Fertig mit der Welt

Einen Mix aus Matrix, Stirb langsam und Monsterfilmen geträumt. Ging richtig zur Sache. Als ich aufwache, starre ich minutenlang auf den Sekundenzeiger meines Weckers, wie er seine Runden dreht. Weiter und weiter…
Den Feierabend zum Wochenende begoss ich im Pub. Der Nachmittag begann schwül und dunkle Wolken zogen auf. Es schien, als könnte sich jeden Moment ein Gewitter entladen. Aber die Potsdamer Straße blieb trocken. Ich trank das kalte Pils und glotzte raus auf die Straße. Es waren kaum Gäste da. Der Freitagsstammtisch hatte sich bereits aufgelöst. Harry kam vorbei und süffelte im üblichen Habitus seinen Brandy und ein kleines Bier. Thorsten hinter der Theke bediente in seiner ruhigen stoischen Art. Wir waren ein eingespieltes Team. Ich musste keine Minute warten, bis das nächste Bier vor mir stand. Der Wirt setzte sich aus Mangel an anderen Stammies zu mir und kaute mir das Ohr ab mit Geschichten aus seinem Leben. Er musste mal wieder loswerden, was er alles erlebt hatte, und was er alles draufhatte. Ich kam so gut wie nicht zu Wort, also hörte ich nur halb hin, nickte ab und zu anerkennend… Eine anstrengende Arbeitswoche lag hinter mir. Änderungen in den SOPs und lange Telefonkonferenzen. Sehr ermüdend. Ich fühlte mich kognitiv ausgelaugt.
Nach dem dritten Pils strich ich die Segel. Inzwischen blinzelte die Sonne wieder durch die Wolken. Kurz rang ich mit mir, ob ich mich nicht noch ein Stündchen in den Park setzen sollte. Aber mir war nach gar nichts. Also ab nach Hause in meine Wohnhöhle, wo die Couch und Pellkartoffeln auf mich warteten.

 

Freitag

Als am Montag mein Arbeitstag begann, überkam mich das wahnsinnige Gefühl, dass alles gar nicht wirklich war – auch ich selbst: Was mache ich hier? Wer bin ich eigentlich? Wer stellt diese vermaledeiten Fragen? Dieses „Ich“ ist eine Farce, nichts als ein Witz…,dachte ich und fand keine Antwort.
Ich zählte die Tage runter bis Freitag. Die Tumorfälle flutschten durch meine Hände wie nichts. Die Hühner erstaunlich unanstrengend – ich mag sie irgendwie, und mittlerweile denke ich, dass sie auch mich mögen.
Seltsam, wie einem eine Woche elend lang und gleichsam kurz erscheinen kann. Ich schleppte mich durch. Müde bin ich. Ein paar Kolleginnen und Kollegen gehen heute nach Feierabend essen… Sie sollten jetzt unterwegs sein. Ich bin im Pub. Ich wollte eigentlich dabei sein. Ich versprach es. Jetzt sitze ich hier an der Bar und schaue raus auf den Betrieb in der Potsdamer Straße. Vor mir steht das Bier, das sich in regelmäßigen Abständen erneuert. Verhalten grüße ich den ein oder anderen Gast, der eintritt. Man kennt sich, ohne sich zu kennen. Man redet oder schweigt nebeneinander.
Schön, dass Freitag ist. Ich bin so müde. Ich weiß, das sagte ich bereits. Mindestens zur Hälfte ist es die Welt, die mich müde macht. Ich und meine Fragen sind die andere Sache. Und sicher auch das Bier… Egal. Eins geht noch, bevor ich mich zurückziehe. Alles ist gut. Oder auch nicht. Was spielt es für eine Rolle? Ich bin lediglich ein Abziehbild. Ich bin eine Kreatur, die am Tellerrand abhängt. Weil die Suppe nicht schmeckt – diese Brühe, die meine Mitmenschen allzu bereitwillig schlucken…

Ich stelle mir eine Welt vor, in welcher meine Geburt nicht vorgesehen ist. Das wäre die beste aller Welten.
Natürlich sage ich das nur, weil ich das Dasein ums Verrecken nicht kapiere, weil ich von der Liebe enttäuscht bin, weil ich so verflixt wenig Ehrgeiz habe, weil ich mich in diesem materialistischen Wahnsinn fremd fühle…, weil ich gewissermaßen lebensmüde bin.
Ich muss trinken, sonst steht das Bier ab. Scheiß Gedanken. Wie eine Krankheit sind diese Gedanken.
Mir fehlt die Ablenkung, z.B. : meinen Kopf an den Busen einer Frau legen, sie riechen und ihren Herzschlag hören. Wie sehr mir das fehlt…
Müde bin ich. Verflucht müde. Und trotzdem sitze ich noch hier. Wer versteht das? Wahrscheinlich bin ich gar nicht ich. Etwas anderes steuert mich, womöglich der Teufel.
Noch ein Bier? Warum nicht. Ich habe Zeit. Zuhause wartet niemand. Nur ein Herd und ein Bett. Morgen kann ich ausschlafen. Und dann werde ich weiterschreiben. Für heute bin ich fertig.