The Same Blues Every Year

Die erste Bürowoche nach den Weihnachts-Silvester-Neujahrs-Urlaubstagen geschafft. Das Neue Jahr begann mit viel Unruhe wegen einer neuen Dokumentations-SOP (Standard Operation Procedure). Das Gegacker im Hühnerstall schwoll an. Wir waren ziemlich irritiert von der neuen SOP. Sie wertet indirekt unsere Arbeit ab. Ich schleppte mich durch die Tage – weiterhin alleine im Büro, weil mein Gegenüber nun seit fast seit drei Monaten im Krankenstand verharrt. Ob A. überhaupt noch kommen will? Wie auch immer, ich tue mich zurzeit schwer mit der Büromaloche. Dazu die kalte Jahreszeit, die Einsamkeit zuhause. Ich fasse es in einem Wort zusammen: Öde! Jeder Tag bedeutet ein sich Aufraffen, gefangen in einem immer wiederkehrenden Wochenkreislauf.
Immerhin schlappte ich ein paar Tage lang über Silvester/Neujahr durch die alte Heimat. Es kommt mir vor, als würde dieser Exkurs bereits irre lange zurückzuliegen… Neben dem Herumschlappen saß ich eine Menge Zeit in Kneipen ab. Gibt in Heidelberg nicht viele Orte, wo ich noch gern mein Bier trinke. Überall Fastfood, Fressketten, Cafés, Andenkenshops, Ramschläden. Die Innenstadt hat echt abgebaut. Auffällig viele Geschäfte in asiatischer Hand.
Meine Wege glichen sich jeden Tag mehr oder weniger: Vom Hotel zum Hauptbahnhof, um einen guten Morgenkaffee zu trinken. Weiter ging es zum Bismarckplatz, wo ich im Médocs, einer Café-Bar, das erste Bier trank. Von dort aus schlappte ich durch die Fußgängerzone, respektive Idiotenrennbahn, schnurgerade bis in die Altstadt, wo sich mir eine etwas größere Auswahl für das Aufnehmen von flüssiger Nahrung bot. Meist hockte ich am Nachmittag ein paar Stunden in der Destille oder in der Sonderbar (gleich gegenüber in der Unteren Straße). Nebenbei machte ich meine Ausflüge zum Schloss, zum Philosophenweg und nach Wiesloch, wo ich geboren wurde und meine Eltern auf dem Friedhof liegen.

 

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im Médocs

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Bilder von regionalen Künstlern in der Destille

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in der Sonderbar drückte die Blase – auf dem Weg zur Toilette

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fast vergessen: die Max Bar am Marktplatz

 

Der Morgen in der Max Bar

Die Pensionswirtin kam ins Plaudern, als ich die Rechnung beglich. Sie schwärmte ganz allgemein von der Region, dem milden Klima, den schönen Plätzen, der mediterranen Atmosphäre und dem exquisiten Kuchen einer befreundeten Spanierin, die ganz in der Nähe ein Café hatte. Sah ich so aus, als wäre ich ein Kuchenliebhaber? Ich bedankte mich artig für den Tipp und schritt hinaus in den Morgen. Mich fröstelte. Das Wetter hatte nichts mehr von der Milde des Vortags. Der Himmel lag grau und schwer über der Stadt und den angrenzenden Bergen. Angestrengt spähte ich nach einem geöffneten Lokal. Früher Vormittag und Ostersonntag – da ist selbst in Berlin nicht der Bär los. Doch ich hatte Glück. Unweit fand ich eine Bar, in der ein paar Übernächtigte beim Bier saßen. Sehr gut, das Problem wäre also gelöst. Ich bestellte mir erstmal einen Kaffee und schaute durch die große Fensterfront hinaus auf den Marktplatz, wo noch wenig Betrieb herrschte. Ab und zu trudelten ein paar Gäste ein, meist Einheimische aus der hiesigen Kneipen- und Künstlerszene, die hier ihren Morgenkaffee tranken und ein Schwätzchen hielten. Ich war inzwischen beim Bier angelangt und versunken in der Betrachtung meiner Umgebung. Einer der Künstler kam mir bekannt vor. Aber klar, das war der Typ, von dem ich ein Bild habe, das ich erst vor kurzem wieder aufhing! Wie kam ich eigentlich dazu? Ich erinnerte mich an seine verwinkelte Altstadtwohnung, das Atelier sowie den anschließenden Spaziergang, wobei er mir Stadtgeschichten erzählte. Ich langweilte mich ziemlich. Lang lang ist`s her. Inzwischen dürfte ich so alt sein wie er damals. Plötzlich kam es mir wieder: Er hatte sich für einen meiner Prosatexte interessiert und schenkte mir im Gegenzuge das Bild. Kein schlechter Deal für mich. Offensichtlich schmeichelte er mir, und neben seinem Interesse als Künstler gab es noch eine Ambition anderer Art.
Der Künstler ging, und wir grüßten uns beiläufig. Hatte auch er mich wiedererkannt?
Es wurde Zeit, mich aus meiner beinah meditativen Versenkung in der Max Bar zu lösen. Schließlich hatte ich noch etwas vor…