Der Optimist

Dem Optimisten ging es immer gut. Er war eine Frohnatur. Jeder befand sich gern in seiner Gesellschaft. Er war beliebt. Man musste ihn einfach mögen. Alle auftretenden Probleme und Bedenken wischte er vom Tisch wie nichts. Er brauchte dafür keine Argumente. Seine positive Ausstrahlung und sein Lachen überzeugten jeden, der mit im Raum war… (Selbst mich als geborenen Skeptiker.) Der Optimist haute mich um wie ein schöner Sonnenaufgang nach einer durchzechten Nacht. Er verbreitete eine Atmosphäre, die alle negativen Gedanken wegblies. Ich wäre gern wie er gewesen. Ich war neidisch auf seine Beliebtheit und seinen Erfolg (bei Frauen). Ihm schien alles zu glücken. Aber arrogant wirkte er nie. Auch auf Drogen war er nicht, so weit ich das beurteilen konnte.
Wir verbrachten eine schöne Zeit zusammen. Alle zehrten von dem Optimismus, den er ausstrahlte. War er einmal nicht unter uns, wurden wir traurig. Wir wussten nichts mit uns anzufangen. „Wäre er jetzt nur da“, seufzte der ein oder andere.
Eines Tages kam er gar nicht mehr. Wir konnten es nicht glauben: Der Optimist hatte sich auf dem Dachstuhl seines Elternhauses erhängt. Unsere Clique löste sich auf. Bis heute verstehe ich nicht, was mit dem Optimisten passiert war. Was war uns entgangen?