Irrgarten der Oberflächlichkeiten

Wir Menschen kleben an der Oberfläche. Das gilt nicht nur für unser Wandeln und Wirken auf der Erde, sondern auch im geistigen und spirituellen Kontext. Unsere Reden sind oberflächlich. Unseren Alltag verbringen wir meist mit banalen, oberflächlichen Dingen. Selbst in Liebesdingen sehe ich oft nur Oberflächlichkeiten. Bereits als junger Mann empfand ich die meisten Menschen um mich herum für äußerst oberflächlich, was ihre Interessen und Gesprächsthemen anging. Auch Menschen, die sich als religiös oder spirituell ausgaben, entpuppten sich bei näherem Hinschauen als oberflächlich. Sie beteten nach, woran sie einen Narren gefressen hatten. Ein tieferes Hinterfragen fand nicht statt.
Diese Pan-Oberflächlichkeit mache ich für die desaströsen Zustände auf der Welt verantwortlich. Wir leben als Egomanen gegen die Natur und auch gegen einen Teil unserer Mitmenschen – den Teil, den wir aus Macht- oder Geltungssucht zu unseren Feinden erklären. Ich verstand nie, warum so wenig unserer Lebensweise hinterfragt wird, egal ob Technokratie, Materialismus, Ideologien, Religionen. Wir kratzen lediglich an der Oberfläche, als hätten wir Angst davor, auf unangenehme Wahrheiten zu stoßen, wenn wir etwas tiefer schürften. Wenn es allerdings um die Ausbeutung von Bodenschätzen geht, sind wir ganz groß im Löcher bohren und buddeln.
Bald sonderte ich mich ab von der oberflächlichen Gesellschaft um mich herum, führte streckenweise ein Zwitter-Dasein, um nicht total zu vereinsamen. Ich war immer auf der Suche nach Seelenverwandten, wenigstens im Ansatz. Mir geht es nicht um eine 1:1-Übereinstimmung. Es braucht nicht vieler Worte. Es reichen Blicke, gemeinsames Lachen und Trauern, Mitgefühl, das sich Wohlfühlen in der Gegenwart des anderen. Auch Gegensätze im Denken oder in der Lebenseinstellung müssen einer Freundschaft nicht im Wege stehen, wenn man eine Metaebene des menschlichen Verständnisses findet. „Leben und Leben lassen“ war die Devise Armins, eines meiner engsten Freunde. Trotzdem trennten sich unsere Wege nach ca. 25 Jahren. Wir waren eher ein ungleiches Paar, hatten recht unterschiedliche Interessen. Aber in seiner Gegenwart konnte ich alles erzählen, ohne mich dafür schämen zu müssen. Ich besuchte Armin gern in seiner Bude, die immer so aussah, als wäre er gerade eingezogen. Wir tranken Bier, standen auf seinem Balkon und redeten allerlei Blödsinn… Ich hoffe, es geht ihm gut, wo er jetzt ist. Seine Spur verliert sich in Hamburg. Er folgte der Liebe.

Ich finde, dass das Leben zu kurz ist, um es fast ausschließlich mit Oberflächlichkeiten und Nachgeplapper zu verbringen. Das ist selbstverständlich nur meine bescheidene Meinung. Jeder Mensch befindet sich auf originär seinem Weg. Wahrscheinlich reicht ein Leben gar nicht, um besonders weit zu kommen – um den Irrgarten, der sich vor einem auftut, ganz zu durchwandern. Sieht so aus, als befände ich mich gerade in einer Sackgasse…

    

Der Tag wird kommen

Nachdem wir unzählige Weltuntergänge verpassten, wird ein Tag kommen, an dem es wirklich so weit ist. Ebenso wie der individuelle Tod eines jeden Lebewesens von Stunde zu Stunde näher rückt – die Sanduhr des Lebens läuft unweigerlich ab. (Wer versteht den Sinn dahinter?) Die Menschen flüchten in Religion und Ideen. Pflanzen und Tiere suchen nicht nach einem Sinn. Das Muster ist immer dasselbe: Geburt – Wachstum – Reife – Fortpflanzung – Vergehen. Evolution durch Rivalität, Auslese, Überlebenskampf, Anpassung. Die Natur braucht keine ordnende Hand – sie trägt alles in sich. Die Natur braucht keine Gesetze und keine Moral. Sie existiert selbstverständlich.
Nur wir Menschen entwickelten unsere ganz eigenen Ideen, durchschnitten die Nabelschnur zu unserer Allmutter. Wir entwickelten Sprache, Bewusstsein, Geist, Technik… Und da gibt es die einen, die Bewusstsein und Geist als ein Geschenk ansehen, in Frieden mit sich und ihrer Umwelt leben wollen; und es gibt die anderen, die in ihrem Größenwahn Kriege gegen die Natur und gegen sich selbst führen. Deren Gier kennt keine Grenzen. Sie glauben, dass sie alles beherrschen können. Dieser Menschenschlag hat sich im Zeitalter des Materialismus und Kapitalismus durchgesetzt.
Der Wahnsinnige wird sein Ende finden wie alles andere auch. Aber mit dem Unterschied, dass der Wahnsinnige in Unfrieden und Unverstand auf sein Ende zusteuert. Dass er zuvor die Hölle auf Erden erzeugt.

   

Irgendwas lief gewaltig schief

Wie kommt es eigentlich zu einer solchen Verklärung/Romantisierung der Natur? Als ob da keine Kriege und Kämpfe ausgefochten würden. Menschenaffen hetzen einander durch die Wälder und sind nicht gerade zimperlich im gegenseitigen Umgang. Ameisenvölker fallen übereinander her – Schlachten epischen Ausmaßes werden zu unseren Füßen geführt. Tiere und Pflanzen konkurrieren ständig untereinander um die besten Abwehr- und Angriffsmethoden… Die Evolution zeigt sich gnadenlos und grausam im Kampf um Lebensraum und Nahrung. („The surviving oft the fittest.“) Kraft unserer geistigen Wassersuppe schwangen wir Menschen uns mit der Zeit zu den erfolgreichsten Prädatoren auf dem Erdball auf. Wir können uns nur noch selbst besiegen. Ständig befinden wir uns im Kampf mit uns selbst. Und wie beim Überlebenskampf in der Natur geht es um die Verteidigung oder um die Ausweitung von Einflussbereichen – national, wirtschaftlich, ideologisch/religiös/kulturell… aber auch in kleineren Dimensionen von Familien, Clans und diversen anderen Gruppenzugehörigkeiten. Wir proklamieren zwar gerne, dass wir die Natur beherrschen, uns sozusagen von ihr lösten und nun als „Krönung der Schöpfung“ die Erde beherrschen, doch mit etwas mehr Abstand betrachtet, sind wir nichts anderes als herumwuselnde Ameisenvölker, die sich gegenseitig bekriegen… und mal eben nebenbei die gesamte Biosphäre zerstören.
Wie kommt es eigentlich, dass wir uns als intelligent bezeichnen? Für die kurze Zeit, in der wir Menschen uns auf der Erde herumtreiben, richteten wir ganz schön viel Schaden an. Nicht nur in der Sache, sondern auch seelisch. Mit unserer Macht können wir offenbar schlecht umgehen. Irgendwas lief gewaltig schief. Die Evolution erzeugte mit dem Menschen eine biologische Naturkatastrophe globalen Ausmaßes… Mit etwas Glück haben wir noch ein paar Versuche, um das ein oder andere wieder gut zu machen, um mehr Achtung vor unseren Mitgeschöpfen zu zeigen, um unsere Macht für Frieden, Mitmenschlichkeit und gegenseitige Toleranz einzusetzen. Ich bin bei denen, die nicht einfach die Hoffnung aufgeben. Ich glaube wirklich an das Gute im Menschen. Auch wenn mich mein Verstand einen Traumtänzer nennt. Ich hadere oft mit mir selbst. Es ist alles so offensichtlich…

Fazit: Ich bin also Teil einer globalen biologischen Naturkatastrophe. Ehrlich, genauso fühle ich mich auch. Wie so ein Virus. Und noch blöder: Wie ein Virus mit einer eigenen Meinung.

    

Wohin gehen wir?

Das Leben der Menschen auf der Erde bedeutete Knechtschaft, nachdem die Menschen das freie Leben in der Natur aufgegeben hatten und sich „zivilisierten“… Wie kam es dazu, dass wir uns zur Sesshaftigkeit entschieden? Wie kam es dazu, dass wir uns nach und nach von der Natur entfremdeten? Mussten wir notwendigerweise an den zivilisatorischen Punkt gelangen, an dem wir heute stehen? Wann begann die Misere der Kriege? Wie wurden wir uns selbst zu Feinden?
Das Rad der Menschheitsgeschichte kann niemand zurückdrehen. Wir wurden zu Abhängigen eines Systems, das wir selbst entwickelten. Wir machten uns die Erde untertan mit all seinen Geschöpfen. Wir schufen eine Hierarchie losgelöst von der Natur. Wir knechten unsere eigenen Artgenossen. Wir verwechseln Macht mit Freiheit. Wir propagieren Menschlichkeit, handeln jedoch unmenschlich.
Wer sind wir? Woher kommen wir? (Wohin gehen wir?) Was machte uns zu den Monstern, die wir (aktuell) sind?

Ich gönne mir ein verlängertes. Einmal mehr schlafen gehen ohne eine achtstündige fremdbestimmte Verpflichtung am nächsten Tag. Es war mal wieder so weit, und ich nahm mir diese kleine Freiheit. Auch wenn dabei ein kostbarer Urlaubstag flöten geht. Scheiß drauf!
Soll ja fast frühlingshaft werden die nächsten Tage. Der Schnee der letzten Woche floss bereits fast vollständig in die Gullys. Nur wenige dreckige Inseln erinnern noch an das weiße Wunder.
Die Zeit vergewaltigt sowieso alles. In ihrem warmen Arsch stecken wir fest, bis von uns nichts mehr übrig ist… und wir alle im Gully sind.


2011 ES4

Heute schrammt ein kleiner Asteroid ( 2011 ES4, 22-49m Durchmesser) an der Erde vorbei. In 120 000 Kilometer Entfernung. Astronomisch gesehen ist das ziemlich nah. Aber wohl doch weit genug weg, um keine Gefahr für die Erde und seine Bewohner(innen) darzustellen. Wir werden also von diesem Ereignis nichts mitkriegen. Wie wir so vieles nicht mitkriegen. Vielleicht gar nicht mitkriegen wollen, würde es doch manche unserer kleinlichen Perspektiven auf den Kopf stellen, sowie unser kurzsichtiges Verhalten auf eine Weise hinterfragen, welche schwer zu ignorieren wäre. Ich meine, wir sollten ehrfürchtiger mit dem Geschenk Leben auf der Erde umgehen. Und das in jeglicher Hinsicht. Vor einigen hundert Jahren erschien die Erde mit seinen Weltmeeren und Kontinenten noch ungeheuer groß – was gab es noch alles zu erobern, zu erforschen…
Diese Zeiten sind vorbei. Die Zerstörung der Natur durch den Menschen allein für seine egoistischen Interessen von Macht und Reichtum schreitet ungehindert voran. Wo soll diese Hybris enden? Haben wir in den zurückliegenden Jahrhunderten des Erforschens und der Wissenschaften gar nichts verstanden?
Ich fand diesbezüglich ein Zitat des großen Naturforschers Alexander von Humboldt (1769 – 1859), das mich beeindruckte:

„Das ganze Leben ist der größte Unsinn. Und wenn man achtzig Jahre strebt und forscht, so muss man sich doch endlich eingestehen, dass man nichts erstrebt und nichts erforscht hat. Wüssten wir wenigstens, warum wir auf dieser Welt sind. Aber alles ist und bleibt dem Denker rätselhaft, und das größte Glück ist noch das, als Flachkopf geboren zu sein.“

So auch heute noch das Aufreiben in Kleinlichkeiten von Politik, Kultur, im gesellschaftlichen Zusammenleben.
2011 ES4 fliegt über unsere verfluchten Flachköpfe hinweg. Ich werde diesem steinigen Besucher aus dem All winken… vor einer Kneipe sitzend, ein lecker Pils vor mir, das Treiben des Menschenvolkes vor meinen müden Augen.

 

 

Ist die Natur irre?

Seit ich als Tumordokumentar arbeite, lernte ich nicht nur viel über Krebs, sondern auch über die menschliche Anatomie, weil Tumoren nahezu überall im Körper vorkommen können. Jeder von uns trägt ein komplexes Meisterwerk durch sein Leben. Das Zusammenspiel all der Innereien, der Organe, des Blutkreislaufs, des Lymphsystems, der Muskeln und Sehnen, der Faszien, des Knochen- und Stützapparats, des Nervensystems und der Schutzhülle Haut – ein absoluter Wahnsinn! Solche und ähnliche Gedanken übermannten mich heute Morgen, als ich mich nach dem Aufstehen streckte und dehnte. Vor allem: Wie kann es sein, dass ein solches Naturwunder von so wenig Geist regiert wird? Was hat sich die Evolution dabei gedacht? Jeder würde für verrückt erklärt, wenn er seinen wertvollsten Schatz einem Schwachkopf überließe. Ist die Natur irre?

Sieht so aus, als hätte ich mit diesem Gedankengang mein Pulver für heute bereits verschossen. Das Morgenbier gluckert meine Kehle hinunter. Bluesmusik im Hintergrund. Ein grauer Sonntag im Februar. Es geht mir weder gut noch schlecht. Die Schwerkraft hält mich auf dem Bürostuhl vor meinem Schreibtisch.