Ich trinke auf Euch

An Tagen wie heute fehlt mir `ne offene Kneipe. Ich sitze im Halbdunkel meiner Bude mit dem Waschmaschinen-Blues in den Ohren. Ostermontag – die freien Tage sind durch, eine Bürowoche wartet auf mich. „Bleiben Sie gesund“, sagte die Chefin, als ich vor Ostern in den Feierabend ging. Ja-Haha… Ich bin das blühende Leben – oder bestehen darüber Zweifel? Ich blühe nach innen.
Sei`s drum. Es geht immer weiter. Die Tretmühle des Lebens. Mit und ohne Corona.
Ich vermisse das Pub, den Wirt und all die anderen (mehr oder weniger) liebenswerten Suffköppe. Eine tragikomische Gemeinschaft, die sich gemeinsam-einsam durch den Tag soff. Ein letzter Ankerplatz der Versager und Vergessenen… Hier hatten sie noch Namen. Einige waren regelrechte Kneipen-Legenden.
Und nun seit Wochen alles dicht. Ich hoffe, der Wirt überlebt`s.

 

Weniger Flugzeuge am Himmel

Am liebsten sind mir Feste wie Ostern und Weihnachten, wenn ich möglichst wenig davon mitkriege. Das gefällt mir auch an den jetzigen Corona-Einschränkungen: die Straßen und Plätze sind leerer, die Menschen weniger überdreht, man geht sorgsamer miteinander um, die Welt findet Zeit zum Durchatmen, weniger Flugzeuge am Himmel, weniger Verkehrslärm, weniger Partys, allerorts weniger Betriebsamkeit, dafür mehr Ruhe… Warum nicht immer so? Ich will gar nicht mehr zurück in den Zustand ständiger Aufgeregtheit und Mobilität, den wir Normalität nennen.
Ich bete also zu Gott, er möge Covid-19 noch gewaltig mehr Zeit geben. Ja, ich weiß, diese Bitte an den Weltschöpfer ist sehr egoistisch. Zu viele Menschen sterben an dem Virus. Auch stehen sehr viele wirtschaftliche Existenzen auf dem Spiel. Es wäre mir viel lieber, wenn wir einfach Kraft unseres Verstandes das ein oder andere zum Besseren auf der Welt veränderten und dazu nicht Katastrophen bräuchten. Schon komisch, dass ein Virus die Menschen hierzulande mehr zur Besinnung bringt als Weihnachten und Ostern zusammen. Endlich mal weg von den Plattitüden, hin zu mehr Demut und tiefgreifenderen Gedanken über unser Dasein und die Verantwortlichkeit des Menschen gegenüber der Schöpfung… Nein. Nein. Nein. Das glaube ich ja selbst nicht. Als hätten wir jemals länger als ein paar Mückenschiss-Sekunden der Geschichte aus solchen einschneidenden Erfahrungen gelernt. Weisheit lässt sich leider nicht lange konservieren. Und so kommt es, dass wir wieder und wieder (von Generation zu Generation) die gleichen Fehler machen, dem gleichen Irrsinn verfallen und die gleichen Kämpfe auszufechten haben…

Übrigens schöner Tag heute: Viel Licht, blauer Himmel, Frühling… Ich erinnere mich schmerzhalft daran, dass ich lebe. Neben Kopf, bestehe ich noch aus Herz, Bauch und Schwanz, und was sonst an mir dranhängt. Ich trage diese eine Perspektive immer mit mir herum. Ganz gut so. Wäre schlimm, wenn ich mich von außen sähe. Ist aber wahrscheinlich Gewohnheitssache.
„Lass uns rausgehen“, sage ich zu mir.
„Aber erst noch Kartoffeln kochen.“
„Gute Idee. Was weg ist, ist weg.“
„Und noch was trinken.“
„Sowieso.“
„Ich denke, der Blogbeitrag endet hier. Oder fällt dir noch was ein?“
„Nö.“

 

Fesch san ma beinand

Ich ziehe den Rollladen hoch. Die Welt ist noch nicht untergegangen. Dafür schneit es kurz vor Ostern. Der alte weißbärtige Mann im Himmel rasiert sich womöglich… Früher hat er das immer im Winter gemacht. Die Altersdemenz stoppt auch vor ihm nicht. Wenn er kein weiteres Chaos anrichten will, sollte er ins Altenheim gehen. Denn besser wird der Alzheimer nicht. Die Geschäfte könnte er doch an Petrus (diesen Heuchler!) übergeben. Es würde sich schon jemand finden. Auch hier auf der Erde gäbe es genug Kandidaten. Die fühlen sich sowieso schon wie Gott.

Gestern holte sie im Verlauf des Tages einen ganzen Schwung ihrer Sachen ab. Hinter der Tür steht nun nichts mehr. Den verbliebenen Rest verstaute ich in der Kammer. Aus den Augen, aus dem Sinn.
In den Schränken entstand Platz, um mein Zeug neu zu organisieren. Ich habe ein paar Tage Urlaub über Ostern. Und bei diesem Sauwetter macht man sich`s am Besten zuhause gemütlich. Allein aber fein – haha.

Und sonst?
Willkommen in der Neuen Welt, die leider noch die alte ist. Nichts hat sich verändert, außer dass sich jeden Tag mehr Autos durch die Stadt wälzen. Pro Sekunde kommen rund 2,7 neue Erdenbürger hinzu. Und jeder braucht Handy und Auto… das ganze Programm halt. Wolfgang Ambros singt in einem seiner Schlager „…weit hob’n ma’s brocht, fesch san ma beinand“. Wohl wahr. Wir platzen vor Selbstgefälligkeit. Noch nie ging es uns so gut. Was macht`s schon, wenn man dafür seine Seele verkauft. Machen doch alle. Es war niemals anders. Die Fassaden änderten sich, aber der Schmutz dahinter blieb der gleiche. Früher etwas mehr kirchliche Scheinheiligkeit und Trallala… Heute dafür mehr Verarsche durch Werbung und Konsum. So oder so ficken wir uns ins Knie. Aber uns geht`s gut. So gut wie nie. „…weit hob`n ma`s brocht, fesch san ma beinand“. Ich mag diesen Ambros.