Es war gestern und ist doch heute (13)

Ein Toter erregt sich zum wiederholten Mal

Gegenwärtige Endzeit!
Gegenwärtiger denn je


Die Menschen anonym
Hinter Mauern ihrer Zugehörigkeiten
Der Sumpf der Verflechtungen verschluckt sie
Mit einem Gurgeln:
All die kleinen Arschlöcher
Zwischen Politik, Wirtschaft, Kapital und Größenwahn
Taumeln trunken auf und ab
In tausend Herden
Sie spielen mit Zahlen und Statistiken
Der Wahnsinn steckte schon lange in ihren Köpfen
Sie lernten das Nachäffen
Das Nachäffen wurde ihre zweite Natur
Ihr Glück zum Anstrich
Bitte, ganz nach Belieben übermalen!
Oh! scheiß Leere in mir
Du verhinderst mein kleines Glück
Es blättert schneller ab, als ich pinseln kann

Gegenwärtige Eiszeit!
Gegenwärtiger denn je


Die Sehnsucht wächst wie wahnsinnig
Lässt mir nur Fugen, in die ich mich zwänge
Ich verkrieche mich wie ein verängstigtes Kind
Mein Blick starrt in mich hinein
Und da ist nichts als Sehnsucht:
Sie kriecht durch meinen Körper
Bis alle meine Glieder regungslos liegen
Meine Gedanken verflüchtigen sich wie Wasserdampf
Und mein Herz?
Mein Herz verloren im Moment

Gegenwärtiges Marionettendasein!
Gegenwärtiger denn je


Zitiert die Liebe in Sprechblasen und verschnürt sie
Zu Paketen nützlichen Seelenheils
Die bedingungslose Leidenschaft steht dem Glück im Wege
Ein netter Mensch zu sein – „DER NETTE MENSCH“
Oh! halte mir die netten Menschen vom Leib!
Bevor ich mich vergesse
Ihre Charaktere lassen sich wie Zinnsoldaten
In Blei gießen
Sie funktionieren wie winzige Zahnräder eines Uhrwerks
Von dem sie nur das „TICK-TACK“ begreifen
Ihre Existenz verpufft
Wie ein Staubpilz unter meinem Fuß
Diese netten Menschen hangeln sich durchs Leben
Wie Affen von Banane zu Banane
Und sind sie endlich alt
Bleiben Trümmer
Trümmer, Trümmer, Trümmer!

Gegenwärtig quäle ich mich
Gegenwärtig quäle ich mich mehr denn je


Über das betonharte Pflaster ihrer blendenden Gesellschaft


(ca. 1990)


Die eigentliche Krankheit ist der Mensch

Viele wundern sich, warum so viele Amerikaner Trump-Anhänger sind. Viele wundern sich, wie sich die AfD in der deutschen Parteienlandschaft etablieren konnte. Viele wundern sich über den Zuwachs der Rechten in Europa. Viele wundern sich, wie es kommen konnte, dass Großbritannien die EU verließ. Viele wundern sich über die immer stärker aufkommende Kritik an den demokratischen Systemen. Viele wundern sich über die Sehnsucht nach dem starken Führer. Viele wundern sich über China. Viele wundern sich über die zunehmende gesellschaftliche Spaltung: Arm gegen Reich, Jung gegen Alt, Links gegen Rechts, Schwarz gegen Weiß, Stadt gegen Land, Nord gegen Süd, West gegen Ost, Diktatur gegen Demokratie… Viele wundern sich über religiöse Fanatiker. Viele wundern sich über Neonazis. Viele wundern sich über Rassismus, Antisemitismus, Menschenhandel, Terror und Kriege im 21. Jahrhundert, als hätten wir gar nichts aus der Geschichte gelernt. Viele wundern sich über die nach wie vor inflationär stattfindende Zerstörung der Umwelt…
Viele wundern sich auch gar nicht. Oder sie wundern sich nicht lange. Weil sie gar keine Zeit fürs Hinterfragen haben. Oder weil sie keine Lust dazu haben. Bringt ja eh nichts, sich über alles Gedanken zu machen. Aber eine Meinung haben sie schon. Woher auch immer. Und so regen sie sich über Menschen mit anderen Ansichten auf. Hauptsache, man regt sich auf. Fakten spielen keine Rolle. Die Realität spielt keine Rolle. Einfach den anderen abqualifizieren. Ihn auslachen. Muskelspielereien.
Ich wundere mich, seit ich denken kann (seit gut 50 Jahren), darüber, dass die meisten meiner Mitmenschen (meiner Meinung nach) viel zu unkritisch sind. Unkritisch gegenüber allem: Gegenüber den gesellschaftlichen Konventionen. Gegenüber den politischen Systemen. Gegenüber ihrem eigenen Leben, ihren Wünschen und Erwartungen. Gegenüber den Indoktrinationen durch Nation und Religion, je nachdem, wo sie aufwachsen. Gegenüber den übergestülpten Wertesystemen. Gegenüber den vielen Lügen und Unstimmigkeiten in dieser Welt.
Viel zu viele, die ehemals für die Wahrheit aufstanden und stritten, ob damals während der 68er oder zu anderen Zeiten, versanken nach und nach im Sumpf der Angepasstheit. Sie nennen es vielleicht Altersweisheit. Natürlich lernt man aus seinen Erfahrungen. Vielleicht hatten sie aber auch keinen Arsch in der Hose.
Ich blieb mir und meinen Fragen treu. Ich blieb meiner Auflehnung treu. Anpassung niemals im Geiste. Ich werde doch nicht zum Teufel jagen, was mein Menschsein ausmacht. Wenn schon ein Marionettendasein, dann ein kritisches.