Luft!

Heute Morgen, als ich aufstand, dachte ich: Unglaublich in welchen Zeiten wir leben – bald gibt es nichts mehr, was einem nicht vorgeschrieben wird! Nahezu alles will man uns diktieren: Gesundheit, Ernährung, Körperpflege, Lifestyle…, sogar unser Denken und unsere Sprache. Ich rieb mir den Schlaf aus den Augen und streckte mich. Bestimmt hatte ich schlecht geträumt. Ein Gefühl der Beengtheit legte sich um meinen Hals wie ein zu enger Hemdkragen. Der Druck wurde subtil über Empfehlungen, allerlei Ratgebern und Drohungen aufgebaut. Gern wurde über die Moral und den Gemeinschaftssinn argumentiert. Ehe man es sich versah, schoss man sich mit einer eigenen bzw. dem vorherrschenden Narrativ widersprechenden Meinung ins gesellschaftliche Abseits. Noch nie hatte ich den Anpassungsdruck so stark empfunden… Bei diesen Gedankengängen schnürte es mir beinahe die Kehle zu. Ich riss das Küchenfenster auf und sog die kühle Luft, die mir sogleich entgegenströmte, tief ein. Das half ein wenig. Ich blinzelte in einen grauen Tag. Oberflächlich war der Welt nichts anzusehen. The same procedures as every day. Mal davon abgesehen, dass ich Urlaub hatte.
Nein, es war nicht das erste Mal, dass ich solch neurasthenischen Gefühlslagen ausgesetzt war. Woher kam nur dieses vertrackte Engegefühl?! Gab es da draußen Menschen, denen es ähnlich ging? Warum war meine Seele so empfindlich? Bildete ich mir den Druck – bildete ich mir das Böse nur ein?
Ich blickte auf die gekalkte Zimmerwand, während mich mein Lieblingsbluessender beschallte… Ich musste gegen die Enge ansingen, auf meine Weise, mit meinem ganz eigenen Blues aus Worten. Schreiben war für mich Bewusstsein. Schreiben war mein Schrei ins Universum: Ich bin, ich lebe, ich denke – fühle!

Glückshammelei

Meine Lieblingsparkbank war besetzt, und so musste ich umdisponieren. Es sollte auf jeden Fall ein Sonnenplatz sein. Den fand ich nach kurzem Umschauen auch. Eine Rundbank um einen Baum bot sich an. Keine Ahnung, warum da niemand saß, denn es ist einer der schönsten Plätze des Parks mit Blick auf den Teich und die Hausfassaden gegenüber. Oft treffen sich dort Teenager oder arabischstämmige Großfamilien mit allerlei Picknickgedöns und Wasserpfeifen. Ich bin halt in manchen Dingen ein Glückshammel, in anderen dagegen weniger (– aber das ist hier nicht das Thema). Ich ließ mich also nieder und öffnete die erste Flasche Radler. Wie gesagt schöner Ort. Mit meiner Lieblingsmusik im Ohr ließ ich den lieben Herrgott einen guten Mann sein. Ich wusste, dass es wahrscheinlich der vorerst letzte Sonnentag sein sollte. Sniff!

 

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Nelly-Sachs-Park


Die Waschmaschine rumpelt und quietscht vor sich hin. Aus dem Hintergrund von meinem  Lieblingsbluessender Aardvark (übersetzt: Erdferkel) aus Texas beschallt… Ich tippe quasi blind auf der Tastatur, nicht weil ich das besonders gut kann, sondern weil es inzwischen so düster ist, dass ich kaum noch die Buchstaben erkenne. Schon krass im Vergleich zu gestern. Schätze, dass ich den Sonntag bei Kerzenlicht in meiner Bude verbringen werde. Mir bleibt noch ein wenig Zeit zu überlegen, ob ich ein paar Tage unbezahlten Urlaub draufsattle, also bis Ostern, und wie ich`s meiner Chefin verklickern könnte – also im Fall des Falles. Ich fing gerade an, mich an diesen „Ausnahmezustand“ zuhause zu gewöhnen, putzte die ein oder andere Ecke der Wohnung, räumte dies und das auf… Nun wollte ich endlich das Bild auf meiner Staffelei weitermalen, das dort lediglich vorgezeichnet und mit wenigen ersten Pinselstrichen seit einem guten Vierteljahr verweilt. Ich lasse mich halt nicht gern drängen, auch nicht von mir selbst. Gut Ding braucht bekanntlich Weile. Seufz. Alles nicht so einfach. Nein, ich will nicht jammern! Weit gefehlt! Ich bin nur furchtbar empfindsam…, zur Neurasthenie neigend (wie viele Künstler).