„Fragile“

Ich kann sie nicht mehr sehen die flachen Fernsehgesichter. Selbst diejenigen, die ehemals etwas mehr Tiefgang versprachen, lösen sich im allgemeinen Sud der Oberflächlichkeiten auf.
Tiefgang läuft nur im Spätprogramm oder gar nicht. Kritik und investigativer Journalismus werden wie Unkraut aus der Wahrnehmung getilgt. Der Bürger wird mit Zellophan umwickelt und bekommt die Aufschrift „Fragile“. Er soll von der Wahrheit möglichst unberührt bleiben. Er darf keine unbequemen Fragen stellen.
Eine solch geglättete Welt wollte ich nie – es fängt mit den gebügelten Hemden an und endet im gebügelten Geist. Sechs Jahrzehnte ist es her, dass ich hineingeschubst wurde… zu Euch… stets auf der Suche nach dem Licht. Der oberflächliche Schein reicht mir nicht.

Brasko und das Lächeln der Freiheit (4)

Die entscheidende Frage ist: Wie weit bin ich bereit zu gehen, die Freiheit und Menschenwürde vor einem totalitären Regime zu verteidigen? – einmal für mich persönlich aber auch stellvertretend für all die anderen um mich herum, deren Freiheit und Menschenrechte missachtet werden. Riskiere ich Gefängnis oder gar mein Leben? Oder ducke ich mich lieber weg und warte darauf, dass sich das Unwetter verzieht? Oder suche ich mir ein sicheres Refugium im Exil, um von dort gegen Unfreiheit und Unrecht zu wettern? Ich könnte auch opportunistisch das Lager wechseln und eifrig das Narrativ der Herrschenden verteidigen. Damit wäre ich erstmal fein aus dem Schneider. Ich schätze, nicht wenige Menschen wählen den Weg des Opportunismus. Sie wechseln ihre Gesinnung und Feindbilder im Zuge des Zeitgeistes oder einer Mode. Und dann die vielen Mitläufer, die aus Angst lieber die Klappe halten… Nein, einfach stillhalten war noch nie mein Ding – sowieso nicht das aktive Mitmachen an einer offensichtlich menschenverachtenden Agenda, welche die Diskriminierung und Entrechtung einer Bevölkerungsgruppe zum Inhalt hat. Ich will mir kein Feindbild aufdrücken lassen. Schon immer bewunderte ich Freiheitskämpfer wie Gandhi und Martin Luther King – beide wurden im Laufe ihrer Agitation für das Gute in der Welt umgebracht.
Aber auch viele andere haben meine Hochachtung verdient: Whistleblower oder investigative Journalisten, die der Öffentlichkeit unbequeme/ungeheure Wahrheiten zugänglich machen – was den Mächtigen so gar nicht gefällt. Ich denke z.B. an Edward Snowden, der in Russland als Exilant lebt, oder an Julian Assange, der im Gefängnis schmachtet.
Jedes Unrechtssystem bringt Freiheitskämpfer hervor, die sich nicht mit den Repressionen durch die machthabende Elite abfinden wollen und im Widerstand Kopf und Kragen riskieren…, nur weil sie den Mund aufmachen. In diesem Zusammenhang will ich auch die Widerstandsbewegung „Weiße Rose“ im 3. Reich nicht unerwähnt lassen. Was für mutige junge Menschen waren das! Erst das Fallbeil brachte sie zum Schweigen.

Die Frage steht im Raum: Wie weit bin ich bereit zu gehen? – Aber auch: Wie weit geht die Gegenseite mit ihrer Unmenschlichkeit und Lügenpropaganda?

„Mr. Brasko, ich erwarte von Ihnen keine Heldentat. Seien Sie einfach der, der Sie sind. Sie finden dann schon Ihren Weg.“ Freedom nippte an ihrem Wodka und lächelte, wie wahrscheinlich Ariadne Theseus angelächelt hatte, bevor der ins Labyrinth trat, wo der menschenfressende Minotaurus hauste.
„Nun rücken Sie endlich damit heraus, wie ich Ihnen konkret helfen kann!“ brach es aus mir hervor.
„Sie sind bereits dabei, mir zu helfen.“ Ihre Hand lag plötzlich auf der meinen. Die Verlegenheit stand mir im Gesicht geschrieben.
„Ähm – Darauf sollten wir anstoßen, Lady… Freedom.“

Wie spät war es eigentlich geworden? Die Dämmerung brach herein. Auch mein Geist verdunkelte sich. Ich verlor den Halt. Am Wodka allein konnte es nicht liegen. Als alter Trinker kannte ich mein Pensum.