Neutralisiert

Mich dünkt, es ist schon wieder Sonntag – und ich starte in die 2. Urlaubswoche… seufz.
Gestern saß ich nach dem Einkauf ein Stündchen im Nelly-Sachs-Park. Der ist gemütlicher als der großflächige Park am Gleisdreieck. Stimmungssache, wo es mich hintreibt. Ich platzierte mich auf eine Parkbank mit Blick auf den Teich und die dahinter aufragenden Hausfassaden. Die Sonne arbeitete sich fleißig durch die dahinziehenden Wolkenflotten. Lieblingsmusik und süffiges Oktoberfestbier hoben meine Stimmung nicht wesentlich – ich fühle mich derzeit wie neutralisiert.

In der Nacht diesmal keine angenehmen oder lustigen Träume. Stattdessen ärgerte ich mich über einen Chef, der mich rausschmiss. Er kam als Zyklop daher. Ich regte mich tierisch auf. Meine Sichtweise und Argumente interessierten ihn nicht. Der Zyklopen-Chef ließ mich kalt lächelnd abblitzen. Null Chance. Beinahe wäre ich ihn körperlich angegangen…  
Danach träumte ich von einer Gruppe Delinquenten, die einer nach dem anderen von einer regenbogenfarbenen Lichterscheinung gemeuchelt wurden. Die Lichterscheinung stellte sich dar wie in der Luft schwebende, parallel aneinandergeheftete Strohalme. Das sah erstmal nicht bedrohlich aus…, bis sich die Einzelteile als Mini-Laserschwerter herausstellten, die sich auf der Suche nach einem Opfer voneinander lösten, um es gnadenlos anzugreifen und zu durchbohren. Kaum ein Körperteil wurde ausgespart. Sie nahmen sich immer nur einen der Männer vor und fügten sich dann wieder zu der anfänglich beschriebenen regenbogenfarbenen Formation zusammen. Die Männer schrien und schlugen wie wild um sich, aber es nützte nichts. Dazu war ein monotones Summen zu hören, nicht laut, etwa wie bei einer Leuchtröhre. Mit diesen Eindrücken wachte ich auf. Schon lange nicht mehr so schlecht geträumt.

Immerhin: Mir bleibt noch eine ganze Woche Urlaub! Mit jedem Tag kann sich alles ändern. Oder nichts. Dann ist es so. Das Herz schlägt. Die Lungen füllen sich mit Luft. Die Verdauung funktioniert. Ich kriege Rückmeldungen von allen Körperteilen – mehr oder weniger angenehm… Man wird alt. Auch immer wieder ein Thema: das Altwerden. Es ist widerlich.

Im Rausch von Sonne, Bier und Lockerungen

Ein paar Flaschen Bier beim Nahkauf besorgt und einen Sonnenplatz im Nelly-Sachs-Park ergattert. Die Menschen strömten am frühen Nachmittag. Der Feiertag, das tolle Wetter, die Corona-Lockerungen bewirkten, dass man sich benahm, als gäbe es keine Gefahr für die Gesundheit, als wäre das Virus ein schlechter Witz. Im Nelly-Sachs-Park war es verhältnismäßig ruhig, auch wenn der Spielplatz wieder geöffnet hatte. Ich chillte ein gutes Stündchen in der Sonne mit meiner Lieblingsmusik in den Ohren. Dann drückte die Blase, und ich legte eine Toilettenpause zuhause ein. Weiter ging es durch den Kiez, vorbei an Puschels Pub, wo sich freilich noch nichts getan hatte. In einem dortigen Nahkauf für Getränkenachschub gesorgt und zum Park am Gleisdreieck geradelt. Dass ich dort auf größere Menschenmengen treffen würde, war mir klar, aber was ich dann sah, übertraf meine Vorstellung bei weitem. Ich kam nur im Schritttempo voran, weil kreuz und quer Kinder umhersprangen, Spaziergänger in Gruppen unterwegs waren, Spielbälle umherrollten und flogen, Freizeitsportler joggten und skateten… ein Tohuwabohu an Menschen auf den Wiesen und Wegen. Normalerweise kein Platz für mich. Allerdings war ich über das Bild, das sich mir darbot, derart erstaunt, dass ich nicht anders konnte, als mich an dieser obskuren Szenerie in Corona-Zeiten sattzusehen. Ich traute meinen Augen nicht. Es hätte ein riesiges Polizeiaufgebot gebraucht, um die Menschen zu vertreiben. Und das wäre sicher in Gerangel und Gewalt eskaliert. Wahrscheinlich ganz bewusst zeigte sich nicht eine einzige Polizeistreife. Ich erspähte lediglich einige Park-Ordner, die Fotos machten. Hier konnte man exemplarisch beobachten, wie wir uns vom Verhalten unserer Mitmenschen anstecken lassen. Warum so eine blöde Maske tragen? – die anderen machen es doch auch nicht. Wozu Abstand halten? – hier hält doch niemand Abstand. Ein Schlag ins Gesicht für die vielen Gastronomen, die immer noch unter den Corona-Einschränkungen darben. Alle Regeln wurden über den Haufen geworfen. Lass mich doch mit diesem Corona-Virus in Ruhe… Ich selbst bin zwiegespalten. Wie ernst muss man Covid-19 nehmen? Heute Morgen las ich in einem Artikel, dass die Sterblichkeit in Deutschland im Vergleich zu den Vorjahren aufgrund Corona um 11% anstieg (betr. die letzte Woche im April, für die Daten vorliegen). Das ist nicht von Pappe. Sie sprechen von einer Übersterblichkeit. Kann man alle Zahlen einfach wegwischen? Oder verdrehen?
Die Regierung beugte sich dem Druck aus Öffentlichkeit und Wirtschaft. Möglicherweise wird sich das rächen. Wenn man als Kutscher die Zügel zu sehr lockert, gehen die Pferde durch. Ich schaue gespannt auf die nächsten Zahlen.

 

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Park am Gleisdreieck

 

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mein Reisefahrrad

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Kaninchen im Gestrüpp

 

Muße auf der Parkbank

Ich wünschte dem netten Kassierer Marke Raimund Harmstorf einen schönen Feierabend.
„Ich habe zwei Tage frei!“ sagte er freudestrahlend.
„Dann wünsche ich schöne Tage!“ Und bedauernd fügte ich hinzu: „Leider sind die Freizeittätigkeiten reichlich eingeschränkt…“
„Ich werde zwei Tage schlafen.“ Raimund Harmstorf reichte mir das Wechselgeld.
„Verstehe“, seufzte ich.

Wir müssen den Jungs und Mädels hohen Respekt und Dankbarkeit zollen dafür, dass sie in den Supermärkten die Stellung halten. Und es gibt noch eine Menge anderer Berufsgruppen, die ein hohes Ansteckungsrisiko in Kauf nehmen, damit unser Gesundheits- und Versorgungswesen weiterhin funktioniert. Von der Mehrarbeit, die sie aktuell haben, ganz abgesehen. Ich will mir gar nicht vorstellen, in diesen Zeiten noch meinen letzten Job als Altenpfleger auszuüben…

Ruckzuck hatte ich meinen kleinen Einkauf zusammengepackt und radelte zum nahen Nelly-Sachs-Park. Er liegt auf dem Weg. Eine der Parkbänke in der Sonne war unbesetzt, und ich ließ mich nieder. Einfach nur schön, wenn man sonst den ganzen Tag in den vier Wänden hockt. Ich war vielleicht fünf Minuten gesessen, da näherte sich ein Streifenwagen auf dem Parkweg. Bitte nicht schon wieder! stöhnte ich. Als er auf meiner Höhe war, nickte ich dem Polizisten auf dem Beifahrersitz zu, und der nickte zurück. Sie fuhren an mir vorbei. Ich konnte aufatmen.

 

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mal ein bisschen in die Luft geguckt