Tut das not?

Heute wird der im Stadtteil Kreuzberg liegende Heinrich-Platz feierlich in Rio-Reiser-Platz umbenannt. Das Programm startet 17 Uhr. Ton Steine Scherben (oder was davon übrig ist) sollen dort am Abend aufspielen. Kurz dachte ich daran hinzugehen. Aber wenn ich mir Claudia Roth und die anderen hauptstädtischen Kulturlaffen vorstelle, die dort anwesend sein werden, vergeht mir die Lust. Ich googelte dazu im Internet. „Rio hätte sicherlich nichts dagegen“, sagte sein Bruder in einem Interview. Außerdem erfahre ich, dass Claudia Roth Ton Steine Scherben 82-85 managte. Mist! – manches will ich gar nicht wissen! Ich nahm damals Rio Reiser und Ton Steine Scherben als Künstler/Rockmusiker wahr, die ganz klar gegen das Establishment und die Staatsgewalt zu Felde zogen. Also nicht, dass sich Rio Reiser in seinem Grabe umdreht… Die Grünen verraten seit vielen Jahren die Ideen und Haltungen, welche sie sich damals bei ihrer Gründung auf die Fahnen geschrieben hatten. Die aktuellen grünen Politiker sind in meinen Augen die größten Wendehälse vorm Herrn (zu 150% im Establishment angekommen).
Lieber höre ich mir gleich mal ein paar alte Rio Reiser-Songs an, als zu dieser Veranstaltung der Superheuchler zu gehen.

„… dieses Land ist es nicht!“

Dienstreise

Die Dienstreise führte mich in die Gneisenaustraße. Als betrieblicher Ersthelfer benötigte ich einen Erste Hilfe Grundlehrgang, 9-stündig. Ich wählte eine Ausbildungsstätte des Arbeitersamariterbundes in Kreuzberg. Mit dem Fahrrad ein Katzensprung. Vorbildlich war ich wie verlangt bereits eine Viertelstunde vor Beginn vor Ort. Der Kursraum lag im Erdgeschoss direkt an der Straße. Peu à peu trudelten die anderen ein, 13 an der Zahl, wenn ich mich nicht verzählte. Ich hätte noch genug Zeit für einen Drink gehabt, ärgerte ich mich. Die Tische waren in U-Form angeordnet. In der Mitte sollten die praktischen Übungen stattfinden. Zwei junge Rettungssanitäter, geschätzt Mitte Zwanzig, wechselten sich im Vortrag ab. Sie machten ihre Sache gar nicht schlecht, auch wenn ich mir eine erfahrenere Kursleitung gewünscht hätte. Nun gut, ich betrachtete den Lehrgang wie wohl die meisten als notwendige Pflichtübung. Natürlich ist`s auch nicht schlecht, wenn das ein oder andere wiederaufgefrischt wird. Gefühlt befand ich mich bereits im Urlaubsmodus. Am meisten nervten mich die praktischen Übungen – da musste man sich dann auch noch nahekommen. Mein Sitznachbar war ein bärtiger Türke, Mitte Vierzig – schwer zu schätzen. Er war mir angenehm in seiner ruhigen Art. Jedenfalls besser als der fette Typ im Jogginganzug, der auch zur Auswahl stand.
Was man nicht alles macht, dachte ich, als ich mich auf die silbern glänzende Rettungsdecke niederließ… Ob das alles noch so klappt, wenn man dann wirklich an einem Unfallort auf einen Bewusstlosen oder Verletzten trifft? Seeehr fraaaglich… Wie war das verflixt nochmal in dem Kurs vor zehn Jahren? Nein, halt! falls ich in der Pflicht des betrieblichen Ersthelfers bleibe, muss ich den Kurs alle zwei Jahre wiederholen. Das Zertifikat ist zeitlich begrenzt, was freilich Sinn macht. So weit im Voraus denke ich aber nicht. Was weiß ich, was in zwei Jahren ist? 2021 liegt unfassbar weit vor mir. Bis dahin muss ich erstmal überleben…
Okay, solche Lehrgänge zeigen einem nur, wie es am besten ablaufen sollte in einer Notfallsituation. Ich finde, man könnte das Ganze mehr aufs Wesentliche komprimieren. In neun Stunden wird niemand zum Rettungssanitäter. Man merkte, wie die zwei Jungs in ihrem Fach leben, und darauf können sie auch wirklich stolz sein. Als ich in ihrem Alter war, hing ich den ganzen Tag in meiner Stammkneipe ab, spielte Billard, zockte an der Theke und soff mich ins Delirium. Die Jungs waren fit, und sie hatten Eier in der Hose. Wer schon mal vor einer Gruppe wildfremder Menschen stehen und zu einem Thema referieren musste, weiß, was ich meine. Absolut nicht mein Ding. Angeblich kann man das üben. Aber warum soll ich was üben, wogegen sich alles in mir sträubt?
Gegen 16 Uhr hatten wir`s hinter uns, eine Stunde früher als veranschlagt. Schön, das habe ich dann auch abgehakt. Ich schwang mich aufs Fahrrad und fuhr über den Bergmannkiez zurück. Die Luft roch gut. Endlich! Der lange herbeigesehnte Urlaub war Gegenwart!

Donnerstag

Der Himmel strahlt blau zwischen den Hausdächern. Ich nahm mir für heute kurzfristig einen Tag Urlaub. Einfach so. Wieso nicht den Freitag, oder noch den Freitag dazu? wurde ich von meinen Kollegen/Kolleginnen und auch von O. gefragt. Was für eine Frage?! Ich brauchte einfach diesen Tag. Überhaupt wäre die Woche im Büro erträglicher mit einem Tag Frei dazwischen. Wegen mir auch der Mittwoch.
Zurzeit ist der Krankenstand hoch. Umso mehr fehlen, desto besorgter aber auch freundlicher tritt die Chefin auf. Jedenfalls empfinde ich`s so. Sie meinte: „Hauptsache, Sie kommen zurück. „Na klar“, grinste ich roten Kopfes, „ich werde nicht weit weg gehen…“
Ich hatte meine Bitte um den Tag Urlaub damit unterstrichen, dass ich etwas Dringendes erledigen müsse. Freilich eine Lüge.
Ich habe vor, zum Frisör zu gehen, und danach eine Runde mit dem Fahrrad nach Kreuzberg. Dort ist eine Kneipe, die mir gefällt, und ein Shop, in dem es schöne Hanf-Shirts gibt. Ich mag die Ecke Oranienstraße/Heinrichplatz. Man entwickelt so seine Vorlieben. Meist einem Zufall geschuldet. Ob ich in diese Szene nun passe oder nicht – egal. Alle paar Wochen zieht es mich dorthin.

Ein schöner Tag für alles, denke ich. Aber erst muss ich die Wäsche aufhängen.