Eine Minute

Vor der Mikrowelle auf den Kartoffelauflauf wartend, blickte ich wie gebannt auf die digitale Anzeige. Die letzte Minute wurde heruntergezählt. Ich beobachtete ganz bewusst die Zeit, wie sie verstrich. Sekunde für Sekunde. Es gab nur mich und die Zeit. Unglaublich, wie ätzend lange eine Minute ist, dachte ich, – und das mal 480 ergibt meinen Arbeitstag… Ein Horror! Noch immer musste ich 40 Sekunden auf das erlösende „Pling“ warten. Ich schloss die Augen und öffnete sie wieder – lediglich 2 Sekunden waren vergangen. Was für ein merkwürdiges Konstrukt die Zeit ist. Auch so ein Mysterium, dass wir nicht fassen können und normalerweise nicht hinterfragen. Zeit geschieht mit und ohne uns. Aber wenn alles, also wirklich alles, stillstände, würde dann immer noch Zeit vergehen? Vielleicht passiert Zeit nur dann, wenn wir sie beobachten? Noch „20 Sekunden“ zeigte mir die Digitalanzeige. Ich raufte mir die Haare – ich hatte mir eine verdammt lange Minute ausgesucht.
Eigentlich war ich bereits satt. Vorm TV esse ich oft aus Langeweile oder einfach des Genusses wegen. Ich führe regelrechte innere Kämpfe aus. Leider gewinnt (fast) immer der innere Schweinehund. Wieviel Kalorien kann der Kartoffelauflauf schon haben? Trinke ich halt morgen ein Bier weniger… 5 – 4 – 3 – 2- 1 – Pling!
Ich drückte auf die große Taste ganz unten, und die Tür der Mikrowelle sprang auf. Der Duft des heißen Kartoffelauflaufs stieg mir in die Nase. Genaugenommen war es ein Kartoffelauflauf mit Brokkoli. (Was es nicht alles gibt.) Ich leerte ihn aus der Schale auf einen Teller und garnierte den Haufen mit ein paar Spargelspitzen aus dem Glas. … Die Minuten vergingen wieder nebenbei. Irgendein Schmonsens im TV entführte meine Gedanken. Da ich es nicht abwarten konnte, verbrannte ich mir am Essen den Gaumen.

Das Spaghetti-Wochenende

Ich tigere durch die Zimmer. Ich finde mich gut und nicht gut. Das geht gleichermaßen. Im Rhythmus der Bluesmusik. Die Wohnung riecht nach der frischgewaschenen Wäsche. Ein paar Kerzen brennen langsam ab. Ein typischer Wintertag im Halbdunkel der Straßenschlucht. Die Stadtbäume zeigen ihr filigranes Geäst. Mit mir ist nichts los. Ich hatte mich bereits darauf eingestimmt, heute in den vier Wänden zu bleiben. Gemütlich habe ich es, aber in mir klopft die Unruhe. Wie verhext ist das. Wohin damit? Ich finde nicht die Worte für diesen Zustand. Fühlt sich so Einsamkeit an? Das Glas ist leer. Ich gehe in die Küche und gieße Wein nach. Mann, wie das hier duftet! Mir fehlt es an nichts. Der Topf mit den fertigen Spaghetti steht auf der neuen Herdplatte. Seit zwei Tagen esse ich Spaghetti. Ich liebe Spaghetti Bolognese. Schon immer. Als Kind hatte ich es bald raus, wie man sie am Besten um die Gabel wickelte und ohne viel Kleckerei verschlingen konnte. Ich erinnere mich an die Sommerurlaube in den Sechzigern an der Adria. Damals war Italien noch ungeheuer weit weg. Wir fuhren einige Male nach Torre Pedrera, kurz vor Rimini, immer zum gleichen Hotel. Zwei Wochen Strandurlaub… Braungerbrannt kehrten wir zurück ins Wirtschaftswunderland. Die Schule begann bald wieder, und der Lehrer fragte uns, was wir in den Ferien gemacht hatten… Unglaublich diese Zeit damals: die Zeit der Schleifspuren in der Unterhose, die Zeit des Biedermanns im Wohnzimmer, die Zeit der Gastarbeiter, die Zeit des ersten Fernsehers, die Zeit Cassius Clays und der Mondlandung, die Zeit der Matchboxautos und Comicheftchen, die Zeit der Wundertüten und Kaugummiautomaten, die Zeit des Ölofens und der Sonntagsausflüge, die Zeit von Fransenteppichen, die Zeit von Peter Alexander und der Beatles, die Zeit von LEGO, Daktari und Bonanza…

Ich blicke auf die Zeitanzeige meines Laptops. Früher Nachmittag erst. Sonntage sind fast so zäh wie Bürotage. Die Mikrowelle piepst. Eine Schale italienische Gemüsemischung ist fertig. Sollte zu den Spaghettis passen. Was gibt`s noch zu tun?