Die Zeit wiegt schwer

Auf alles, was existiert, prasselt die Zeit ein, bis das Ding oder das Lebewesen ihr erliegt. Die Zeit zermürbt/erdrückt. Man wird sie nicht los, und ständig kommt neue Zeit hinzu. Viele Menschen fragen: „Wo ist die Zeit nur hin?“ Aber das ist falsch. Ich spüre die Jahrzehnte auf meinem Buckel – gleich einem riesigen unsichtbaren Rucksack, den ich ständig mit mir herumschleppe, und der von Jahr zu Jahr schwerer wird. Die Zeit ist nicht weg. (Schön wär`s.)
Als junger Mensch spürt man die Last der Zeit noch nicht, und wünscht sich gar, dass sie schneller vergeht, um endlich den Führerschein machen zu dürfen oder sich von den Eltern nichts mehr sagen lassen zu müssen. Die ersten vier Jahrzehnte nimmt man wie ein Hürdenläufer und merkt immer noch nicht viel…
Es ist falsch ausgedrückt, dass die Zeit vergeht. Andersherum ist es richtiger: sie kommt ständig hinzu. Frontal. Oft brutal. Sie hört keinen Moment auf. Die Zeit bringt, was sie bringt. Wir nennen es Schicksal. Die Menschen ersannen tausenderlei Methoden, um dem zu entgehen, was unweigerlich auf sie zukommt. Es ist nichts anderes als Zeitkosmetik. Oft eine lächerliche Fassade. Clowneskes Getue. Niemand hält die Zeit auf, wir alle erliegen ihr früher oder später. Und bis es so weit ist, schleifen/tragen wir diesen riesigen Sack voller Zeit durchs Leben. Darum der Frieden und die Erleichterung, den ich oft in den Gesichtern von Verstorbenen wahrnahm. Es sah wirklich so aus, als wären sie eine Riesenlast losgeworden…
Trotzdem hängen wir in aller Regel am Leben und sehnen den Tod nicht herbei. Zum Leben verdammt. Jedes Lebewesen erfüllt einen Plan, der nicht in Frage zu stellen ist. Wer trotzdem fragt, der hat ein Problem. So sind wir Menschen – durch irgendeinen Kurzschluss im Denken fragen wir nach Sinn und Zweck der Veranstaltung, die wir Dasein nennen. So begann es mit der Spiritualität, der Philosophie und den Religionen. Letztlich auch alles Kosmetik bzw. eine Sache des Glaubens. Wer feste glaubt, muss sich weniger der Realität stellen. Wer steht schon gern sein Leben lang im Regen? Wir alle sind auf der Suche nach einem Unterschlupf, einem Hafen…

Zurück zum Phänomen Zeit: Hier und jetzt: Der Sonntag plätschert wie eine lauwarme Dusche auf mich nieder. Ich sehe eine Woche Homeoffice auf mich zukommen. Nicht wirklich aufbauend. Ich werde mich durchschleppen. Hauptsache das Lächeln nicht verlieren. Weil ich noch von Liebe träume. Liebe ist sowas wie eine Antischwerkraft, welche alles leichter macht.

 

Merkelmerkelmerkel…

Fuck, in einer Woche wird schon gewählt, und ich bin so gar nicht in Stimmung… Die politische Situation ist verfahren und läuft auf ein Weitermachen wie gehabt hinaus – ähnlich wie in vielen Beziehungen, wo man aus Bequemlichkeit oder Zweckmäßigkeit an den Verhältnissen besser nicht rüttelt. Die Republik ließ sich „einmerkeln“ – Merkel ist auch über die Grenzen hinaus ein Garant für… (Achselzucken). Irgendwas hat sie. Ich weiß nur nicht, was das genau ist. Sie lässt sich nicht in die Karten gucken. Auch menschlich erscheint sie mir undurchsichtig. Ich glaube, sie hätte gute Chancen, Poker-Weltmeisterin zu werden. Offenbar kann sie ganz gut systemisch denken und besitzt außerdem Machtinstinkt. Rhetorik ist nicht ihre Stärke, aber dafür verplappert sie sich seltener als andere Politiker. Nach zwölf Jahren Kanzlerschaft ist sie ausgebufft und meistert das Tagesgeschäft souverän. Um sich herum versammelte sie eine Mannschaft, die wahrscheinlich für sie durchs Feuer gehen würde. Sie ist alles andere als ein Käpt`n Blight (von der Bounty). Kritiker lässt sie elegant abblitzen. Nur wenige konnten überhaupt ein paar Kratzspuren auf ihrem Lack hinterlassen. Wir erinnern uns kaum dran. Im Aussitzen ist sie noch weit besser als Kohl, der letztlich über seine Arroganz stolperte. Frau Merkel ist in meinen Augen ein Phänomen und kaum noch als Kanzlerin wegzudenken. Der brave Martin Schulz hatte von Anfang an keine Chance, zumal ihm das nötige Charisma fehlt. Man muss also kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass Merkel aus der Wahl am nächsten Sonntag als unumstrittene Siegerin hervorgehen wird. Alles wird darauf hinauslaufen, dass die CDU mit einer schwachen Schulz-SPD im Schlepptau weiterregieren wird.
Möglicherweise ganz gut so, wenn ich mir das Kasperletheater der Oppositionsparteien betrachte. Eine Meuterei auf der Bounty wird es in dieser Republik nicht geben. Kein neues Land in Sicht – keine neue Perspektive. Bleibt nur das Oktoberfest…