Der Zyklop

Heute Nacht träumte ich von Geistern. Das meiste wurde von der Dunkelheit wieder verschluckt. Ein Bild blieb jedoch hängen, vielleicht aufgrund seiner Skurrilität. Ich sah eine Figur gleich einem Zyklopen mit nur einem Auge im runden Gesicht. Die Figur trug einen Pullover mit einem großen kreisrunden lila Fleck auf dem Bauch. Und dieser Fleck entpuppte sich als eine Art Pforte für Geister…
Was man sich nicht alles zusammenfantasiert. Ich dachte, die Geister müssten aus dem Bauch des Zyklopen kommen, aber als der den Pullover anhob, fand sich darunter keine Entsprechung zu dem Flecken. Sehr seltsam, dachte ich im Schlaf und träumte wirr weiter…

An der Pforte

„Drei Türen, von denen du eine auswählen kannst“, sagte er und klopfte mir freundschaftlich auf die Schulter. Dabei waren wir uns fremd. Ich zuckte zusammen, weil ich für sowas mehr Vertrautheit mit einer Person voraussetze. Aber er hatte mich an der Angel. Schließlich war ich zu ihm gekommen. Manche Ärzte gehen ähnlich vor, wenn sie den Patienten unangenehme Wahrheiten mitteilen müssen. Wahrscheinlich eine Mitleidsgeste. Auch Gefangene in der Todeszelle behandelt man derart. Jedenfalls stelle ich`s mir so vor. Na ja, der Wunsch ist der Vater des Gedankens. Schließlich weiß ich aus Erfahrung, dass wir mit Kranken und Sterbenden nicht immer pfleglich umgehen…
„Drei Türen“, wiederholte er und blickte mich nun eindringlich und ernst an, „aber bevor ich das weitere Prozedere erkläre, sage mir bitte, wie du zu mir fandst.“
„Ganz einfach. Übers Telefonbuch.“
„Was? Da stehe ich drin? Unglaublich!“
„Genaugenommen war das Telefonbuch in meinem Traum.“
„Soso. Du bist wohl ein Klarträumer? Ja, die Träume sind ein Weg. Sie waren schon immer ein Weg…“, er stutzte, als wolle er noch was Erhellendes sagen, aber stattdessen klopfte er mir nur nochmals auf die Schulter.
„Gut-gut, dann komme ich zum Punkt – da du schon mal hier bist. Des Menschen Wille ist bekanntlich sein Himmelreich.“
„Klar.“
„Du weißt, dass ich hier nur der Pförtner bin? Ich habe lediglich die Aufgabe, dich aufzuklären und dir den Schlüssel für die Tür zu geben, die du aussuchst.“
„Ich denke, ich weiß Bescheid.“
„Quark, nichts weißt du! Und ich weiß ebenso wenig. Du bist hier, weil du…“
„Das ist verdammt meine Sache, warum ich hier bin!“
Obwohl dieser Pförtner, wie er sich nannte, an exponierter Stelle für meinen weiteren Weg zuständig war, hatte er sich nicht in meine Belange einzumischen! Von Professionalität zeugte seine letzte Äußerung jedenfalls nicht.
„Na gut“, sagte der Pförtner, „du weißt sicher auch, dass jetzt noch eine Chance auf Umkehr besteht, doch sobald ich die drei Schlüssel auf den Tisch lege und dir deine Optionen erläutere, ist es zu spät.“
Ich schwankte. War ich wirklich soweit? Ich war nie eine Spielernatur. Ich begab mich nicht gern ins Ungewisse. Trotzdem stand ich in diesem Moment hier, und es würde um alles oder nichts gehen. Die Hälfte meines Lebens vergeudete ich mit Grübeleien darüber. Den Rest wollte ich mir gern ersparen. Ich war mir selbst überdrüssig. Mit meinen miesepetrigen Gedanken hatte ich die Umwelt lange genug verpestet. Vielleicht ergab sich hier die Möglichkeit eines Neuanfangs…
Diesmal klopfte ich dem Pförtner auf die Schulter und sagte, er solle fortfahren – verdammt noch mal! Ich lachte verkrampft.

Drei goldene Schlüssel lagen plötzlich vor mir, und ich bemerkte, dass die Türen langsam näher rückten – wie die Wände in einer von Edgar Allen Poes alptraumhaften Storys.
„Deine Zeit ist gekommen“, sagte der Pförtner, der sich allerdings in Luft aufgelöst hatte. Ich hörte nur noch seine Stimme.
„Wenn du die Tür zu deiner Linken wählst, kannst du dein Leben ganz von vorne beginnen. Du wirst als derselbe Mensch mit denselben Eltern in dieselbe Zeit geboren.
Überlege gut, ob du diese Tür wählst. Hast du eine Frage dazu?“
„Ich wäre also ich selbst, könnte aber alles anders machen?“
„Ja.“
„Hm.“
„Wenn du die Tür zu deiner Rechten wählst“, fuhr die Stimme fort, „dann wirst du als ein anderer Mensch neu geboren.
Überlege gut, ob du diese Tür wählst. Hast du eine Frage dazu?“
„Ich kann nicht beeinflussen, wo, in welcher Zeit und als welche Person, arm oder reich etc., ich auf die Welt komme?“
„So ist es.“
„Hm.“
„Und nun zur mittleren Tür direkt vor dir. Wenn du durch diese Tür schreitest, wird es sein, als gäbe es dich nicht, weder als die Person, die du bist noch als eine andere, für alle Zeiten.
Überlege gut, ob du diese Tür wählst. Hast du eine Frage dazu?“
„Und was ist dann, wenn es mich quasi gar nicht mehr gibt – ich meine, irgendwas muss doch sein?“
„Niemand hat darauf eine Antwort.“
„Nicht mal Gott?“
Die Stimme schwieg. Die Türen waren nur noch eine gute Armeslänge von mir entfernt. Ich blickte auf die drei goldenen Schlüssel vor mir.
„Und wenn ich keine der Türen wähle?“ rief ich verzweifelt in den Weltenraum hinaus.