Alles längst entschieden

Ich schaute gestern Abend nur die erste Halbzeit. Im Bett auf dem Tablet. Da lagen die deutschen Handballer noch mit drei Toren gegen Kroatien vorne. Das Bild hing ständig. Machte keine Freude. Und aufstehen wollte ich nicht mehr, um das Spiel am TV weiterzuverfolgen. Ich surfte durch YouTube und hörte verrücktes Zeugs über Außerirdische, Kornkreise, die Gizeh-Pyramiden, untergegangene Hochkulturen, Atlantis, Geheimbünde…, bis ich wegdämmerte.
Heute Morgen dann gleich gegoogelt, wie das Spiel ausging. Die Deutschen verloren knapp mit 24:25. Die Kroaten haben einen Lauf. Würde mich nicht wundern, wenn sie Handball Europameister werden. Oft ist es im Leben wie im Sport. Man kann gar nicht genau sagen, warum der Erfolg ausbleibt, – warum es nicht so richtig vorwärts geht. Der Wurm ist drin. Die Platte hängt. Der Drops ist gelutscht. Jedenfalls fürs erste.
Solche Täler muss man mit Würde durchschreiten. Ich hatte einige Täler in der Vergangenheit. Materiell wie seelisch. Wenn beides zusammenkommt, überlegt man sich schon mal, ob es nicht besser wäre, den Büttel ganz hinzuschmeißen. Im Sport schickt man erstmal den Trainer in die Wüste.
Auch das Aussitzen ist eine Möglichkeit. Einfach warten, bis es wieder aufwärts geht. In der Politik eine gängige Methode. Von Helmut Kohl entwickelt und von Angela Merkel perfektioniert. Für mich nicht die erste Wahl. Erstens fehlt es mir an Geduld, und zweitens läuft mir die Zeit davon. In drei Jahren bin ich Sechzig!! Die Kräfte schwinden. In der Arbeitswelt zähle ich quasi zu den Unvermittelbaren. Dasselbe gilt fürs weibliche Geschlecht. Dazu die Perspektive Altersarmut und Krankheit.
Scheiße, was ist das heute für ein Tag, dass ich derart pessimistisch drauf bin?! Ich fühle mich, als hätte ich das Spiel, das sich Leben nennt, bereits verloren. Dabei befinde ich mich erst Mitte der zweiten Halbzeit. Und wer weiß, vielleicht geht`s in die Verlängerung… Nicht wenige Spiele werden in den letzten Minuten entschieden. Ich sollte echt an meiner Moral arbeiten!

Der Kinostreifen „Mach dein Ding“ wäre an diesem grauen Sonntag nicht die schlechteste Option. Udo Lindenberg als Vorbild. Was der alles wegsteckte. Er hat inzwischen was Mumienhaftes. Womöglich von Aliens konserviert für alle Zeiten. Oder: Der Pakt mit dem Teufel. Bin sicher, dass darüber auf YouTube Theorien kursieren…
Viel originaler als im Kino habe ich es aber unter den Mumien im Pub. Vornean der Wirt, der seit Jahrzehnten sein Ding macht nach dem Motto „Korn bringt mich nach vorn“. Heute 15 Uhr 30 das Spiel Bayern – Hertha. Thorsten wird bedienen. Netter Kerl. Wunderbar stoisch als Barkeeper. Wir verstehen uns blind.
Kino oder Pub – nur nicht unter Entscheidungsdruck setzen. Noch habe ich Zeit. Ich könnte auch zuhause abhängen. Eigentlich ziemlich gemütlich hier.

 

Gespräch unter Brüdern

Wenn du die Welt zum Guten verändern willst, musst du selbst aktiv werden, dich politisch oder gesellschaftlich engagieren.
Meinst du, das wüsste ich nicht? Wie soll ich aber in einer Welt, wo Geld und Macht bestimmend sind, in eine Position gelangen, in der ich wirklich etwas bewirken kann?
Indem du schon dort etwas veränderst, wo du lebst. Du kannst bei dir anfangen. Und schließlich als Vorbild für deine Mitmenschen wirken.
Bitte sei realistisch! Wie viele Menschen haben in diesem Sinne das Zeug dazu, Heilige zu werden? Ich sicher nicht.
Niemand muss zum Heiligen werden. Fange z.B. einfach mal mit vegetarischer Ernährung an, trinke weniger Alkohol und begegne deinen Mitmenschen mit Freundlichkeit und Toleranz, statt mit Missmut.
Unmöglich!
Aber warum? Versuche es…
Nö. Ich will eigentlich so bleiben, wie ich bin.
Aber die anderen sollen sich verändern?
Okay, du hast mich erwischt. Wie kann ich von anderen Menschen eine Veränderung verlangen, wenn ich selbst nicht bereit bin, mich zu verändern… Klar wie Kloßbrühe das.
Eben. Darum geht`s. Aufeinander zugehen. Nicht immer die Gegenseite in die Pflicht nehmen. Bewege dich und erwarte nicht nur die Bewegung bei deinem Mitmenschen. Das sind gute alte Weisheiten.
Die aber nicht viel Erfolg zeitigten, wenn ich mir die Menschheitsgeschichte so anschaue. Oder?
Ja, der Mensch ist in der Tat ein schwieriger Fall. Aber deswegen die Hoffnung aufgeben? Damit verschlimmern wir nur alles, weil wir denen in die Karten spielen, die unsere Welt unmenschlich machen wollen.
Trotzdem. Diese Aasgeier werden immer obenauf sein. Die können wir mit einem Furz Gutmenschentum nicht zu Fall bringen. Die selbstgefälligen Krösusse in den Schaltzentralen der Macht, egal ob in Wirtschaft oder Politik, kriegen wir niemals klein.
Vielleicht geht es gar nicht darum, sie zu Fall zu bringen, sondern die Welt einfach dort, wo man ist, ein klein bisschen besser zu machen.
Aha! Ich soll mich also weiterhin ducken und muss meinen Unmut über die Zustände runterschlucken?! Soll ich mit meiner Meinung hinterm Berg halten bei Missständen, wie ich sie z.B. damals als Altenpfleger erlebte? Und dabei ging es nicht um weitentfernte Dinge, sondern um Geschichten, an denen ich unmittelbar beteiligt war. Selbst dort fühlte ich mich ohnmächtig. Vielleicht war ich auch einfach zu schwach…
Ich sagte nicht, dass es leicht ist.
Danke. Super. Ich bleibe mal beim Beispiel Altenpflege, weil ich glaube, mich da ein wenig auszukennen…, also in Bezug auf die letzten ca. 30 Jahre und die ganzen Diskussionen um Pflegenotstand und Missstände in der Pflege in dieser Zeit… Moment, ich muss mal kurz Luft holen!
Nein. Entschuldige. Das Thema habe ich eigentlich beerdigt. Weißt du, warum? Weil ich kotzen muss, wenn ich daran denke!!
Das tut mir leid. Ich bin sicher, dass du ein guter Altenpfleger warst.
Wie bitte?!? Ich war ein scheiß Altenpfleger. Ich konnte nichts an den Verhältnissen ändern. Stattdessen machte ich jahrelang mit. Jawohl, ich war ein Mitläufer, ähnlich wie viele Menschen im Dritten Reich, die zwar Kacke fanden, was die Nazis machten, aber nie offen aufbegehrten. Kann ich ihnen auch nicht verdenken bei dem, was sie erwartet hätte. Und was hätte mich erwartet, wenn ich damals die schlimmen Sachen, die ich miterlebte, nach Außen getragen hätte? Es hätte mich (nur) meinen Job gekostet… Ich soll ein guter Altenpfleger gewesen sein?
Du wolltest dort etwas bewirken, wo du warst. Du wolltest von innen heraus etwas ändern. Bestimmt mochten dich die Alten.
Ich war zu schwach. Ich machte mich mitschuldig. Lassen wir das Thema.
Wir Menschen müssen schlimme Dinge erleben, um innerlich zu reifen. Ich habe Respekt vor dem, was du als Altenpfleger geleistet hast. Viele Menschen würden den Hut vor dir ziehen.
HA-HA. Entschuldige, dass ich laut lachen muss.
Du bist verbittert.
Gut möglich.
Vielleicht kann dir Gott Trost geben.
Gott?
Ja, Jesus Christus, sein Sohn, der für uns am Kreuz starb und uns unsere Sünden vergab.
Ist das dein Ernst?
Mein Bruder, du bist zurzeit einsam, quälst dich mit Selbstvorwürfen und hast kein wirkliches Zuhause mehr… Gott hat immer ein offenes Ohr für dich. Du kannst ihm alles sagen. Und unsere Gemeinde wird dich voller Güte in die Arme schließen.
Scheiße. Ich glaube, wir beenden an diesem Punkt besser das Gespräch. Ich komme schon klar. Ich habe nichts gegen Gott und Jesus. Aber…, sei mir bitte nicht böse, ich gehe lieber in den Puff oder in die Kneipe als in die Kirche. Ich brauche nichts als die Wahrheit, und die sehe ich Tag für Tag auf der Straße. Und, wie`s aussieht, ist die Wahrheit verdammt hässlich, aber das macht nichts. Das habe ich nun erkannt. Danke… – danke fürs Gespräch.
Gott ist mir dir, Bruder.

Selbsterkenntnis

Schlagartig wurde mir bewusst, dass ich absolut lern-resistent bin. Nichts lernte ich aus meinen Verfehlungen im Leben! Diese Erkenntnis kam über mich wie eine Eingebung. Ich empfand Scham. Wieso war ich solch ein Arschloch geworden? Ich konnte doch sehr gut zwischen Gut und Böse unterscheiden. War es ein Fehler gewesen, aus der Kirche auszutreten? Warum ignorierte ich all jene, die mich auf den Pfad der Tugend führen wollten? Meine Eltern bemühten sich redlich. Und auch die Lehrer in meiner Schulzeit – alle meinten es doch gut mit mir?!
Ich bin ein Versager. Ich dachte immer nur an mich. Und das fatale dabei: Niemals werde ich mich ändern. Niemals werde ich auf den Pfad der Rechtschaffenheit zurückfinden.

Ich mache mir einen Gin-Tonic und öffne die Nachrichten-App meines Computers. Immer und überall derselbe Scheiß. Die ganze Menschheit scheint ziemlich lern-resistent zu sein. Soll ich mich nun besser fühlen?