Das gute an den Toten ist, dass sie nie mehr aufwachen

Nächtliche Träume sind nicht immer schön. Das Aufwachen auch nicht. Selbst wenn die Sonne scheint.

Zuerst zu den Träumen, die ich meist vergesse aber manchmal fetzenhaft im Gedächtnis behalte, vor allem jene, die mich beunruhigen.

Da war eine neue Pandemie – nein, es war eher eine Insektenplage. Jeder Quadratzentimeter des Erdbodens war voller Insekten. Es gab kein Mittel gegen sie. Ein Fünftel der Menschheit fiel ihnen zum Opfer… Ich wachte auf, die Blase drückte, und ich ging Pinkeln.

Danach fand ich mich wieder in einer Gruppe teilweise mir bekannter und unbekannter Menschen. Wir saßen um einen großen ovalen Tisch herum. Ein Typ, den ich eigentlich immer für einen guten Kumpel gehalten hatte, begann mit einer miesen Rede über mich… verhöhnte mich ausschweifend. Was war mit ihm los? Ich lachte darüber und wunderte mich, warum er damit nicht aufhörte. Bald verging mir das Lachen. Er stimmte ein Spottlied an, und einige aus der Gruppe sangen mit.

Als ich aufwachte, war das Tageslicht ins Zimmer eingedrungen. Die Wirklichkeit hatte mich wieder. So genau weiß ich aber nicht, was die Wirklichkeit ist. Langsam wurde ich mir selbst gewahr in dem Leben, welches sich bei meiner Geburt auftat und mich seitdem gefangen hielt mit seinen Gesetzen, Regeln und Forderungen. Ich stand auf und schob den Vorhang zurück, blickte in den morgendlich blauen Himmel. Alles zeigte sich wie am Vortag.

   

Die Welt ist kein Uhrwerk, und der Mensch keine Maschine

Ich verließ meinen Körper. Es fühlte sich an wie das Ausziehen eines Handschuhs. Dabei dachte ich: Es geht also wirklich…

Die Waschmaschine läuft. Ich war für meine Verhältnisse fleißig. Ich bezog das Bett frisch. Wieso kommen mir gerade jetzt diese Gedanken? Ich hielt meinen Arm in den Tümpel, und es streifte mich. Nur leicht. Ich konnte aus meinem Körper schlüpfen wie aus einem Handschuh. Mehr weiß ich nicht mehr. Ein paar Gedankenmomente lang hatte ich dieses Gefühl wieder…, aber ich konnte es nicht festhalten. Ich ziehe meinen Arm wieder aus dem Tümpel und streife die Nässe über Augen und Stirn… Zurück im Sonntag, Ende März, am Tag der Umstellung von Normal- auf Sommerzeit. Als ob die eine Stunde den Bock fett machen würde. Die Welt ist kein Uhrwerk, und der Mensch keine Maschine. Die Technokraten mit ihren dämlichen Ideen. Auch jetzt zu Pandemiezeiten. Rasenmäher-Methode statt differenziertes Erörtern der Maßnahmen und ihrer Folgen. Man presst alles in ein entworfenes System, das man für alternativlos hält… Andere Ansätze werden erst gar nicht angehört. Es ist zum aus der Haut fahren.
Seit ich denken kann, werde ich in vorgefertigte Systeme gepresst. Die Autoritäten scheißen darauf, ob du damit einverstanden bist oder nicht. Erwünscht sind gehirngewaschene Spießer, keine quer denkenden Rebellen…
Okay, haben wir also wieder Sommerzeit. Sei`s drum. Wobei es Menschen gibt, die unter den Zeitumstellungen leiden. So meine alte Bürokollegin, die sich dann regelmäßig ein paar Tage frei nahm, weil ihr Biorhythmus total aus der Spur geriet.
Haben Technokraten eine Seele? Sieht für mich nicht danach aus. Dummerweise beherrschen sie die Welt. Sie legen dein Herz auf die kalte Herdplatte. Sie bestimmen, was falsch und richtig ist. Und natürlich ist alles zu deinem Besten. Schön, dass wir diese schlauen Menschen haben, die wissen, was für uns gut ist.

Die Waschmaschine hat fertig. Es ist fast Mittag. Wo ist die Zeit nur hin?

 

Was ich an Corona nicht verstehe – was mich wundert und ärgert

  • dass man immer noch nicht genau weiß, wie das Ganze seinen Lauf nahm
  • wie es zur Pandemie kommen konnte
  • ob die WHO adäquat reagierte
  • was Covid-19 im Vergleich zu anderen Grippeviren so besonders macht
  • wie gefährlich Covid-19 wirklich ist
  • wie wenig die Fachleute darüber wissen und wie unterschiedlich ihre Einschätzungen zu Corona ausfallen
  • wie ungebildet wir allgemein sind, insbesondere was das Verständnis von Viren angeht
  • warum die Länder auf der Erde derart unterschiedlich von der Pandemie betroffen sind
  • warum viele Fachleute das Tragen eines Mundnasenschutzes anfangs für Blödsinn hielten und uns kurze Zeit später das genaue Gegenteil verkündeten
  • warum nie eine repräsentative Stichprobe gemacht wurde, also einige tausend Menschen ausgesucht wurden, die man regelmäßig testet, um halbwegs valide Aussagen zur Verbreitung des Virus machen zu können
  • dass Politiker diese Krise benutzen, um sich zu profilieren
  • dass man plötzlich den Wert der Menschen entdeckt, die in sogenannten systemrelevanten Berufen arbeiten, sie beklatscht, eine Zusatzzahlung verspricht und peu à peu zurückrudert
  • dass mal wieder die Ärmsten und Schwächsten besonders leiden
  • dass viel darüber geredet wird, man müsse die Risikogruppen schützen, aber de facto passiert zu wenig
  • wie es zu dem Engpass beim notwendigen medizinischen Equipment kommen konnte
  • wie unterschiedlich die Sorgen und Ängste in der Bevölkerung sind: von totaler Sorglosigkeit über eine gewisse Ängstlichkeit bis hin zu Panik
  • dass bei vielen Bürgern der gesunde Menschenverstand auszusetzen scheint, was z.B. bei den anfänglichen Hamsterkäufen sichtbar wurde – ich sage nur Klopapier
  • dass vielen offenbar die Fantasie durchgeht – sie hinter Corona eine Art Weltverschwörung wittern
  • dass einige selbst in diesen Krisen-Zeiten nicht auf ihren Malle-Urlaub verzichten können
  • dass die Berichterstattung der Medien zu Corona relativ undifferenziert und unkritisch ist – kritische Haltungen zur Corona-Politik leichtfertig abqualifiziert werden
  • dass unklar ist, wann ein Impfstoff kommt, und ob wir mittels Impfung die Pandemie wirklich in den Griff kriegen werden
  • warum kein Plan B diskutiert wird
  • niemand so recht weiß, wie es weitergehen soll

 

 

Wenn du durch die Hölle gehst, geh weiter… (Winston Churchill)

Es wird haarig

Nun mussten auch die Frisöre schließen. Das ist dumm, denn meine Haare befinden sich inzwischen in der kritischen Länge, wo ich sie normalerweise schneiden lasse. Mal sehen, wie lange meine Haare im Zuge der Corona-Krise werden. Am Ende sehe ich aus wie ein Alt-Freak und kann mir die Haare zum Pferdeschwanz zusammenbinden. Freilich, wenn`s mir zu ungemütlich unter meiner Mähne wird, habe ich notfalls den elektrischen Haarschneider. Aber erstmal wachsen lassen.

Die zweite Woche zuhause beginnt. Mich würde interessieren, wie`s inzwischen im Büro aussieht. Hätte ich WhatsApp, könnte ich mich problemlos mit den Hühnern unterhalten. Ich könnte auch anrufen, aber dann habe ich vielleicht eine Person am Apparat, mit der ich gerade nicht quatschen möchte. Bestimmt würde ich informiert werden, wenn der Laden für eine Weile ganz zumachte, also gehe ich davon aus, dass noch ein paar die Stellung halten.

Das Wetter wie gestern. Ein herrlicher Sonnentag, allerdings recht kalt. Am Nachmittag werde ich nach dem Einkauf bestimmt eine Stippvisite im Park einlegen. Wenn ich die ab heute geltende „Kontaktsperre“ richtig interpretiere, kann ich gar nichts falsch machen. Sitze eh irgendwo alleine rum und schaue dumm…

Tatsächlich habe ich soeben den Boden in Flur und Küche gewischt. Und die Waschmaschine läuft mit den eingestaubten Läufern. Was soll man sonst auch den lieben Tag lang machen? Nur Glotze oder Computer, da wird man doch kirre… Mal sehen, ob ich nach und nach die gesamte Wohnung geputzt kriege. Jeden Tag eine andere Ecke – nur nicht übertreiben.

2020 wird wohl ganz und gar im Zeichen der Pandemie stehen. Bei allen furchtbaren Nachrichten und Einschränkungen auch eine spannende Zeit und eine Herausforderung. Hauptsache Ruhe bewahren. Lebbe geht weiter*.

 

 

* berühmter Ausspruch von Dragoslav Stepanovic

Herzlichen Glückwunsch zum Virus

Ich will nicht sagen, dass ich glücklich über die Pandemie bin. Die Entwicklungen muten doch recht unheimlich an, seitdem das Virus das Land erreichte, in dem ich wohne/arbeite/lebe. Vorher waren es Berichte von weit entfernten Orten in China. Als dann Italien betroffen war, mussten die europäischen Staaten realisieren, dass es vor Covid-19 kein Entkommen gab. Es brauchte keine große Hellseherei. Das Virus verbreitet sich allzu leicht in einer von Menschen wimmelnden und vom Mobilitätswahnsinn erfassten Welt. Der unsichtbare Feind überflutet die Erde in Wellen, bis er jeden Quadratmeter eingenommen hat. Die Pandemie wird noch tausende Menschenleben kosten. Da es keinen Impfstoff gibt, kann man die Erkrankungsgefahr lediglich durch das Vermeiden sozialer Kontakte mindern. Der träge Behördenapparat in einem föderalen System wie der Bundesrepublik Deutschland ist für eine flächendeckende Einleitung der notwendigen Schutzmaßnahmen total ungeeignet. Von den Hampelmännern/-Frauen in der Politik will ich gar nicht reden. Die meisten Maßnahmen, die nun langsam ins Rollen kommen, waren längst überfällig. Mal wieder ein Paradebeispiel dafür, wie wenig vorausschauend die Politik agiert. Dazu ein Mangel an gesundem Menschenverstand. Covid-19 steht nicht an der Tür und klopft an… Du erkennst ihn erst als Gast, wenn es bereits zu spät ist.
Warum sollte ich also glücklich über diese Pandemie sein? Dieser Feind ist äußerst unheimlich und nicht ganz so harmlos, wie uns anfangs weißgemacht wurde. Und doch kann ich eine gewisse Freude nicht verhehlen: Endlich ein Ereignis, welches wenigstens kurzfristig dem Größenwahn der Spezies Mensch Einhalt gebietet und unsere kapitalistische Welt mit ihrem Wachstumsdenken und seinen Machtstrukturen in Frage stellt… Freilich wird nach der Krise alles so weiterlaufen wie bisher. Ein Tor, wer sich ein Umdenken erhoffte.