Wat mutt, dat mutt

Am Ende der Straße ist eine Großbaustelle, d.h. da entsteht ein großes mehrgeschossiges Gebäude am Rande des Parkes am Gleisdreieck. LKWs rumpeln wie an einer Perlenschnur über das Kopfsteinpflaster. Gebaut wurde während der gesamten Corona-Zeit. Wahrscheinlich systemrelevant das Baugeschäft. Schon allein wegen der vielen Schwarzarbeiter… Die armen Schweine müssen beschäftigt werden. Abstandsregeln? Mundschutz? Pustekuchen.
Wat mutt, dat mutt, sagen sich die Stadtoberen. Und darum kontrolliert dort tunlichst keine Behörde. Die Gier beugt sich das Recht zurecht. Bürger Klein Doof hat genug mit sich selbst zu tun und ist längst abgestumpft, was die regelmäßig aufgedeckten Skandale angeht. Nach einem kurzen Rauschen im Schmierblätterwald geht alles wieder seinen gewohnten Gang. Trotzdem sorgen solche Skandale wenigstens für ein bisschen Abwechslung. Bürger Klein Doof fühlt sich bestätigt: „Ich hab`s dir ja gesagt, die sind alle korrupt.“ Oder: „Was glaubst du denn, was in der Wurst drin ist?“
Bürger Klein Doof wird mit der Zeit richtig heiß auf Skandale: „Ein Skandal, dass schon seit Monaten kein Skandal mehr aufgedeckt wurde! Was ist los mit der journalistischen Zunft? Haben alle keinen Arsch in der Hose!“
Ich lasse meine Gedanken schweifen… Ein großer dicker Mann mit einem kleinen Hund an der Leine überquert die Straße zwischen zwei LKWs. Die Sonne scheint auf das grüne Blattwerk der Stadtbäume. Bürger Klein Doof liest an seinem Computer die neuesten Nachrichten. „Ist doch alles Scheiße“, sagt er vor sich hin und ruft seine Lieblingspornoseite auf.

 

Lethargischer Blick in den Sonntag

Die Chinesen sind uns sechs Stunden voraus. In Shanghai fand der Der Große Preis von China statt. Sieger mal wieder Hamilton, Bottas auf Platz Zwei, Vettel Dritter. Nichts Aufregendes – im Prinzip die Fortsetzung der letzten Saison. Ferrari kriegt die Kurve nicht, und Mercedes zieht davon. Ich mag den bodenständigen Vettel lieber als den Sunny Boy Hamilton. Ich würde Vettel mal wieder einen Sieg gönnen. Aber es soll nicht sein. Nicht seine Zeit, nicht die Zeit von Ferrari.
Unruhig wie ein Tiger im Käfig wandere ich durch die Wohnung, wische das Blut auf, lüfte, putze da und dort Staub. Draußen pisst es. Das Pflaster glänzt vor Nässe. Scheiße aber auch! Am Abend stieß ich im Dunkeln brutal mit dem linken großen Zeh an eine Möbelkante. Autsch! Ich bemerkte zuerst gar nicht, dass ich wie ein Schwein blutete. Notdürftig umwickelte ich die Wunde mit einem Kleenex Tuch und lagerte das Bein hoch, aber da hatte ich bereits eine anständige Blutspur hinterlassen.
Ich schalte den Fernseher wieder aus und meinen Lieblingsbluessender Aardvark an. Der läuft eigentlich immer, wenn ich nicht gerade in die Glotze schaue. Ab und zu höre ich auch meine Lieblingsmusik auf Spotify, nur stören mich die bescheuerten, überlauten Werbeeinblendungen. Trotzdem werde ich nie ein Bezahl-Abo eingehen. Auch nicht auf WordPress oder einer anderen Plattform. Scheiß Kapitalisten! Sie wollen einen weichkochen – aber nicht mit mir! Ich weiß, sie haben die Welt längst im Sack. Widerwillig schaue ich mir ihr Drecksspiel an. Auch mich halten sie freilich an der Leine, aber zähmen werden sie mich nie!
Um etwas Gemütlichkeit aufkommen zu lassen, zünde ich ein paar Kerzen an. Dann gehe ich auf eine Porno Seite und hole mir einen runter. Bedürfnisse müssen befriedigt werden. Ist doch nichts dabei. Noch geht`s… Noch genieße ich das bisschen Freiheit, das ich hier in Berlin habe. Wenn erstmal die Chinesen die Kontrolle übernehmen, hat sich das auch. Die Chinesen sind groß im Kommen. Sie streben die Weltherrschaft an – da bin ich mir ganz sicher! Die Zukunft wird ein weltumspannender chinesischer Kakerlaken-Staat sein. Sie krabbeln bereits zu Tausenden durch Berlin – wie ferngesteuert – und kundschaften aus, was ihnen sowieso bald gehört.
Ich bin kein besonders ängstlicher Mensch. Ich frage mich nur in aller Regelmäßigkeit: Wozu das alles? Wozu die materialistischen und ideologischen Perversionen menschlichen Treibens? Wer hat uns ins Gehirn gekackt??
Ich suche die Zeitanzeige auf der Fußleiste meines Notebooks. Ich warte, bis eine Minute rum ist. Ich warte auf die nächste und übernächste Minute. So geht das. Das ist Zeit. Darum sitze ich hier. Es ist meine Lebenszeit.