Eine Minute

Vor der Mikrowelle auf den Kartoffelauflauf wartend, blickte ich wie gebannt auf die digitale Anzeige. Die letzte Minute wurde heruntergezählt. Ich beobachtete ganz bewusst die Zeit, wie sie verstrich. Sekunde für Sekunde. Es gab nur mich und die Zeit. Unglaublich, wie ätzend lange eine Minute ist, dachte ich, – und das mal 480 ergibt meinen Arbeitstag… Ein Horror! Noch immer musste ich 40 Sekunden auf das erlösende „Pling“ warten. Ich schloss die Augen und öffnete sie wieder – lediglich 2 Sekunden waren vergangen. Was für ein merkwürdiges Konstrukt die Zeit ist. Auch so ein Mysterium, dass wir nicht fassen können und normalerweise nicht hinterfragen. Zeit geschieht mit und ohne uns. Aber wenn alles, also wirklich alles, stillstände, würde dann immer noch Zeit vergehen? Vielleicht passiert Zeit nur dann, wenn wir sie beobachten? Noch „20 Sekunden“ zeigte mir die Digitalanzeige. Ich raufte mir die Haare – ich hatte mir eine verdammt lange Minute ausgesucht.
Eigentlich war ich bereits satt. Vorm TV esse ich oft aus Langeweile oder einfach des Genusses wegen. Ich führe regelrechte innere Kämpfe aus. Leider gewinnt (fast) immer der innere Schweinehund. Wieviel Kalorien kann der Kartoffelauflauf schon haben? Trinke ich halt morgen ein Bier weniger… 5 – 4 – 3 – 2- 1 – Pling!
Ich drückte auf die große Taste ganz unten, und die Tür der Mikrowelle sprang auf. Der Duft des heißen Kartoffelauflaufs stieg mir in die Nase. Genaugenommen war es ein Kartoffelauflauf mit Brokkoli. (Was es nicht alles gibt.) Ich leerte ihn aus der Schale auf einen Teller und garnierte den Haufen mit ein paar Spargelspitzen aus dem Glas. … Die Minuten vergingen wieder nebenbei. Irgendein Schmonsens im TV entführte meine Gedanken. Da ich es nicht abwarten konnte, verbrannte ich mir am Essen den Gaumen.

Brasko und die geklauten Minuten

IV

 

Das Schwitzen nimmt kein Ende, obwohl die Temperaturen etwas runtergingen in der Nacht. Brasko fühlt sich am Morgen wie gerädert. Ächzend wandert er durch die Zimmer wie ein Tiger im Käfig, ein alter Tiger. Er hält kurz inne und blickt mürrisch aus dem Fenster: Alles wie gehabt. Ein weiterer Sommertag voller Sonne, Freude und oberflächlichem Glanz. Die Menschen tun, was sie tun müssen im Koordinatensystem ihres beschränkten Verstands, ihrer Bedürfnisse und Wünsche, ihrer Ideen und Phantasmen… auf einem Gesteinsplaneten, den sie Erde nennen, und in dessen hauchdünner Atmosphäre sie ihr kurzes Dasein fristen. Und nun kommt dieser Sandmann mit „seinen Minuten“, die ihm wertvoller als alles erscheinen! Was ist schon eine Minute?! Ein Fliegenschiss, der meist nichts bedeutet. Das Leben besteht aus einer riesigen Minuten-Armee, wo eine der anderen gleicht, die allesamt im Gleichschritt in eine Höllenschlacht ziehen, die nicht gewonnen werden kann. Das Leben ist ein Waterloo! Brasko schnauft wütend. Er spürt, dass er langsam in Fahrt kommt. Es wird Zeit für den ersten Drink.
Freilich gibt es auch entscheidende Minuten. In einer Minute kann eine ganze Menge passieren. Little Boy fiel eine Dreiviertel Minute vom Ausklinken aus dem Bombenschacht bis zur Detonation über dem Ziel Hiroshima. Was für eine unendlich schweigsame Minute muss das gewesen sein! Minuten können furchtbar lang werden – wenn sich z.B. der Fallschirm nicht öffnet. Auf der anderen Seite erscheinen uns glückliche Minuten wesentlich kürzer. Brasko sucht nach diesen glücklichen Minuten in seinem Leben und findet auf Anhieb keine. Vielleicht hat er sie alle vergessen…, oder er ignoriert sie schlichtweg. „Bah! Scheiß drauf! Die Nutte kriegt mich nicht!“ sagt er zu sich selbst und fährt sich nach einem kräftigen Schluck aus seinem Drink mit dem Handrücken über den Mund. In Braskos Augen ist die ganze Welt nuttig und verkommen, nur darauf aus, seine Seele zu ficken.
Minuten kann man nicht zurückholen! Der Sandmann ist ein Idiot, ein reicher Spinner! Diese Typen haben alles, und das ist ihr Fluch. Sie kriegen die schönsten Mösen, fahren die teuersten Sportwagen, besitzen auf jedem Kontinent eine Villa, feiern auf ihren Jachten wilde Partys… wissen kaum noch, wohin mit der ganzen Kohle. Sie werden zu Gefangenen ihrer vergoldeten Scheiße, und je nach Charakter sind sie schließlich empfänglich für die verrücktesten Ideen und Sachen…

Brasko gähnt. Er fährt den Computer hoch und schickt dem Sandmann die Koordinaten seiner Test-Minute. Er hatte schließlich schon verrücktere Fälle.