Zeitmüll

Es gibt Dinge, die die Zeit überstehen. Andere fliegen weg. Als ich mich vorhin in meinen vier Wänden umguckte, fielen mir noch einige Relikte aus der Vergangenheit auf… gar nicht wenige, wenn ich mir überlege, wie viel ich zwischenzeitlich wegschmiss. Vor meinem Umzug nach Berlin mistete ich gründlich aus – was auch nötig war. Und erst vor kurzem wanderte so einiges in den Müll. Wozu etwas aufheben, mit dem man schlechte Erinnerungen verbindet. Trotz allem bleibt genug alter Kram übrig, vor allem wenn die Zweckdienlichkeit im Vordergrund steht. Es wäre ziemlich aufwendig, die gesamte Wohnungseinrichtung auszutauschen. Bloß weil wir damals nach dem Einzug diese Sachen zusammen einkauften? Nö, so krass bin ich dann doch nicht drauf. Ich würde auch nicht die Kneipe wechseln, oder bestimmte Orte nicht mehr besuchen, an denen wir mal zusammen waren… Obwohl, es war schon ein Stück traurig, als ich in Warnemünde über den Strand schlappte. Aber dann dachte ich mir, dass ich mir solche schönen Orte nicht vermiesen lassen will, bloß weil ich hier schon mal mit meiner Ex war. Ich werde die Erinnerungen daran mit neuen besseren überschreiben. Es war gut, hier zu sein, auch wenn es wehtat. Irgendwann wird mein Herz einer neuen gehören, und ich werde kaum noch daran denken, dass es einmal eine andere Frau und eine andere Zeit gab. Der Horizont und die Sonne werden den Liebenden gehören, als wäre es nie anders gewesen.

Könnte man doch die Zeit wie anderen Müll entsorgen. Ich stelle mir vor, dass alle paar Monate die Zeitmüllmänner an meiner Tür klingeln und mich fragen: „Haben Sie Zeitmüll?“
Wenn sie heute vorbeikämen, würde ich lächeln und antworten: „Ja, ich habe da noch einiges…“

„Weiß“

Orte sind wie Menschen. Manche sprechen einen gleich an, und vor anderen würde man am liebsten davonlaufen. Sehr viele wirken auch einfach neutral oder schwach. An viele Orte und Menschen kann ich mich gar nicht mehr erinnern – sie werden höchstens durch Zufall kurz in mein Bewusstsein gespült, tauchen schnell wieder ab und verschwinden womöglich für immer in der Versenkung.

Orte haben wie Menschen ihre speziellen Gerüche – mehr als das olfaktorisch wahrgenommene. Was ich meine, lässt sich in diesem Sinne nicht riechen. Trotzdem empfinde ich es als Geruch. Die Sprache gibt uns Wörter wie Ausstrahlung, Atmosphäre und Aura an die Hand. Diese Begriffe sind Allegorien mit Bezug auf die Optik und hinterlassen bei mir nur einen oberflächlichen Eindruck. Hier spiegelt sich wohl wider, dass wir hauptsächlich Augenwesen sind.
Für mich zählt letztendlich nicht das Aussehen eines Ortes oder Menschen, sondern dieses hier geschilderte Gefühl von einem Geruch, um mich wohl oder eher unwohl zu fühlen. Bei näherem Überlegen trifft dies auch auf den Geschmack zu. Gerne äußern wir in einer Situation, die uns nicht gefällt: „Das schmeckt mir aber jetzt gar nicht.“ Seltsamerweise gebrauchen wir diese Allegorie zumeist bei negativen Eindrücken. Wenn wir etwas positiv werten, sagen wir „Fühlt sich gut an“, oder personenbezogen „Den kann ich riechen“.
Alle diese Äußerungen beziehen sich in erster Linie nicht auf unsere Sinneswahrnehmung, sondern auf unsere emotionale Einschätzung, ob wir jemanden oder etwas insgesamt ansprechend finden.

Ich verbinde also mit Orten und Menschen so etwas wie einen Geruch als bleibende Empfindung. Jedenfalls trifft meiner Meinung nach der Begriff Geruch am ehesten zu. Ich muss jemanden gar nicht riechen und empfinde es trotzdem – z.B., wenn ich hier im Internet mit euch blogge. Die Kommunikation kann mir ausreichend Eindrücke liefern.
Bei Orten verhält es sich schwieriger. Allein das Bild ist nur ein Abklatsch von einem Ort (von Menschen ebenso). An einem Ort muss ich gewesen sein, um ihn zu riechen.
Andere Menschen sehen (riechen, hören, schmecken) es wahrscheinlich anders. Ich merke, dass ich hier an sprachliche Grenzen stoße. Das Schwierigste im Leben ist doch, einem Mitmenschen zu erklären, was man fühlt.

Als ich meine Partnerin kennenlernte, sagte sie mir, dass sie unbewusst Menschen mit Farben verbindet. Ich fand das ziemlich faszinierend und wollte wissen, in welcher Farbe sie mich sähe. „Weiß“, antwortete sie. „Und, ist das gut?“ fragte ich bangend.