Das Jahr neigt sich dem Ende zu

Ich bin schon seit einiger Zeit am Überlegen, was ich über die Feiertage am Jahresende treiben soll. Eigentlich wollte ich wieder in den Süden fliegen. Aber dann entschied ich mich, besser hier zu bleiben, also nicht unbedingt in Berlin… vielleicht irgendeine Stadt in good old Germany anvisieren. Damit u.a. etwas für meine persönliche Klimabilanz tun. Das mit der Fliegerei und den Pauschalreisen hatte ich mir im Zuge meiner letzten Liebesbeziehung mehrmals angetan. Ich war sonst immer gegen den Massentourismus gewesen. Zwanzig Jahre lang unternahm ich nichts anderes als meine Fahrradreisen oder besuchte meine Fernbeziehungen, wo auch immer… per Bahn versteht sich. Oder wir reisten uns entgegen.
Ich argumentierte also vor mir selbst: Warum soll ich alleine in den Süden fliegen, wo die Menschen eine fremde Sprache sprechen, und ich wie ein Touristen-Depp in einer Bettenburg einquartiert bin? Muss nicht sein. Hatte ich in den letzten Jahren zur Genüge. Auch wenn so ein Ausflug z.B. auf die Kanaren während des deutschen Winters nicht zu verachten ist. Ich kann nicht sagen, dass ich es nicht genoss – vor allem in der Zeit der Verliebtheit. Da verrät man schon mal seine selbstauferlegten Prinzipien. Doch jetzt ist Schluss damit – bei aller Sehnsucht nach Sonne und Meer… Der nächste Sommer kommt bestimmt. Außerdem liegt unweit von Berlin die schöne Ostsee.
Es beginnt schon am Flughafen, wenn man in der langen Schlange zum Einchecken ansteht… Da kam ich mir vor wie in einer Kuhherde, die mit ihrem Gepäck abgefertigt wurde – und beim Rückflug dasselbe nochmal. Ich ununterscheidbar inmitten des Spießervolks! Das bin nicht ich! dachte ich bei mir. Ätzend! – ich verachtete mich selbst. Um meinen Widerwillen ein wenig abzuschwächen, betrachtete ich das Ganze als Feldstudie. Ich wusste nun originär, warum ich den Massentourismus nicht mochte.
Also: Scheiß auf Sonne und Meer Ende 2019! Wobei ich das Meer noch nicht ganz abgeschrieben habe. Auch im Winter besitzt die Ostsee ihren Reiz. Wie gesagt, ich bin noch am hin- und herüberlegen.
Natürlich kann ich hier auch einfach auf meinem Arsch sitzenbleiben…

Rostock und mehr

„Kommst du wieder mit dem Rad?“ fragte sie per Email, und ich antwortete: „Klar, ich nehme mein geliebtes Rad überallhin mit, nur noch nicht ins Bett.“ Ich meinte mein Brompton-Faltrad, ohne das ich ganz selten das Haus verlasse. Für Wochenendtrips in eine andere Stadt finde ich es besonders gut geeignet. Ich falte es im Zug auf Kofferformat, so dass es als Reisegepäck durchgeht. Und vor Ort kann ich gleich damit losfahren.
Wiedermal kam ich für die paar Tage in Rostock bei meiner langjährigen Blog-Bekannten Lawe unter. Ein gutes Beispiel dafür, wie man übers Bloggen wertvolle menschliche Kontakte knüpfen kann. Schon lange ist mir Lawe eine gute Freundin, die ich nicht mehr missen will.
In Berlin wäre ich über die Tage versumpft – da bin ich mir sicher. Aber so war meine Zeit ausgefüllt mit viel frischer Ostseeluft und Fahrradtouren. Am späten Nachmittag trafen wir uns in Rostock zum Essen und Plaudern und landeten schließlich in Lawes Domicil, wo ich den Abend auf der Couch mit Leichtathletikgucken ausklingen lassen konnte.
Lawe ist immer in Erzähllaune. Schon nach kurzem schwirrte mir der Kopf, denn sie redet eigentlich ohne Unterbrechung. Als aufgeschlossene Person interessiert sie sich für viele Dinge, so dass wir sehr viele Themen anschnitten. Sie muss alles sofort in Sprache umsetzen und ist dabei kaum zu stoppen. Unglaublich diese Energie… Lawe ist eine agile junge Alte, ein Mama- und Omatier.
Nach dem morgendlichen gemeinsamen Kaffeetrinken startete ich meine Ausflüge an die Ostsee. Ich genoss auf den Wegen die Aussicht auf einen spektakulären Himmel und die nun schon herbstlich bunt eingefärbte Natur. Und schließlich die Ostsee! Die Horizontlinie, die mich immer wieder aufs Neue in ihren Bann zieht…, – was für ein Wunder doch unsere Welt ist! Meditativ saugte ich die Eindrücke auf und schoss mit dem Smartphone ein paar Fotos, welche aber bei weitem nicht an die erfahrene/gefühlte Wirklichkeit herankommen.

 

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Ausflug nach Lubmin

Der Samstag begann mit Regen. „Scheiße“, dachte ich. Sollte meine geplante Fahrradtour an die Ostsee ins Wasser fallen? Auf gar keinen Fall! Ich lag bis in den Vormittag hinein im Hotelbett und las Fausers „Schlangenmaul“. Nicht übel – was nicht anders zu erwarten war. Schließlich raffte ich mich auf und machte mich erstmal auf den Weg in die Innenstadt. Es regnete vor sich hin. Der Himmel war eine graue Grießsuppe. In dem einzigen geöffneten Café trank ich einen Kaffee, schaute aus dem Fenster, schaute auf die Fahrradkarte und überlegte hin und her. Es half nichts. Ich startete nach Lubmin. Dreißig Kilometer, zumeist Fahrradweg. Ich schwitzte in der Regenjacke, so dass mir nach ein paar Kilometern der Schweiß an Armen und Rücken hinunterlief. Der Landregen wirkte erfrischend.

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erst am Ryck entlang

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auf halber Strecke die Dorfkirche in Kemnitz – etwas unheimlich an diesem trüben Tag

Lubmin ist ein kleines, unaufgeregtes Ostseebad. Ganz nach meinem Geschmack: wenig los, schöner Strand mit Seebrücke. Hier ließ es sich gut zwei-drei Stunden verbringen. Inzwischen hatte sich die Sonne durch die grauen Schwaden gearbeitet und zeigte sich immer kräftiger. Ich packte die Regenjacke in den Rucksack, schlappte die Seebrücke einmal rauf und runter, fläzte mich schließlich mit einer Dose Bier an den Strand, genoss die Aussicht auf die See, die völlig ruhig dalag. Am Horizont zeichnete sich die Küste Rügens ab.

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Was guckst du?

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Der Himmel veränderte sich zusehends. Wind kam auf und trieb die Wolken auseinander. Es war immer noch schwül. Auf dem Rückweg wählte ich eine andere Strecke, die mich auf Waldwegen entlang der Küste führte. Bei einem beschaulichen Landgasthof legte ich eine Bierpause ein. Am Horizont bauten sich Gewitterwolken auf. Die Windsurfer kamen auf ihre Kosten.
Ich hatte Zeit. Nur der erneut drohende Regen machte mir etwas Kummer. Ich kramte die Regenjacke aus dem Rucksack und radelte weiter.
Nassgeschwitzt landete ich in Wieck. Bis Greifswald waren es nur noch wenige Kilometer den Ryck entlang. Die fette Wolke hatte sich abgeregnet, und ich erwischte ein sonniges Plätzchen mit Blick auf die historische Zugbrücke, um zu trocknen und meinen Durst zu stillen. Verrücktes Wetter an diesem Samstag.

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Greifswald erreichte ich gerade noch im Trockenen. Gerne wäre ich wieder wie am Vortag auf den Stufen am Flüsschen Ryck gesessen, aber na gut. Wenn ich nicht irgendwo drinnen sitzen wollte, blieb nur ein schirmgeschützter Platz auf dem Marktplatz. Den fand ich vorm „Fritz“ Braugasthaus. Mit der Lektüre von Fausers „Schlangenmaul“ und lecker Craft-Bier ließ ich den Tag ausklingen.

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zweites Gebäude von rechts ist „Fritz“ Braugasthaus