Licht und Meer werden mir fehlen

Gran Canaria war ein Lichtschock. Leicht benommen sitze ich mit verbranntem Gesicht am Computer. Gestern Abend nach fünf Stunden im fliegenden Altenheim in Tegel gelandet. Endlich befreit von den alten Säcken! Endlich wieder junge Leute in Bus und U-Bahn – wenn auch verblödet, aber egal!
Gran Canaria war überfüllt von alten Säcken. Klar, dass ich nicht in eine Oase der jugendlichen Frische reiste, aber so viel spießige und grenzdebile Rentner um mich herum zerrten doch an meinen Nerven. Ich dachte nur: Alter Walter, bald gehörst du auch dazu… Vielleicht lag es auch am hellen Licht und der spärlichen Bekleidung, dass die Hässlichkeit des Alters derart auffällig zum Vorschein trat. Die deutschen Rentner zeigen sich sehr reiselustig. Viele fühlen sich auf Gran Canaria geradezu heimisch. Sie kommen regelmäßig und werden dementsprechend von den ansässigen Dienstleistern hofiert. Offenbar handelt es sich noch um die Generation, die sich`s leisten kann. Mit der spärlichen Kohle, die mir mein Rentenbescheid jährlich anzeigt, werde ich mir solche Sprünge ins Lichtparadies kaum erlauben können. Es ist wirklich ein Unterschied wie zwischen Tag und Nacht, wenn ich aus dem Fenster ins Grau in Grau Berlins blicke. Na gut, der Sommer kommt ja noch. Und ich entging dem fiesen deutschen Wetter der letzten zehn Tage. Soll laut der Wetternachrichten, die ich Dank des deutschen TVs in meinem Appartement verfolgen konnte, echt derb gewesen sein mit Sturmtief Eberhard.
Von den paar menschlichen Unannehmlichkeiten abgesehen, lief alles gut mit meiner Reise und dem Aufenthalt auf der Insel. Ich saß viel herum, glotzte aufs Meer und trank spanisches Bier, meist Tropical. In den Bars hielt ich es nicht lange aus, denn die waren freilich voller Rentnervolk, voller vergammeltem Menschenfleisch, das nach Verwesung roch und dabei dumme Sprüche absonderte. Und überall hingen TV-Bildschirme herum, auf denen Bundesliga lief, rauf und runter… Ich befand mich in einem Horrorfilm! So schlimm hatte ich es von meinem letzten Gran Canaria Besuch Weihnachten 2014 nicht in Erinnerung. Na ja, damals war ich verliebt und daher positiv abgelenkt. Ich trug die berühmte rosarote Brille. Apropos Brille: Ohne Sonnenbrille hätte ich das gleißende Licht nicht ertragen können. Sie war mein Wegbegleiter an allen Orten. Hier liegt sie im Etui auf der Fensterbank und harrt der Dinge, die da kommen.

 

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Licht und Meer

 

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auch ein Lichtblick

Die Stille nach dem Furz

Stundenlang könnte ich dem Surren lauschen. Ich hänge mit dem elektrischen Nasenhaarschneider am heimischen Schreibtisch ab, drehe den Kopf zur Seite und schaue auf das werktägliche Treiben vorm Fenster, aber mehr so indirekt, wie wenn man aufs Meer blickt. Die Stadt atmet. Der Verkehr pulsiert in den Adern. Die Stadt funktioniert wie ein Lebewesen. Alles Definitionssache. Das Universum zerfällt in fraktale Muster. Alles lebt gewissermaßen. Oder auch nicht…
Normalerweise würde ich jetzt im Büro sitzen und einen Stapel Tumorfälle abarbeiten. Stattdessen sitze ich zuhause wie in einer Parallelwelt und rasiere mir die Nasenhaare. Die Sonne kommt kurz raus. Gut. Gut. Heute und morgen noch zum Auskurieren. Schwach fühle ich mich. Vielleicht würde ich die Krankmeldung verlängern, wenn da nicht die Reise wäre. Ich muss mich berappeln!
Ganz schön windig draußen. Ich mag den Wind an der See. Ich setze die Segel in meinem Kopf und lasse mich treiben… Wolken und Wind, Licht und Schatten im regen Wechsel, der Blues des Lebens, die Elemente, aus denen alles besteht, explodierende Sterne, Supernovae, Sternennebel… sich in irrwitzigen Größen verlierend… Und wir diskutieren bei Plasberg, was Heimat ist.

Es tut sich was

Langsam werden mir Rostock und Warnemünde immer vertrauter. Natürlich gibt es noch viele Ecken, die mir fremd sind – das ist in Berlin nicht anders. Aber nach einer Weile entwickelt man doch mit einer Region, auch ohne alles zu kennen, eine gewisse Vertrautheit. Mit Menschen ist`s, glaube ich, nicht anders. So geht es mir z.B. mit den Büro-Hühnern…

Die Kälte war bei meinem Kurztrip der größte Ungemütlichkeitsfaktor. Die gefühlte Temperatur lag weit unter der gemessenen. Der Aufenthalt an zugigen Plätzen fühlte sich an wie eine Eisdusche. Ich unternahm einen kleinen Spaziergang am Strand und kehrte nach einer guten halben Stunde verfroren zurück in die windgeschütztere Ortschaft. Nun nur noch ein Plätzchen zum Aufwärmen finden – glücklicherweise hatten in Warnemünde an Heiligabend mehr Lokale offen, als ich befürchtet hatte.

Drei Tage kam ich raus, – atmete andere Luft, nahm andere Gerüche wahr, befand mich in netter Gesellschaft, sah auf das Meer und die Horizontlinie… Zuhause in Berlin wäre mir sicher die Decke auf den Kopf gefallen. So war ich mit der Reise und allerhand Eindrücken beschäftigt. Den ganzen Weihnachtszinnober nahm ich nur am Rande wahr. Gut so. Ich scheiße auf Weihnachten. Nun nur noch Silvester, und dieser irrsinnige Jahresabschlussspuk hat wieder ein Ende.

Ich genieße meine Freiheit. Ich genieße die schönen Dinge um mich herum. Ich genieße den Anblick schöner Frauen. Ich genieße die Momente, wo ich spüre, wie das Leben in mich zurückströmt. Ich genieße den Blues. Ich genieße es, einfach da zu sein. Ich genieße es, wenn sich meine Blicke mit denen wildfremder Menschen treffen. Ich genieße es, wenn wir uns zulächeln. Ich genieße die Kraft meines Körpers. Ich genieße das Zurückkommen in meine Bude. Ich genieße das Bier. Ich genieße den Blick aus dem Fenster. Ich genieße, es warm zu haben.