschrecke ich… Gestern z.B., als ich in den Potsdamer Platz Arkaden an einer Bar saß und mich im Spirituosenregal spiegelte. Ich legte meine Stirn in Falten, ebenso das Gesicht im Spiegel. Mist! Da ich mir den Tag nicht verderben wollte, lenkte ich meinen Blick auf die TV-Bildschirme an der Wand, auf denen Fußball lief. Bundesligakonferenz. Augsburg – SC Paderborn und Union Berlin – Mainz 05. Ich musste noch etwas Zeit totschlagen bis zum Kinofilm. Eingekauft hatte ich schon. Alles war somit für diesen Tag in Sack und Tüten.

Ehrlich gesagt hatte ich mir etwas mehr von „Parasite“ erwartet. Vielleicht lag es aber auch an meiner Verfassung, dass mir der Film etwas zu lang wurde. Nett gemacht war er jedenfalls und auch gut in Szene gesetzt. Zum einen die Schmarotzer-Familie, die auch bildlich „ganz unten“ bzw. „im Keller“ lebt, zum anderen die Upperclass-Familie in ihrer modernistischen Villa. Durch eine glückliche Fügung des Schicksals gelingt es der Schmarotzer-Familie, sich in der Villa breit zu machen… als Hauslehrer, Kindermädchen, Hausdame und Chauffeur. So weit so gut. Danach kippt die Sozialkomödie zunehmend ins Absurde und gipfelt schließlich in einer blutigen Katastrophe. Streckenweise sehr konfus. Ich kam nicht immer hinterher. Besonders gegen Ende.
Fazit: Viele Menschen müssen ein Leben als Schmarotzer/Parasiten führen, verkriechen und verstecken sich, müssen lügen und betrügen, um auch etwas vom Kuchen abzubekommen. Dabei verkaufen sie sich an die privilegierte Klasse und entwickeln dabei nach und nach einen Widerwillen und Hass gegen jene, bei denen sie sich einnisteten (oder gegen jene, die in ihre Welt einbrechen und ihr relativ gesichertes „Parasiten-Keller-Dasein“ bedrohen).
Meine abschließende Erkenntnis ist, dass sie, Wirtsfamilie und Parasiten, alle gleich bescheuert sind.
Ich halte den Menschen per se für einen Parasiten. Er beutet die Erde bis zum Letzten aus. Er spielt sich als Hausherr in einer „Villa“ auf, die ihm nie gehörte und auch nie gehören wird.

Die Zukunft steht geschrieben, aber der Film läuft noch

Redford ist inzwischen ein alter Knacker und kann einen solchen authentisch verkörpern, so in dem derzeit laufenden Kinostreifen „Ein Gauner & Gentleman“, einer leicht erzählten Tragikomödie über einen alternden Ganoven, der alleine und mit zwei ebenso nicht mehr ganz jungen Kumpels in feiner Manier Banken ausraubt*. Seine Vita ist eine einzige Aneinanderreihung von Banküberfällen, Knastaufenthalten und Ausbrüchen. Es geht ihm nicht um die Kohle, sagt er, sondern um das Leben. Redford verkörpert die Figur des nimmermüden Ganoven sehr sympathisch. Selbst der Polizist, der ihn jagte, bedauert, als er schließlich von der Bundespolizei gestellt wird. Immer wieder sieht man Nahaufnahmen von seinem furchigen Gesicht und diesen Redford-Augen, etwas milchig zwar, aber sie strahlen immer noch.
Eingewoben in die Ganovenstory eine Liebesgeschichte – der alte Ganove könnte endlich zur Ruhe kommen, einen Hafen, ein Zuhause für seine letzten Lebensjahre an der Seite einer nicht minder alten aber gut erhaltenen Dame mit Pferderanch finden. Doch seine Leidenschaft fürs Bankgeschäft ist stärker, und so wird nichts aus dem Happy End.
Ich dachte nur, mein Gott, wie alt Redford geworden ist. Wie viele Jahre gingen ins Land, seit ich ihn an Paul Newmans Seite in „Der Clou“ bewunderte? Die beiden gehörten zu meinen Lieblingsschauspielern in den Siebziger-Achtzigern. Wobei ich Paul Newman einen Tick mehr mochte. Scheiße, wie lange ist das her! Das Leben lag damals noch vor mir…

 

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Wie komme ich eigentlich hierher? Ich sitze an einem künstlich angelegten Teich unweit des Kinopalastes am Potsdamer Platz. Der Himmel über mir strahlt in astreinem Blau. Verkehrsgetöse im Hintergrund, und doch ist dieses Plätzchen voller Ruhe. Ich blicke sinnierend auf die Wasseroberfläche und die modernistischen Fassaden der umgebenden Gebäude. Ich frage mich, wer in ihnen arbeitet. Wir alle sind Teil eines riesigen Lebewesens, das sich Stadt nennt. Anonym funktionieren wir nebeneinander, arbeiten gemeinsam daran, dass alles weitergeht…

 

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Mir bleibt noch eine Stunde bis zum Filmstart. Ich genieße die Ruhe im Auge des Sturms.

 

*Ich sehe mich als Rentner auch schon Banken überfallen. Fürs Geld und fürs Leben.

 

Aussprache

Ein eisiger Wind wehte durch die Straßen. Es war sprichwörtlich arschkalt. 10 Minuten mit dem Fahrrad, wobei ich davon die längste Zeit an den Fußgängerampeln stand. Das Alt-Bayern liegt gegenüber den Potsdamer Platz Arkaden. Vor allem in der wärmeren Jahreszeit sitzt es sich dort gut auf der langen Terrasse. Ich traf einige Minuten vor der verabredeten Zeit ein und bestellte mir schon mal ein großes Helles. „Einen Liter?“ fragte die Bedienung, ein junger Mann ausländischer Herkunft. Ich blickte ihn verdutzt an und belehrte ihn freundlich: „In Deutschland ist ein großes Bier immer ein halber Liter. Wollte ich einen Liter, würde ich eine Maß bestellen.“
O. kam pünktlich. Ihr Anblick munterte mich auf. Wann hatten wir uns überhaupt das letzte Mal gesehen? Wir ließen es langsam angehen, wärmten uns erstmal auf. Schließlich begann sie, mir ihre Sicht der Dinge zu schildern. Danach war ich dran. Es wurde sehr emotional – aber im positiven Sinne. Die Aussprache wirkte befreiend. Jeder hatte bis dato eine große Last mit sich herumgeschleppt. „Ich hatte Angst davor, wie du reagieren würdest“, sagte sie. „Ich hatte auch Angst vor dem Treffen.“ Unsere Hände trafen sich auf der Tischmitte.
Wir verbrachten noch einen wunderschönen Nachmittag mit Einkaufen und Kino. „Arthur & Claire“ lief im Cinemaxx. Der Film setzte unserer ohnehin sentimentalen Stimmung die Krone auf.
Danach kam sie noch mit zu mir. Schon komisch, das so zu sagen, und auch traurig, war das doch bis vor kurzem unsere gemeinsame Wohnung. O. kochte für uns. Es gab gute Pasta und Lachs. Nach dem Essen waren wir beide müde. Der emotionale Nachmittag musste erstmal verdaut werden. O. packte noch ein paar Sachen zusammen und bestellte sich ein Taxi nach Hause. Ihre Adresse ist jetzt Prenzlauer Berg.