Der Hirsch auf dem Fahrrad

Nach dem Nachmittagseinkauf im Supermarkt und ein paar Bierchen im Pub holte ich gestern auf dem Nachhauseweg eine Paketsendung ab. Ein Kiosk, nur ca. 200 Meter von meiner Wohnung entfernt, dient auch als DHL-Filiale. Es war bereits dunkel. Eine schwere kalte Feuchte lag in der Luft. Der Kioskbesitzer, ein Türke, kennt mich schon. Ich muss meinen Ausweis nicht mehr zeigen. Wir gehen nett miteinander um. Ich mag das. Wie es in den Wald hineinschallt, so schallt es heraus. Überhaupt mag ich solche Begegnungen der Vertrautheit. Im Pub, an der Kasse im Supermarkt oder anderswo. So freue ich mich im Büro jeden Tag auf meine Mittagspause, die ich regelmäßig in der „Kupferkanne“ verbringe, einem Lokal, dass ich mit dem Fahrrad in fünf Minuten erreiche. Fast immer entwickelt sich mit der Wirtin ein kleiner Plausch über dies und das. Das sind Wiederholungen, die ich aufgrund der menschlichen Wärme und der Zwanglosigkeit genieße. Wenn ich dann zurück ins Büro komme, bin ich relativ entspannt.
Ich stieg also auf mein Brompton, hielt das Päckchen in einer Hand und lenkte mit der anderen. Das kann schon mal wacklig werden, zumal ich das Kopfsteinpflaster hinüber auf die andere Straßenseite überqueren musste. Und Zack! war es passiert. Ich saß am Straßenrand auf meinem Hosenboden. Shit! Eine zufällig vorbeikommende Radfahrerin hielt an und fragte: „Alles in Ordnung? Soll ich Ihnen helfen?“ „Nein, alles in Ordnung“, antwortete ich schnell und dachte: Sehe ich so hilfsbedürftig aus?? Ich hatte mir bei dem Sturz nichts getan. Trotzdem fragte diese nette Frau dreimal nach, bis sie ihre Fahrt fortsetzte. Ich rappelte mich hoch. In mir gemischte Gefühle. Zum einen war ich von dem Gedanken angekackt, dass mir die Frau derart hartnäckig ihre Hilfe anbot. Zum anderen dachte ich bereits kurz nach diesem Vorfall: Verdammt! – hätte ich sie doch helfen lassen… Wer weiß, was daraus entstanden wäre? Wiedermal fehlte es mir an Spontaneität. Mein männlicher Stolz stand mir im Weg. Sie war nett und sah nicht übel aus.
Die letzten Meter bis zur Haustür bewältigte ich ohne Sturz. Ich zog mich bis auf die Unterwäsche aus. Keine Schrammen und Blutergüsse, keine Schmerzen. Ich packte das Päckchen aus: ein Poster, das ich vor ein paar Tagen bestellt hatte. Fürs Büro. Darauf ein Hirsch auf einem Fahrrad.

 

Die Straße

Was für ein knackig blauer Himmel über den Dächern! Ich traue mich gar nicht hinzuschauen. Gott sei Dank steht die Sonne zu tief, um direkt in die Bude zu scheinen. Ich befinde mich noch zu sehr im Erkältungsbluesmodus. Ich muss mich an die ungewohnte Helligkeit erst herantasten.

Nebenbei: Endlich mal ein Blick aus dem Fenster ohne geparkte Autos! Sieht gleich ganz anders aus. Parkverbotsschilder säumen den Straßenrand. Sehr wahrscheinlich werden sie im Laufe des Tages das Herbstlaub wegsaugen. Schade, dass die Litfaßsäule weg ist. Dafür stehen überall auf dem ausladenden Bürgersteig E-Scooter herum.

Sehr ungewohnt, zu Zeiten in der Bude zu hocken, wo ich mich sonst durch den Büroalltag schlage. Ich erinnere mich an das Schwänzen des Unterrichts zu Schulzeiten. Ein Stück Freiheit grinste mich an solchen Tagen an. Sehr schön zum Träumen. Rückblickend würde ich sagen, dass ich mein Leben verträumte. Vor allem, was die Liebe angeht. Schön war`s trotzdem. Also manchmal – bevor mir die Realität einen bitterbösen Strich durch die Rechnung machte. Ich befand mich abwechselnd auf beiden Seiten der Straße. Auf der Opfer- und Täterseite.
Einen Heiligenschein habe ich in Sachen Liebe sicher nicht. Auch sonst nicht.
Mein Leben war zwischenzeitlich like Kopfsteinpflaster.

 

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Durchgeschüttelt

Ich schaffte es, während meiner Reise (12 Tage) keinen Bissen zu essen, – ernährte mich ausschließlich von Säften, Wodka, Bier und Rotwein. Es fiel mir nicht besonders schwer. Nach wenigen Tagen ist das Hungergefühl weg. Da ich viel schwitzte, musste ich hauptsächlich für sehr viel Flüssigkeit sorgen. Abends war ich so geschlaucht, dass ich mich mit einer Flasche Roten ins Zelt legte und mit meiner Lieblingsmusik in den Ohren dahindämmerte…
Eine sehr gute Anschaffung vor meinem Reiseantritt war der Kauf einer Urinflasche. Die Zeltnächte verliefen dadurch viel entspannter. Denn, was man tagsüber wegsäuft, muss schließlich wieder raus.
Inzwischen wurde ich, was das Essen angeht, rückfällig. Zuhause ist es eben etwas anderes. Eigentlich wollte ich noch die Tage, bis ich wieder arbeiten muss, durchhalten.
Mein Gott, wie schnell die Tage verflogen – wie im Rausch (lach!).
Ich lernte unterwegs alle Arten Kopfsteinpflaster und Panzerplatten kennen. Mein Gehirn wurde durchgeschüttelt wie ein Cocktail im Mix-Becher. Aber es nahm keinen Schaden… Ist halt ein Qualitätshirn. Wie auch meine Ausrüstung, hauptsächlich Fahrrad und Zelt, dank ihrer Qualität durchhielten. Wo war ich stehengeblieben? Ach ja, die Wege. Die Wege waren beschissen in Polen: Kies- und Schotterwege, steinige und sandige Waldwege, Landstraßen mit unzähligen Schlaglöchern… Es schüttelt mich immer noch, wenn ich dran denke. Dann und wann ließen sich die verkehrsreichen Landstraßen nicht vermeiden. Oft waren es endlose Alleen. Wie ein Affe auf dem Schleifstein radelte ich an den (unbefestigten) Straßenrand gepresst, die Sinne hellwach, Kilometer für Kilometer… Wirklich gute Wege, auf denen ich entspannen und die wunderbare Natur um mich herum genießen konnte, gab es wenig. Einer davon führte mich in der Hitze des Nachmittags von Krokowa nach Swarzewo an die Danziger Bucht, wenige Kilometer unterhalb der Halbinsel Hel. Danzig lag in Schlagweite. Ich war so gut wie am Ziel. In die Notiz-App meines Smartphones schrieb ich: „Das Ziel erreicht zu haben, ist irgendwie nichts Besonderes mehr, wenn man dort ist.“