E-Mail von der Ex

Eine E-Mail meiner Ex verhagelt mir den Sonntagmorgen. Ich soll ihr bitte einen Brief von der RV nachsenden, der wohl fälschlicherweise an ihre alte Adresse bei mir geschickt wurde. Ich antworte knapp. Danach lösche ich ihre Mail aus dem Posteingang. Allein der Anblick ihres Namens reizt die alte Wunde. Um mein Herz wird`s mir schwer. Natürlich sende ich ihr diesen Brief, sobald er bei mir angekommen ist…, am besten so schnell wie möglich. Wenn ich diese Frau schon nicht ganz aus meinen Erinnerungen tilgen kann, will ich wenigstens jegliche Berührungspunkte mit ihr in meiner Gegenwart und Zukunft vermeiden. Oder anders ausgedrückt: Sie soll bleiben, wo der Pfeffer wächst! … Ich weiß, sie musste wegen dieses verdammten Briefes mit mir Kontakt aufnehmen. Am Besten bereite ich schon mal den Briefumschlag mit ihrer aktuellen Adresse vor.

Im Haus ist alles ruhig. Viele schlafen in den Sonntag hinein. Ich höre Musik aus meiner Mediathek. Der Lieblingsbluessender hat Sendepause. Schon den zweiten Tag. Ich sitze im Düsteren. Die Sonne verbirgt sich hinter einer dichten Wolkendecke. Das Kopfsteinpflaster glänzt feucht. Ich reibe mir die Augen. Sie sind noch verklebt von der Nacht. Ich sitze fest auf einem Ödland. David Bowie singt „Love Is Lost“.

 

Grüße an die Unendlichkeit

Ich bin zwei Parallelen, die sich in der Unendlichkeit schneiden. Ich bin der Mülleimer, der vorige Woche geleert werden sollte und überquillt. Ich bin die Katze in Schrödingers Gedankenexperiment. Ich kam um die Lügen nicht herum. Ich legte meine Liebe fälschlicherweise auf eine Waagschale. Ich verlor die Liebe. Ich sehe mich inmitten auf dem Meer der Einsamkeit. Ich verdurste langsam. Ich lächele. Ich will meine Arme ausbreiten, aber schaffe es nicht. Ich will zu dir, aber du bist zu weit weg.
Ich verlor den Kontakt zur Welt. Ich verlor mich in dem Irrgarten meiner Gedanken und Gefühle. Ich forderte zu viel und gab zu wenig. Ich wurde gerufen und hörte nichts. Ich wollte dich vergessen aber konnte es nicht.
Ich denke mich weit weg. Ich komme nie an.

Brasko und das Lächeln der Freiheit (2)

Der Januar ist nicht gerade mein Lieblingsmonat. Vielleicht wegen dem manifesten Grau in Grau, der Kälte und den kurzen Tagen. Vielleicht auch deswegen, weil der erste Monat des Jahres ziemlich schnell alle Hoffnungen und guten Wünsche, die man für sich und andere hegt, im öden Gleichmut des Alltags erstickt. Schön war es, sich mehr Freiheit zu wünschen, mit dem Gestern abzuschließen und auf einen Neuanfang zu hoffen. Blöd halt, dass es dazu Taten braucht.

Ich befand mich in einer ausgedehnten Phase der Lethargie, als Freedom unerwartet hereinschneite. Vom ersten Moment an verspürte ich in ihrer Anwesenheit den Duft des Frühlings, das Aufblühen der Lebensgeister. Und außerdem war da ihr Lächeln, das mich bezauberte. Am liebsten wäre ich in ihrem Gesicht versunken.
„Mr. Brasko, ich bin bei Ihnen, weil Sie bekannterweise vor ungewöhnlichen Fällen nicht zurückschrecken“, Freedom kratzte sich an der Nase, „und ich bitte Sie in einem seeehr ungewöhnlichen Fall um Hilfe.“
„Was ist nicht ungewöhnlich auf dieser Welt?“ lachte ich, „Allein, dass Sie jetzt hier neben mir auf der Couch sitzen, ist unglaublich! … Legen Sie einfach los – ich bin ganz Ohr.“
„Zuerst sollten Sie wissen, dass ich kein Mensch bin, sondern eine Erscheinung… Ich könnte auch als alter Mann bei Ihnen hocken. Aber ich wählte den Körper einer jungen Frau, um es Ihnen leichter zu machen… Mr. Brasko, schauen Sie nicht so betrübt. Ich bin kein Trugbild. Ich bin so echt wie Sie, aber eben kein Mensch. Ich bin ein Wesen, das zwischen den geistigen und materiellen Dimensionen hin und herreisen kann. Ich bin Freedom, nicht mehr und nicht weniger. Neben mir gibt es ähnliche Wesenheiten wie die Liebe und die Gerechtigkeit – meine schönen Schwestern, wenn Sie so wollen, lach! Löschen Sie den alten Mann wieder aus Ihrem Kopf, Mr. Brasko!
Ich sehe Ihnen die Skepsis an. Gut so. Bleiben Sie skeptisch und glauben Sie nicht alles, was Ihnen gesagt wird. Verlassen Sie sich ganz und gar auf Ihr Gespür…, denn auch Sie sind ein geistiges Wesen und nicht nur Materie. Womit wir beim Problem wären. Die Menschheit steht vor einer elementaren Entscheidung, bzw. Weggabelung: Geht sie den Weg der Freiheit oder wählt sie unwiderruflich den Weg von Gleichschaltung, Bevormundung und Unterdrückung? – Zurzeit sieht es ganz danach aus, als ob die Mehrheit der Menschen bereit ist, ihre Freiheit für scheinheilig abgegebene Sicherheitsgarantien zu opfern…“, Freedom schluchzte: „Und das würde meinen Tod bedeuten.“
„Ähm, Lady, wollen Sie vielleicht jetzt einen Drink?“, fragte ich und legte so viel Sanftmut in meine Stimme, wie mir möglich war.
„Danke, Mr. Brasko… warum nicht.“

   

Heiligabend 2021

…ist ein Pisstag (in Berlin). Ich war noch mal kurz Einkaufen, damit ich am Wochenende nicht auf dem Trockenen sitze. Natürlich war der Nahkauf ziemlich voll. Die Bediensteten trugen Weihnachtsmannmützen. (Oder wie nennt man die noch?) Eigentlich gehöre ich nicht zu jenen, die auf den letzten Drücker vor Feiertagen einkaufen. Aber Einkaufen ist für einen alleine lebenden mehr als nur das Auffüllen seiner Regale und des Kühlschranks. Es bedeutet eine Gelegenheit für echte menschliche Kontakte, auch wenn man dabei nicht viel redet. Man grüßt sich, wird kurz beachtet. Wenigstens ein paar Minuten am Tag. Weihnachten ist mir schnuppe, aber für viele, die ebenso alleine in ihrer Wohnhöhle hausen wie ich, ist diese Zeit besonders deprimierend. Noch schlimmer trifft es die Obdachlosen. Die durch die Corona-Maßnahmen der Regierung hervorgerufene Vereinzelung in der Gesellschaft verschärft die Lage zusätzlich. Eine schöne Bescherung ist das, wenn man sich am sogenannten Fest der Liebe besonders einsam und gesellschaftlich abgewiesen fühlt… Nein, bei mir ist alles noch relativ okay. ich bin seit ewigen Zeiten Weihnachtsverweigerer. Gott sei Dank gibt es keine Weihnachtspflicht.

Der Bürotag war mein Highlight der Woche. Auf meinem Schreibtisch fand ich ein kleines Geburtstagsgeschenk. Das rührte mich. Ich kam sogar mal wieder zu einer Umarmung. Dann führte ich noch ein langes Telefonat mit meiner Bürokollegin (die an dem Tag im Homeoffice arbeitete). Es hatte zwischen uns in den letzten Monaten eine Verstimmung gegeben. Die konnten wir endgültig ausräumen. Sie erzählte mir, warum sie sich kommunikativ zurückgezogen hatte. Es lag nicht daran, dass ich mit der Corona-Impfung auf Kriegsfuß stehe. Es hatte mit anderen Problemen zu tun und Blablabla. Uff! – ich war echt glücklich. In der Mittagspause ging ich raus, holte mir ein Bier bei einem nahen Kiosk (Spätkauf), setzte mich in den Kleistpark und lächelte vor mich hin. Was für eine verrückte Welt!
Die Zeit verging an diesem Tage wie im Fluge. Wie wunderbar ist es doch, sich angenommen und wertgeschätzt zu fühlen! – So sollte es sein zwischen uns Erdenbürgern: nicht gegenseitig aufstacheln lassen, sondern zusammenhalten. Es geht nicht darum, dass man in allen Dingen übereinstimmt. Es geht um Mitgefühl, gegenseitiges Verständnis und Menschlichkeit.  

Allen Bloggern und Lesern schöne Feiertage!

    

Irrgarten der Oberflächlichkeiten

Wir Menschen kleben an der Oberfläche. Das gilt nicht nur für unser Wandeln und Wirken auf der Erde, sondern auch im geistigen und spirituellen Kontext. Unsere Reden sind oberflächlich. Unseren Alltag verbringen wir meist mit banalen, oberflächlichen Dingen. Selbst in Liebesdingen sehe ich oft nur Oberflächlichkeiten. Bereits als junger Mann empfand ich die meisten Menschen um mich herum für äußerst oberflächlich, was ihre Interessen und Gesprächsthemen anging. Auch Menschen, die sich als religiös oder spirituell ausgaben, entpuppten sich bei näherem Hinschauen als oberflächlich. Sie beteten nach, woran sie einen Narren gefressen hatten. Ein tieferes Hinterfragen fand nicht statt.
Diese Pan-Oberflächlichkeit mache ich für die desaströsen Zustände auf der Welt verantwortlich. Wir leben als Egomanen gegen die Natur und auch gegen einen Teil unserer Mitmenschen – den Teil, den wir aus Macht- oder Geltungssucht zu unseren Feinden erklären. Ich verstand nie, warum so wenig unserer Lebensweise hinterfragt wird, egal ob Technokratie, Materialismus, Ideologien, Religionen. Wir kratzen lediglich an der Oberfläche, als hätten wir Angst davor, auf unangenehme Wahrheiten zu stoßen, wenn wir etwas tiefer schürften. Wenn es allerdings um die Ausbeutung von Bodenschätzen geht, sind wir ganz groß im Löcher bohren und buddeln.
Bald sonderte ich mich ab von der oberflächlichen Gesellschaft um mich herum, führte streckenweise ein Zwitter-Dasein, um nicht total zu vereinsamen. Ich war immer auf der Suche nach Seelenverwandten, wenigstens im Ansatz. Mir geht es nicht um eine 1:1-Übereinstimmung. Es braucht nicht vieler Worte. Es reichen Blicke, gemeinsames Lachen und Trauern, Mitgefühl, das sich Wohlfühlen in der Gegenwart des anderen. Auch Gegensätze im Denken oder in der Lebenseinstellung müssen einer Freundschaft nicht im Wege stehen, wenn man eine Metaebene des menschlichen Verständnisses findet. „Leben und Leben lassen“ war die Devise Armins, eines meiner engsten Freunde. Trotzdem trennten sich unsere Wege nach ca. 25 Jahren. Wir waren eher ein ungleiches Paar, hatten recht unterschiedliche Interessen. Aber in seiner Gegenwart konnte ich alles erzählen, ohne mich dafür schämen zu müssen. Ich besuchte Armin gern in seiner Bude, die immer so aussah, als wäre er gerade eingezogen. Wir tranken Bier, standen auf seinem Balkon und redeten allerlei Blödsinn… Ich hoffe, es geht ihm gut, wo er jetzt ist. Seine Spur verliert sich in Hamburg. Er folgte der Liebe.

Ich finde, dass das Leben zu kurz ist, um es fast ausschließlich mit Oberflächlichkeiten und Nachgeplapper zu verbringen. Das ist selbstverständlich nur meine bescheidene Meinung. Jeder Mensch befindet sich auf originär seinem Weg. Wahrscheinlich reicht ein Leben gar nicht, um besonders weit zu kommen – um den Irrgarten, der sich vor einem auftut, ganz zu durchwandern. Sieht so aus, als befände ich mich gerade in einer Sackgasse…