Ich bin mir selbst die schwerste Geburt

Gestern begann das große „Frohe Weihnachten-rutsche gut ins Neue Jahr- (trotz Corona) -und bleibe gesund-Wünschen“ unter den Hühnern. Man kommt aus dem Wünschen gar nicht mehr raus. Selbst ich konnte mich nicht ganz entziehen. Ich gehöre zu den wenigen Hanseln, die die Stellung halten. Wobei ich von den verbleibenden 6 Werktagen 4 im Homeoffice verbringen werde. Das Jahr wird sehr gemütlich ausklingen… Viel Muße zum in der Nase bohren, oder fürs Bloggen. Ich könnte gegen die Leere in meinem Kopf anschreiben. Die moderne Physik lehrt, dass es keine absolute Leere gibt. Das lässt hoffen. Und dann schlummert in meinem Rucksack immer noch Jerofejews „Die Reise nach Petuschki“. Ich schaffte es erst etwa bis zur Mitte, bis zum Kapitel „Frjasewo – Kilometer 61“. Der Ich-Erzähler und ein Mitreisender stoßen gerade auf den großen Dichter und Denker Johann Wolfgang von Goethe an… Im Weiteren philosophieren sie betrunkener Weise übers Trinken. Ich überfliege ein paar Zeilen und merke, dass ich noch zu nüchtern zum Weiterlesen bin. Dumm nur, dass mir, wenn ich das nötige Level hätte, nicht mehr der Sinn nach Lesen steht, meistens jedenfalls. Die Lektüre dieses Schmökers kann also noch dauern, wie so vieles. Da steht z.B. noch dieses angefangene Bild „Eine Taube, die aus dem Bild fliegt, in Puerto de Mogán“ auf der Staffelei… Warum male ich nicht einfach weiter daran? Auf was warte ich?


Ein kurzer Überblick

Frühstück war inklusive. Da musste ich also durch entgegen meiner Gewohnheit, eigentlich nie zu frühstücken. Während ich frühstückte, machten die Damen mein Zimmer. Viel war da nicht zu machen, denn ich bin ein ordentlicher deutscher Jung. Die Wirtsleute waren Italiener, sehr nett. Mir fiel schon am ersten Tag in Greifswald auf, dass es dort sehr viele Italiener gibt. Dafür weniger Türken. Wahrscheinlich mögen die Einheimischen lieber Italiener. Ich frühstückte also in der Pizzeria, die zur Pension gehörte: Zwei Brötchen, eine Ecke Schmierkäse, ein Teil Butter, zwei Scheiben Käse, drei Scheiben Wurst, vier Scheiben Salatgurke, ein Ei und drei Tassen Kaffee. Damit war ich ausreichend gestärkt und zog mich in mein Zimmer zurück. Dort überlegte ich mir bei Morgenfernsehen und ein paar Gläsern Rotwein, was ich den lieben Tag lang zu machen gedachte. Je nach Laune und Wetter legte ich mich schließlich fest: am 1. Tag mit dem Fahrrad nach Lubmin, am 2. Tag mit dem Zug nach Stralsund, am 3. Tag mit dem Fahrrad nach Lubmin, am 4. Tag mit dem Zug nach Stralsund, am 5. Tag mit dem Fahrrad nach Lubmin, am 6. Tag mit dem Zug nach Hause.
Also jeden Tag was anderes. Und niemand sollte sagen, dass ich die ganze Zeit auf der faulen Haut gelegen hätte. Die Tour nach Lubmin war nicht ohne, hin und zurück ca. 60 Kilometer, je nach der Route, die ich nahm, ein paar Kilometer mehr oder weniger, und auf der Rückfahrt immer fuckin` Gegenwind.
Lubmin ist ein kleines Seebad mit wenig Touristik. Ich fand schnell meinen Lieblingsplatz am Strand, wo ich aufs Meer blickte, Bier aus dem Supermarkt trank und las. Endlich schaffte ich Jörg Fausers „Das Schlangenmaul“. Bald ein Jahr lang trug ich diesen kleinen an sich nicht schlechten Detektivroman mit mir herum. Meine Leselust in den letzten Jahren nahm kontinuierlich ab. Ich führe es auf meine kognitiv anstrengende Arbeit als Tumordokumentar zurück. Da habe ich nach Feierabend die Schnauze voll von Buchstaben. Schade eigentlich. Nun konnte ich also mit der nächsten Lektüre in Stralsund beginnen, vor einer Hafenkneipe sitzend: Wenedikt Jerofejews „Die Reise nach Petuschkin“. Erster Eindruck: köstlich!
Nach meinen Ausflügen nach Lubmin und Stralsund setzte ich mich am frühen Abend in Greifswald an den Ryck. Am Ufer waren jede Menge Fress- und Trinkstände, und ich ließ mich auf die zum Wasser hin abfallenden Steinstufen nieder, streckte meine müden Glieder aus, beobachtete die Menschen, darunter viele Studenten, die Boote und Jachten und die Kulisse der gegenüberliegenden Altstadt.

So weit ein kurzer Überblick meiner Urlaubs-Unternehmungen.

 

 

Ohne Bukowski nach Kopenhagen

Seit Monaten trage ich einen Gedichtband Bukowskis in der Tasche mit mir rum. Er hat den sympathischen Titel „Alle reden zu viel“. Ich gehe nicht gern ohne Buch aus dem Haus. Es könnte doch sein, dass ich unterwegs lesen will. Früher las ich tatsächlich viel in Kneipen, Cafés, im Biergarten oder auf einer Sommerwiese. Heute doch wesentlich weniger, aber die Angewohnheit blieb. Na ja, für ein paar Gedichte Bukowskis reicht`s schon noch. Ich nehme mir oft vor, dass ich wieder mehr lesen sollte. Was man sich nicht alles vornimmt, und die Jahre vergehen…
Vielleicht jetzt im Urlaub. Ich erinnere mich noch gut an die ein oder andere Reiselektüre, wie sie mir über die Tage half, wenn ich alleine unterwegs war. Das tagelange Alleinsein stellt selbst für einen Eigenbrötler wie mich eine gewisse Herausforderung dar. Ein Buch kann zu einem guten Reisegefährten im Geiste werden. Was will ich mir also für meine unmittelbar bevorstehende Reise zu lesen mitnehmen? Nein, Bukowski eher nicht, lieber einen Autor, den ich noch nicht kenne…, z.B. Hunter S. Thompson „The Rum Diary“ ( – steht schon länger auf meiner Wunschliste).
Übermorgen starte ich. Eine Fahrradreise von Berlin nach Kopenhagen. Ich spüre bereits das Reisefieber. Kaum zu glauben, wie schnell der Urlaub plötzlich vor der Tür stand. Ein halbes Jahr im neuen Job. Leicht fällt mir diese Tumordokumentation immer noch nicht. Trotzdem – die Probezeit geschafft, wieder eine Etappe abgehakt. Nun drei Wochen ganz was anderes: kein Büro, kein Computer, keine Tumorfälle, keine gackernden Hühner…, raus aus dem stickigen, lärmenden Berlin: nur frische Luft, der Weg, mein Fahrrad, jede Menge Natur, schöne Ausblicke, Sonne, Strand und Meer.
Zuerst geht`s quer durch Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern nach Rostock, mit der Fähre rüber nach Dänemark und dann die Küste entlang bis Kopenhagen. Summa summarum 700 Kilometer. Keine ganz kleine, aber auch keine große Tour. Ich plane etwa zwei Wochen ein. Danach bin ich bestimmt mega-satt an Reiseeindrücken. Außerdem werde ich mich auf mein Bett freuen.

Allen bis dahin eine gute Zeit!