Büro, Büro, Büro

Inzwischen ist geklärt, wer zu mir auf den frei gewordenen Platz ins Büro kommt. Eine liebe Kollegin, die ich bereits von der Fortbildung zur Tumordokumentation kenne. Sie fühlte sich auf ihrem Arbeitsplatz im Krankenhaus nicht wohl und stieß etwas später zu uns. Es war ihr Wunsch, zu mir umzuziehen – ich mag sie auch: sie hat ein herzliches Lachen und ein offenes Gesicht. Allerdings ist sie sehr ehrgeizig… und halst sich gern mal mehr Aufgaben auf, als ihr guttun. Nein, ich habe keine Sorge, dass ihr Ehrgeiz auf mich überschwappen wird. Vielleicht kann ich sie etwas bremsen. Jedenfalls hätte ich es schlechter erwischen können. Natürlich könnte ich mich mit jedem anderen auch arrangieren, aber Uli ist mir von allen so ziemlich die liebste. Ich glaube, dass wir viel zusammen lachen werden.
Die letzten Wochen war ich wegen der Weiterbildung vorwiegend im Büro. Nun will ich wieder zurück ins Homeoffice – solange Corona bedingt die Möglichkeit besteht. Ich habe aber vor, wenigstens zwei Bürotage pro Woche einzulegen. In Gesprächen mit den Hühnern hörte ich immer noch ein wenig Missgunst heraus, zumal bei jenen, die einen längeren Arbeitsweg haben. (Oder denken sie: Er ist lieber zuhause als bei uns.) Es will nicht in die Hühnerschädel hinein, dass gerade ich mit dem kürzesten Arbeitsweg von allen einen Homeoffice-Arbeitsplatz angeboten bekam. Shit happens. Oder in diesem Fall: Corona happens. Bin halt ein alter Sack und gehöre aufgrund einiger gesundheitlicher Parameter zur sogenannten Risikogruppe.

Über was man sich nicht alles einen Kopp macht: Eifersüchteleien, Bevorteilungen, Getuschel, Bürointrigen, Beeinflussung, Bevormundung, Machtkämpfe, Anschwärzen beim Vorgesetzten, Kontrolle, Mobbings…
Die kleine Welt des Büros, insbesondere die Hühnerwelt…, aber ich mag die Hühner, wie sie sind, und hoffe, sie spüren das.

 

Wohin geht die Reise?

Mal sehen, was Sabine so treibt. Ich meine das Sturmtief. Am Nachmittag soll es in Berlin ungemütlich werden. Bisher verzeichne ich sowas wie die Ruhe vorm Sturm. Die Zweige an den Stadtbäumen weitgehend stoisch, und die Sonne scheint zu mir in die Bude. Ich schiele nach oben und erhasche ein Stück Himmel: schon leicht eingetrübt das Blau. Eigentlich wollte ich wenigstens heute vor die Tür gehen, nachdem ich gestern Nachmittag auf der Couch versackte. Ich gab meinem Appetit nach und kochte mir Pellkartoffeln. Die verputzte ich mit Quark, Gurkensalat und Matjesfilets. Im TV lief auf „ONE“ die Uraltserie „Bezaubernde Jeannie“. Köstlich! So ein Flaschengeist wäre ab und zu was Feines, nicht um mich materiell zu bereichern, sondern um von einem Moment auf den anderen am Meer zu sein oder an einem anderen reizenden Ort der Erde. Ich würde mich jedes Wochenende woandershin zaubern lassen und erst Montag früh zurück direkt an den Arbeitsplatz. Damit entginge ich auf fabelhafte Weise der Öde zuhause.
Es ist jedes Mal dasselbe: Kaum habe ich das WE für mich eingeläutet, steht bereits wieder die nächste Arbeitswoche vor der Tür. Und was habe ich gemacht? Ich gammelte zwei Tage herum, erlebte nichts neues, wechselte bestenfalls im Pub ein paar Worte mit dem Wirt oder einem Gast.
Der schönste Moment ist immer Freitag, wenn ich in den Feierabend gehe. Hauptsache, zwei Tage ausschlafen dürfen und nichts von Tumoren und Dokumentation sehen und hören. Sowieso hasse ich an der Erwerbsarbeit die Unfreiheit, die man in Kauf nehmen muss, um sich in dieser Gesellschaft halbwegs über Wasser zu halten. Dieses Tretmühlendasein macht mürbe. Ich denke, das ist der Grund, warum viele die Rente herbeisehnen, u.a. meine Bürokollegin, die nach langem Krankenstand endlich zurück ist. Vier Monate hat sie noch. Ich bin mir nicht sicher, ob sie`s schafft. Natürlich ermutige ich sie, wo`s nur geht… Sie ist schon speziell mit ihren Zwängen und Ängsten – seufz.
Apropos Krankenstand: der ist nach wie vor erstaunlich hoch bei uns. Ende letzter Woche waren von dreißig Dokumentaren gerade mal ein halbes Dutzend übrig. Witzelnd sagten wir untereinander „Zehn kleine Negerlein“ in Anlehnung an das Kinderlied. Tja. Ich weiß auch nicht, woran es genau liegt. Die Schwelle, sich krank zu melden, scheint bei den meisten von uns sehr niedrig zu sein. Faktoren sind sicher lange Arbeitswege, geringe Wertschätzung, mangelnde Motivation, die Frage „Wohin geht die Reise?“, ungenügende Kommunikation zwischen Leitung und Fußvolk, Komplexität von Thematik und Struktur…
Alles nicht so einfach, wie meine geschätzte Bürokollegin zu sagen pflegt.

Noch immer scheint die Sonne. Kein Anzeichen von Sabine. Bei genauerem Hinsehen: die Unruhe im Geäst der Stadtbäume steigt. Vielleicht auch Einbildung.
Die Waschmaschine läuft. Ich höre nebenbei meinen Lieblingsbluessender. Die Sonntagslethargie schwappt mir entgegen. Ich grinse blöde.

 

Eiszeit

Die Woche zog sich wie Kaugummi. Ich war in keiner guten Verfassung. Noch nicht ganz genesen von der schweren Erkältung. Ich schleppte mich durch die Arbeitstage. Der Platz gegenüber nach wie vor leer – meine Bürokollegin seit Oktober krankgeschrieben. Ich vermisse sie. Wir hatten uns ganz gut aufeinander eingestellt. Fast befürchte ich, dass sie vor ihrem Renteneintritt Juni 2020 nicht mehr erscheinen will. Nun fehlt mir der direkte Ansprechpartner, mit dem ich zwischendurch quatschen und lachen aber auch über Kümmernisse reden kann.
So verbrachte ich also sehr viele einsame Stunden vorm Computer mit einer relativ stumpfsinnigen Arbeit. Da halfen auch nicht die Besuche der Hühner. Die Zeit wollte nicht vergehen. Kein einziges Mal nach Feierabend war ich im Pub. Mir fehlte einfach die Energie. Einziger Trost: Es war meine letzte Arbeitswoche 2019!
Geschafft! Wieder ein Lebensjahr abgehakt… und in wenigen Tagen auch das Kalenderjahr. Die Bilanz fällt trocken aus: Vielleicht eine Idee besser als 2018. Die Trennung von O. hängt mir schwer nach. Man kann das mit der jahrelangen Verdunklung der Erde durch einen heftigen Vulkanausbruch vergleichen. Es entsteht eine kleine Eiszeit… but life must go on.
Zwei freie Wochen liegen vor mir. Ich darf mich frei von irgendwelchen Verpflichtungen durch die Tage schleppen. Weihnachten ist mir scheißegal. Silvester ist mir scheißegal. Das einzige, was mich interessiert, ist, dass es bald wieder heller und wärmer wird. Erstmal meteorologisch und dann vielleicht auch in meinem Leben.

 

So ist er

Meine Bürokollegin zieht mich bei jeder sich anbietenden Gelegenheiten damit auf, dass ich jeden erstmal in Schutz nehme. Sie dagegen hetzt schon mal gern gegen andere Hühner, weil die aus ihrer Sicht schlecht arbeiten. Vielleicht kann sie das aus ihrer Erfahrung heraus besser beurteilen als ich. Ich rutsche dann schnell in die Position, dass ich sage „Jeder macht mal Fehler“ oder „Vielleicht hatte sie einen schlechten Tag“ oder „Sie macht das doch nicht absichtlich“. Dass meine Kollegin nicht nur sachlich, sondern vor allem emotional wertet, merke ich daran, dass sie sich über den Mist, den ich baue, nicht aufregt – im Gegenteil findet sie noch vor mir Entschuldigungen für meine Fehler. So nimmt sie jene Personen in Schutz, die sie mag, kritisiert aber übermäßig jene, die nicht zu ihrem Dunstkreis gehören.
Ich mag eine solch sympathiegeleitete Grüppchenbildung am Arbeitsplatz nicht. Sowas schafft nur Unruhe und Feindschaft. Muss das eigentlich sein, dass es in größeren Gruppierungen immer diese Aufspaltungen mit den damit verbundenen Animositäten gibt? Wenn ich merke, dass Vorurteile mit im Spiel sind, steuere ich automatisch dagegen. So war ich schon immer. In der Schule hielt ich zu den Außenseitern, wurde zwischenzeitlich selbst zu einem. Aber ich biss mich irgendwie durch. Zum regelrechten Mobbing-Opfer wurde ich nie. Im Großen und Ganzen habe ich das Gefühl, dass man mich als Person meist respektiert.

Ab und zu redet man auf Arbeit auch mal über gesellschaftliche Themen. Gabi, echt Berliner Schnauze und von uns geachtete Kollegin, war gerade zum Plausch. Es ging um die Flüchtlinge, die nach Europa und insbesondere nach Deutschland strömen, und ich machte meiner Meinung Luft. Ist es nicht unsere christliche und zivilisatorische Pflicht, Menschen in Not Asyl zu geben? Stattdessen nehmen wir es hin, dass diese Menschen an den europäischen Außengrenzen abgewiesen oder unter dubiosen Umständen zurückgebracht werden. Wir nehmen es hin, dass jeden Tag Menschen quasi vor unserer Haustür im Mittelmeer ersaufen. Was ist nur mit unseren Werten?
Meine Kollegin und Gabi schauten sich kurz an und lachten. „So ist er“, meinte meine Kollegin lapidar. Ich schwieg und setzte meine Tumordokumentation fort. Alles Todesmeldungen.

 

Bevor der Staffelstab an den Herbst geht

Die letzten knallheißen Tage für dieses Jahr – dementsprechend wird im Brutofen Berlin einiges los sein, ebenso in den Schwimmbädern und an den Badeseen. Selbst habe ich noch keinen Plan. Die Fuckparade (unkommerzielles Gegenkonzept zur Loveparade) ist mir zu viel Krach. Beim Bürgerfest im Bellevue (Tag der offenen Tür bei Bundespräsident Steinmeier) geht`s bestimmt gesitteter zu. Roland Kaiser mit Band als Highlight des Musikprogramms (würg!) … dann noch Gayle Tufts und Apocalyptica. Himmel und Hölle, was `ne Zusammenstellung! Da besorg ich`s mir lieber selbst im Biergarten oder im Park mit Ohrstöpseln im Ohr. Dazu eine unanstrengende Lektüre (aus Mangel an einer unanstrengenden Frau).

Die Woche im Büro verging verhältnismäßig schnell. Ich bin froh, dass ich zwei Tage Pause von meiner Kollegin habe. So sehr ich sie schätze, aber sie gehört mit ihren Eigenheiten zum Typus „anstrengend“. Mamma Mia, das Leben mit einer solchen Frau wäre eine Katastrophe!
Sowieso ein paar Jahre zu alt für mich. Aber muss schon sagen: sie hat sich gut gehalten. Mitte nächstes Jahr geht sie in Rente und kann es kaum abwarten. Ich gönne es ihr.

Gestern nach Feierabend im Pub das Wochenende begrüßt. Eine Gruppe junger Männer* saß draußen am Tisch. Drinnen war außer den üblichen Freitags-Besoffenen nicht viel zugange. Dafür schallte der Lärm der draußen sitzenden Runde geballt ins Lokal. Die Bedienung total echauffiert.
„Vorhin war es noch viel schlimmer…“, erzählte sie und beugte sich zu mir vor. Ich konnte gar nicht anders, als ihr in den Ausschnitt zu schauen. Es gefiel mir, was ich sah. „Bei dem Wetter natürlich besonders schweißtreibend“, meinte ich verständnisvoll.
Die Jungs draußen ließen in ihrer Trinkseligkeit nichts anbrennen. Ich war abgespannt von der Arbeitswoche. Das Geschrei und laute Gelächter machten mich mürbe. Nach den obligatorischen drei Bier nahm ich meinen Rucksack mit den Einkäufen und verdrückte mich nach Hause.

 

*junge Männer, das heißt zwischen Dreißig und Vierzig

Letzter Urlaubstag

Der Urlaub war derart intensiv, dass ich nur wenig ans Büro und die Hühner dachte. Ich finde es irreal, dass ich morgen wieder an meinem Schreibtisch sitzen werde, mir aus dem Panzerschrank einen neuen Stapel Tumorfälle greife… Wenigstens eine kurze Woche für mich. Hoffentlich hat sich meine Kollegin wieder gefangen und ist aus dem Krankenstand zurück, so dass ich nicht alleine im Zimmer hocke. Ich spürte, dass sie irgendwas ausbrütete. Mehr psychisch. Sie ist keine einfache Person… Die angesagte Hitze wird uns ganz schön zu schaffen machen. Ich sollte mich morgens sputen, damit ich möglichst früh auf Arbeit bin. Bis in den späten Nachmittag am Schreibtisch zu schwitzen, ist kein Vergnügen – das habe ich noch gut vom letzten Sommer in Erinnerung.
Also wieder ran an den Speck, – d.h. Krebs!
Mir bleibt, am letzten Urlaubstag zu relaxen und früh ins Bett zu gehen. Zum Frisör wollte ich noch, die restlichen Zloty zurückwechseln, umgerechnet 10 Euro. Mein Bedarf an Polenreisen ist für dieses Jahr gedeckt.

1. Mai

Der Mai beginnt kühl und pissig. Gestern nach dem Büro noch etwas Sonne abgeschöpft. Sie haben den Biergarten erweitert. Schön – ich mag es nicht beengt.
Im Büro läuft alles wie gehabt. Meine Kollegin ist aus ihrem Osterurlaub zurück. Sie machte ein paar Tage Wellness. Ich freute mich, dass sie wieder da war – trotzdem ging sie mir zwischenzeitlich gehörig auf den Sack. Sie hat ihre genauen Abläufe. Nichts darf dazwischenkommen. Überhaupt ist sie in allem sehr akribisch, was zumindest bei unserer Arbeit keine schlechte Eigenschaft ist, – nur stoße ich mich an der scheiß Penetranz des Ganzen! Jeden Tag dasselbe Prozedere, wenn sie ankommt. Bis sie sich an ihrem Arbeitsplatz eingerichtet hat, vergeht gut und gern eine halbe Stunde. Ich traue mich nicht, sie in dieser Phase anzusprechen. Kaum ist das erledigt, geht sie in die Teeküche, um ihr mitgebrachtes Obst zu schälen und mundgerecht zu schnipseln. Frau darf nicht hungern. Zurück im Büro kaut sie mir was vor… Ich sehe, wie sie es genießt. Ohne das ginge es nicht. Mann! Mann! Mann! denke ich bei mir und fühle mich regelrecht angewidert. Wo isst sie diese Mengen hin? Meine Kollegin ist von zierlicher Gestalt. Sie wiegt kaum mehr als einen Zentner. Sie ist schon was Besonderes und nicht einfach in ein paar Sätzen zu beschreiben. Allerlei Ängste sitzen ihr im Nacken – ich fühle mich an meine Mutter erinnert, die einem ähnlich übertriebenem Ordnungssinn frönte. Zwänge entstehen und können den Alltag bestimmen. Meine Kollegin sagt, sie habe Angst, es könne im Alter schlimmer damit werden. Gut, dass sie ihre Macken wahrnimmt. So kann sie bewusst gegensteuern. Ich schätze aber, dass unsere Dämonen nicht so leicht zu besiegen sind…
Wenn man jahrelang ein und demselben Menschen im Büro gegenübersitzt, bekommt man Anwandlungen wie in einer Ehe/Partnerschaft: Der Mensch ist im Großen und Ganzen entzaubert – man entdeckt immer mehr Sachen an ihm, die einen abstoßen…* Dabei mag ich meine Kollegin. Ich hätte es schlechter erwischen können. Wie auch immer – die Kollegen/Kolleginnen kann man sich nicht aussuchen. Ich war diesbezüglich meist sehr anpassungsfähig. Wenn ich mir überlege, mit welchen Besen ich damals Nachtdienste (im Altenheim) schieben musste. Aber fast immer fand ich einen Draht zu ihnen, schloss sie sogar nach einer Weile ins Herz. Es war wie mit den schwierigen Alten, zu denen mich die Stationsleitung schickte, weil ihr der Draht fehlte… Privat würde ich mir freilich andere Leute aussuchen. Am liebsten sind mir Menschen, bei denen ich mich fallen lassen kann, in deren Anwesenheit ich mich ohne Maske bewegen kann – nicht ständig überlegen muss, ob ich dies oder jenes sagen kann. Heute Nacht träumte ich von einem alten Freund, wo ich genau diese Leichtigkeit empfand, wenn ich ihn besuchte. Jedenfalls eine Zeit lang. Ob er noch lebt? Er war starker Raucher und hatte damals schon Probleme mit der Lunge… Beim Dokumentieren von Bronchialkarzinomen kommt er mir oft in den Sinn… Mensch Armin, wo steckst du?
Die ersten Sonnenstrahlen durchbrechen die Trübnis. Ich unterbreche meinen morgendlichen Gedankenexkurs. Kann noch was werden aus dem Tag?

*Ich gerate dann in einen regelrechten Gewissenskonflikt: Ich darf solche Gefühle gegenüber meiner Kollegin nicht haben – und fühle mich mies deswegen.

Rückfall

Die erste Woche nach dem Urlaub zurück im Büro überstanden. Alles befand sich noch an seinem Platz. Lediglich eine Pflanze sah merklich mitgenommen aus. Bei meiner Kollegin konnte ich nicht nachfragen, weil die ihren Sommerurlaub antrat, kurz bevor ich zurückkehrte. Das heißt, ich werde noch einige einsame Bürotage vor mir haben. Ab und zu besuchen mich zwar die Hühner, oder ich besuche sie an ihren Wirkungsstätten, aber das ist nicht dasselbe. Ich vermisse meine Kollegin.
Und sonst? Zwei neue Hühner im Sortiment, um die Flut der Tumormeldungen zu bewältigen. Die Panzerschränke sind nach wie vor gestopfte voll. Wir hinken rettungslos mit der Dokumentation hinterher. Aber davon lassen sich die Hühner weitgehend die Laune nicht verderben, und das finde ich gut! Nach meinen von Einsamkeit geprägten Urlaubstagen hörte ich sie gern gackern und lachen.
Die Rückkehr an meinen Arbeitsplatz verlief also ganz passabel.

Alles gut soweit. Aber dann hatte ich einen Liebesrückfall. Ich saß am Computer, fing gerade mit dem Dokumentieren an (Mamma- und Colon-Karzinome), da erwischte mich eine warme Welle Sehnsucht nach ihr. Und ich gab nach. Ich warf meine Bedenken über Bord und kontaktierte sie. Das erste Mal… seit Monaten. Ich glaube, ich schrieb: „Ich habe furchtbar sehr Sehnsucht nach dir.“ Nach ein paar Stunden antwortete sie: „Ich auch.“ Die Kommunikation verlief schleppend, aber schließlich keimte etwas Hoffnung bei mir auf. Vielleicht war es nicht falsch gewesen, der Sehnsucht nachzugeben. Meine Ratio hatte ich in diesem Moment weitgehend ausgeschaltet. Ich vertraute einfach meinen Gefühlen, so wie damals, als ich sie auf Mallorca kennenlernte. Warum auch nicht? Alle Probleme und Hindernisse können sich in der Liebe auflösen, als gäbe es sie nicht. Ich saß nach Feierabend im Biergarten und simste mit ihr, und hinterher fanden wir beide, dass es ein gutes Gespräch war.
Die Enttäuschung folgte auf dem Fuße. Wäre wohl auch zu schön gewesen – sowas wie eine Reunion. An mir lag`s nicht. Als ich nach einem baldigen Treffen fragte, kriegte ich gleich die erste Klatsche. Sie sei zurzeit total in die Arbeit eingespannt…, antwortete sie. Und bald darauf ließ sie durchblicken, dass das gut und wichtig für sie sei, vor allem finanziell, auch gesundheitlich, weil sie seitdem weniger Bier trinkt.
Sie schrieb: „Ich will nur Frieden.“
„Aber ich lasse dich doch in Frieden.“
„Ich meine den Frieden, den ich nur mit dir haben kann.“
Und da schafft sie es nicht, sich ein paar Stunden am Wochenende frei zu machen, um mich zu treffen? Sie liebt mich nicht mehr…, alles ist ihr wichtiger als ich, sie braucht mich nur um des lieben Friedens willen. Rumms! Ich ging (innerlich) in die Knie. Die Tränen schossen mir in die Augen. Was hatte ich mir nur eingebildet!? Wie dumm von mir, der Sehnsucht nachgegeben zu haben.
„Nein“, antwortete ich ihr, „es war ein Fehler, tut mir leid.“
Ich hatte die Deckung einen Moment lang aufgemacht, und schon hatte sich mein Herz eine blutige Nase geholt.

Mein Gedanke heute: Es hätte nie ein nach Mallorca für uns geben dürfen.

Das plötzliche Auftreten des Todes

Es sei für sie ein schrecklicher Gedanke, tot in ihrer Wohnung aufgefunden zu werden, sagte meine Arbeitskollegin, ansonsten habe sie sich ganz gut an das alleine Leben gewöhnt. Betroffenheit wabert durch den Büroraum. Anlass ist der plötzliche Tod des Ex-Mannes einer anderen Kollegin, der wohl zuhause verstarb und erst nach einigen Tagen von seinem Sohn gefunden wurde. Näheres wissen wir (noch) nicht. Diese Kollegin hatte ein gutes Verhältnis zu ihrem Ex, der der Vater ihrer zwei Söhne ist…
So schnell kann`s gehen, dachte ich bei mir und kratzte mich am Hinterkopf. Vielleicht war`s ein Schlaganfall – nicht selten bei nicht mehr ganz jungen Männern. Ich will gar nicht dran denken.
Der Bürotag hatte gerade erst angefangen. Wir plauderten noch ein Wenig über das plötzliche Auftreten des Todes und die möglichen Umstände. Da war z.B. der Mann ihrer Freundin, erzählte meine Arbeitskollegin, der nach einem „Tatort“ auf der Fernsehcouch das Zeitliche segnete. Ihre Freundin war bereits zu Bett gegangen. Irgendwann wunderte sie sich, dass er nicht nachkam und entdeckte ihn.
„Woran starb er?“ fragte ich.
„Herzmuskelentzündung – eine verschleppte Infektion. Typisch Mann war er trotz Beschwerden nicht zum Arzt gegangen.“
„Ja, so kann`s gehen. Was sind denn die Symptome?“
„Allgemeine Niedergeschlagenheit, Antriebsschwäche, Müdigkeit…“
„Oje. Nach diesen Symptomen…“, ich beendete den Satz nicht, blickte auf den Stapel Tumorfälle vor mir und nahm mir den ersten vor.