Ungewissheiten aushalten

… ist ein No-Go in einer Technokratie.
Wissenschaftler träumen von der Weltformel. Der Staat träumt von der absoluten Kontrolle über die Bürger. Die Bürger ihrerseits träumen von garantierten Sicherheiten in allen Lebenslagen, ewiger Gesundheit und Wohlstand. Die Ingenieure träumen von Technologien, die Unmögliches schaffen.
Und alle glauben daran, dass sie ihren Träumen näherkommen. Man müsse nur an gewissen Stellschrauben drehen, einige Verbesserungen vornehmen, die richtigen Maßnahmen ergreifen und das ein oder andere noch erforschen. Früher oder später werde man Herr der Lage sein. Wer daran zweifle, der stehe nur im Weg.
In den Geschichtsbüchern können wir von Zeiten lesen, als Menschen anderen Glaubens verfolgt, ausgegrenzt und ermordet wurden. Die Religionsfürsten hatten damals das Zepter in der Hand. Heute sind es die Herrscher über Kapital und Kommunikation, die meinen, die Geschicke der Menschheit lenken zu müssen. Sie beenden das Zeitalter der Aufklärung und erklären Wirtschaft, Technologie und Wissenschaft zur neuen Religion. Man habe den Stein der Weisen gefunden. Auch die letzten Ungewissheiten würden ausgeräumt werden. Die Menschheit sähe einer segensreichen Zukunft entgegen, einer Zukunft ohne Krieg, Krankheit und Armut. Allerdings müsse man vorher noch eine Zeit lang die Arschbacken zusammenkneifen sowie die hartnäckigen Zweifler beseitigen. Das sei angesichts der großartigen Aussichten hinzunehmen.
Also mir ist es lieber, einige Ungewissheiten auszuhalten, mit Ungewissheiten zu leben, als in eine perfekte Welt verschraubt zu werden. Ich falle auf ihre Verführungen und Scheinheiligkeiten nicht herein. Ich bin einer jener Zweifler, die ihnen im Weg stehen. Ich träume von einer Welt, in der kein Mensch über einen anderen herrscht. Ich träume von einer friedlichen Zwiesprache mit Himmel, Erde und allen Mitgeschöpfen. Ich träume von einem Meer der Freiheit und dem Glück in einer lauen Sternennacht… Bastelt euch meinetwegen eine perfekte Welt. Ich lehne dankend ab.

Kehre erstmal vor der eigenen Tür

In der Nacht der angekündigte heftige Regen. Die Luft strömt frisch in die Wohnung. Die Sonne blinzelt in den Samstagmorgen. Mein Lieblingsinternetsender spielt dreckigen Bluesrock. Auf der Welt greift die Kontroll-Mania um sich. Natürlich alles nur zu unserem Besten. Woher kommt eigentlich die Idee, dass der Staat seine Bürger wie kleine Kinder erziehen muss? – Wenn du nicht artig bist, kriegst du Hausarrest! Oder: Wenn du dich brav impfen lässt, kriegst du zur Belohnung eine Bratwurst. Der Staat dringt in Bereiche ein, wo er meiner Meinung nach nichts zu suchen hat. Neuerdings droht er denen, die als aufgeklärte kritische Bürger von ihrem Demonstrationsrecht Gebrauch machen, sogar mit Haue. Nein, der Staat droht nicht nur, er setzt seine Drohungen um. Das fiel nun auch dem UN-Sonderberichterstatter über Folter und andere grausame, unmenschliche und erniedrigende Behandlung, Nils Melzer, auf. Er bittet die Bundesregierung um eine Stellungnahme hinsichtlich der Polizeigewalt am 01. August in Berlin.
Das, was wir allzu gerne an anderen Staaten kritisieren, nämlich Gewalt gegen Andersdenkende, passiert direkt vor unserer Haustüre. Wie heißt es so schön: Kehre erstmal vor der eigenen Türe

Ach ja, in sieben Wochen ist Bundestagswahl. Kaum jemand redet darüber. Ich höre nur: Vierte Welle und Impfen, Impfen, Impfen! Dann lieber Olympia gucken. Zur Ablenkung. Und ein paar Drinks dazu. Nein, ich sage nicht, dass es früher unbedingt besser war. Damals soff ich auch schon… Ich verstehe die Welt nicht. Ist man als friedliebender Mensch ein Fantast? Ist Freiheit mal wieder aus der Mode?