Samstagnachmittag

Necip, der Wirt der Kupferkanne, gibt nochmal Gas, bevor sich der Sommer langsam aber sicher seinem Ende zuneigt. An den Wochenenden schleppt er den großen Fernseher vor die Tür – die Bundesliga hat begonnen.
Beim Eröffnungsspiel am Freitagabend hatte er alle Hände voll zu tun, erzählte er mir, er kam erst 5 Uhr 30 nach Hause. Ich gönne es ihm, wenn sein Laden brummt. Lange genug musste er wegen der Lockdowns darben.
Ich mag es überschaubar und gemütlich. Gedrängel in und vor der Kneipe ist nicht so meins. Und die Bundesliga interessiert mich auch nur bedingt. Ich meditiere vor meinem Bier, wechsele das ein oder andere Wort mit einem der Gäste, der Bedienung oder den Wirtsleuten, schaue zum TV-Bildschirm, ohne das gezeigte Spiel wirklich wahrzunehmen, betrachte die Szenerie. That`s it.

Bald sind die Haare wieder dran

Ich denke, dass ich nochmal selbst die Haarschneidemaschine bemühe. Ich mochte es noch nie, dass man bei den meisten Frisören einen Termin braucht. Jahrelang ließ ich mir darum bei einem Bahnhofsfrisör (in Heidelberg) die Kopfflusen schneiden. Ich setzte mich an die Bar im Restaurant gegenüber und konnte von dort sehen, wann ich an der Reihe wäre. Schon damals bevorzugte ich eine Kurzhaarfrisur. Es ging ratzfatz, und ich konnte wieder zu meinem Bier zurückkehren.
Ich mag es schnell und unkompliziert. Dasselbe gilt für Arztbesuche, Supermärkte… allgemein das Einkaufen. Ich verbinde solche mir eher lästigen Tätigkeiten normalerweise mit einem Kneipenbesuch. Erst die Arbeit (oder das Unangenehme), dann das Vergnügen. Derzeit fällt leider das Vergnügen bzw. das Angenehme seit Monaten total aus. Ich muss mich zwangsweise zuhause selbstvergnügen.
Okay, nur nicht jammern, wenn es einem im Großen und Ganzen doch gut geht. So wurden wir erzogen. Auch meine Ex-Partnerin war so drauf. Kaum, dass ich mal mein inneres Weh/Leid klagte, hieß es: „Jammere nicht so viel.“ – Als ob ich immer nur am Rumjammern wäre (Oder mache ich das tatsächlich?). Ist ja nicht so, dass ich mich nicht zuhause selbstvergnügen könnte. Jedenfalls, solange ich zwei gesunde Hände habe… und mir das Bier selbst einschenken kann.

In diesem Sinne – Prost!


Es war gestern und ist doch heute (6)

Die Poetentankstelle


Vergeblich suche ich die Leichtigkeit
finde etwas Zerstreuung beim Blättern durch die Lyrik
von Nazim Hikmet
weihnachtlicher Lichter-Schmuck vor der Kneipentür
die Nacht hat sich den Tag gepackt
ich sitze auf einer abgewetzten Holzbank
das Bier griffbereit vor mir

gäbe es doch eine Poetentankstelle für das Auftanken
unserer leeren Köpfe
zu gegebener Zeit
an dem opulenten Arsch der Bedienung kommen meine
Blicke nicht vorbei
ihre Augen sind ständig entzündet, und ihr lächelnder Mund
wie eine Mondsichel –
die Kneipe ein kurzer Schlauch
Geborgenheit

Vergeblich suche ich die Leichtigkeit
Gedanken huschen wie lästige Fruchtfliegen vor meinem
Geist
die Reise vom Heute in das Morgen
ist Unruhe
bin ich der Gast, der auf der verwetzten Holzbank sitzt
das Bierglas ansetzend
die Lyrik von Nazim Hikmet vor Augen
wie den opulenten Arsch der Bedienung?
gäbe es doch eine Poetentankstelle für das Auftanken
unserer leeren Köpfe

zu gegebener Zeit
die fremden Menschen rücken in mein Gefühl
als wären sie Kunstwerke einer liebevoll arrangierten
Ausstellung
Öllampen brennen auf den Kneipentischen
der freie Bauchnabel einer Frau, die sich streckt
die Mutter hebt das Baby aus dem Kinderwagen
und wiegt es an ihrer Brust
das kleine Wesen fasst sich einen Finger
unsere Augen leuchten

Die Nacht, die sich den Tag geholt hat
die Kälte der illuminierten Stadt im Winter
vergeblich suche ich die Leichtigkeit
ich leide unter einem chronischen Katarrh der Seele
gäbe es doch eine Poetentankstelle für das Auftanken
meines leeren Kopfes
zu gegebener Zeit


(18.12.2005)

– der „alte Schluuch“, eine meiner Lieblingskneipen, immer wenn ich nach Basel kam – 

Wer ehrlich ist, lügt

Halb Berlin ist ständig alkoholisiert und/oder unter Drogen, vermute ich, – nicht weil ich von mir ausgehe. Ich schaue mich um und zähle eins und eins zusammen. Eine ganze Indizienkette zeigt sich mir. An jeder Hausecke oder Eingang stehen leere Bier- oder Schnapsflaschen und auf den Gehwegen und Straßen Scherben, so dass ich vom Pub bis nach Hause Slalom fahren muss…
Ein Grund, warum ich trinke: ich bin von der Welt traumatisiert. Nicht von den ganzen Trinkern. Nein. Sondern von denen, die vorgeben, nüchtern zu sein (- dabei das Leben lieben?)… Es ist nämlich keinesfalls so, dass die schlimmen Dinge immer von den Betrunkenen ausgehen. Man muss sich nur mal die Moslems ansehen, die per se nicht saufen dürfen. Ich kann bislang nicht entdecken, dass sie die besseren Mitmenschen sind. Ich meine jetzt nicht die ganzen Clans, Verbrecher und Extremisten – sind das überhaupt Moslems? Nein, ich meine die echten Gläubigen, die sich aber auch in einem fort kloppen. Z.B. im Nahen Osten. Gut, ich muss nicht alles verstehen. Auch darum trinke ich… – jedenfalls lieber, als dass ich an Gott oder sonst was religiös-ideologisches glaube.
Doch lassen wir das. Es hat einen guten Grund, warum man in Kneipen und auf der Arbeit besser nicht über Politik, Religion oder den Zustand der Gesellschaft redet. Das endet nämlich oft im Streit. Und hernach kann man sich nicht mehr leiden. Ist doch klar, dass es Mitmenschen gibt, die so gar nicht meiner Meinung sind. Dem ein oder anderen sehe ich es sofort an. Also, besser Schnauze halten oder blöde lachen. Noch ein Bier bestellen, und alles ist gut. Im Pub ist man mit Korn ganz vorn. Wer an der Theke zum Korn eingeladen wird, gehört dazu. Es gibt Tage, an denen ich mich diskriminiert fühle…
Egal. Ich bin autark und stark. Ich ruhe in mir. Wer offensichtlich Scheiße schwätzt, den klammer ich nicht gleich aus. Mein Herz ist groß. Vielleicht würde ich sogar Erdogan und Trump mögen, wenn wir uns in einer Kneipe träfen. Es käme auf einen Versuch an. Ich kann mir vorstellen, dass sie sehr umgängliche Typen sind, solange man sie beim Blödsinnlabern nicht unterbricht.
Als Sita gestern Nachmittag die Schicht übernahm, hatte ich bereits genug. Schließlich bin ich inzwischen (fast) ein alter Sack. Wenn man einen Menschen mit einer Jeans vergleicht, dann befinde ich mich in dem Übergangsstadium von verwaschen-sexy und ausgebeult-cool hin zu untragbar. Leider kann niemand diesen Verfall aufhalten. Immerhin: Im Gegensatz zu früheren Zeiten, weiß ich inzwischen, wann ich besser gehe. Dauerte lange genug, bis bei mir der Groschen fiel.
Nachdem ich mich von meinen Fans im Pub verabschiedet hatte, machte ich mein Brompton vom Verkehrsschild los, an welches ich es gekettet hatte (andere Möglichkeiten, sein Fahrrad zu sichern, gibt`s dort nicht), und radelte nach Hause… Ich war noch nicht weit gekommen, stand an der Ampel Ecke Potsdamer Straße/Kurfürstenstraße, wo mir der Gedanke kam, den ich im ersten Satz beschrieb. In meinem halbtrunkenen Zustand fand ich ihn erstaunlich gut – er hatte beinahe Erleuchtungscharakter -, und darum nahm ich mir vor, am nächsten Tag (also heute), daraus einen Blog-Beitrag zu entwickeln.
Vielen Dank fürs Lesen.

Viele Alltagssituationen sind schwer in Literatur umzusetzen

Es kommt vor, dass ich beim Bier in der Kneipe sitze und wie aus dem Nichts taucht ein Satz vor meinem geistigen Auge auf. Keine Ahnung woher. Man sinniert im Zigarettendunst vor sich hin, gegenüber das Spirituosenregal…, im Ohr das Gebabbel der anderen Gäste, ohne zuzuhören, – ist also völlig in sich versunken… und plötzlich taucht ein Satz auf, eine Aussage zu irgendwas, ein Furz des Hirns, eine Sternschnuppe, die hinter der Stirn aufblitzt, um sofort wieder zu verblassen, wenn man sie nicht festhält. Früher trug ich darum immer einen Notizblock mit mir rum, heute hat man Smartphone.
Im Folgenden einige dieser Sätze aus den letzten Wochen. Der Titel dieses Beitrags gehört auch dazu. Es geht nicht um die Aneinanderreihung geistiger Glanzleistungen. Dazu fehlt es mir an intellektueller Grundausstattung. Sie sind mehr so was wie Farbsprenkel in Worten.

Warum kann ich mich nicht an meine Zukunft erinnern? (19.02.2019)

Der Spiegel zeigt dir den Teufel. (19.02.2019)

Fußball: Wir schauen zu, wie sich zwanzig Typen den Arsch aus der Hose rennen. (16.02.2019)

Mit dem Schwanz in einer Frau drin zu sein, hat schon was. (16.02.2019)

Gelesen: Angeblich erkennen Frauen die Stärke eines Mannes an seiner Stimme. (05.02.2019)

Die Sehnsucht der Materie nach Geist… (03.02.2019)

Ich glaube an die Quantenphysik. (27.01.2019)

Und wenn es nur ein Irrlicht ist, so ist es doch mein Leben. (25.01.2019)

Frauen sind Gefühlskapitalisten. (18.01.2019)

Wie muss ein Raum beschaffen sein, damit er Bewegung zulässt? (11.01.2019)

Ich meine, Sex sollte nicht in Arbeit ausarten. (06.01.2019)

Ich verstand nie, dass sich Frauen, die wesentlich mehr Ehrgeiz als ich hatten, auf mich einließen. (29.11.2019)

Früher klangen die Stimmen anders. (17.11.2019)

Detlef

Hat der Anteil der Arschlöcher auf der Welt zugenommen? Nein, kann eigentlich nicht sein in solch kurzer Zeit. Die Wahrnehmung liegt wahrscheinlich daran, dass es auf der Welt immer enger zugeht und einem so die Arschlöcher dichter auf den Pelz rücken. Sowieso sind Arschlöcher meist am lautesten. „Hey Mann, Platz mache, Arschloch kommt!“ Ich lernte in meinem Leben nur wenige liebenswerte Arschlöcher kennen. Eines davon entstammt Walter Moers passend betitelten Comic „Das kleine Arschloch“. Auch real begegneten mir vereinzelt Arschlöcher, die die Quadratur des Kreises schafften und sympathisch rüberkamen. Ich nenne sie die „harmlosen Arschlöcher“ *. Eines davon war Detlef. Er fiel mir sogleich auf, als ich meine Stammkneipe betrat. Er hob sich augenscheinlich von den anderen Gästen ab mit seinen Einsneunzig, den dunklen Haaren, der Strähne die ihm ins markante Gesicht fiel. Auf seiner hohen furchigen Stirn prangte eine Narbe, die unterstrich, dass er schon einiges durchlebt hatte. Ich fand, dass er etwas Ähnlichkeit mit Falco hatte, nur sah er viel interessanter aus als dieser österreichische Pop-Fuzzi. Keine Frage, er war ein Frauentyp und hatte trotz seines lasziven Auftretens nie Probleme, eine Dame für die Nacht aufzureißen. Normalerweise mag ich solche Typen nicht, weil sie widerwärtige Arschlöcher sind: arrogant, selbstgefällig und schleimig. Detlef war da ganz anders. Ihn umgab eine gewisse Aura – schwer zu erklären. Er nahm sich nicht ernst. Wir tranken an der Bar, spielten Billard und machten Blödsinn. Ab einem bestimmten Alkoholpegel, konnte er nicht mehr an sich halten und brüllte in den Raum: „Ihr kleinen Arschlöcher!“ Ich wartete schon immer auf diesen Moment. Auf Fremde wirkte er einschüchternd, aber wer ihn kannte, wusste, dass man ein großes Kind vor sich hatte, welches einem niemals an den Kragen gehen würde. Ich mochte ihn und konnte ihm nicht wirklich böse sein, auch wenn sein Verhalten mich dann und wann in Verlegenheit brachte. So rauchte er im vollbesetzten Kino, und es blieb freilich nicht aus, dass er verbal ausfällig wurde. Ich konnte ihn immerhin dazu überreden, das Rauchen zu unterlassen. Meine Freundin und ich hatten ihn mit in den Film „Hanussen“ geschleppt. Keine Ahnung, wie es dazu kam. Wir überlebten es.
Ob Detlef noch lebt? Sein Lebenswandel war selbstzerstörerisch. Nicht immer kam er ohne Blessuren davon. Eines Tages traf ich ihn ziemlich ramponiert in Heidelberg. Er war in einer Disco zusammengeschlagen worden, wegen einer Frau… Mit Frauen flirten kann mitunter gefährlich sein. Wir leben in einer Welt voller Arschlöcher. Detlef wusste es. Niemals würde ich über die Theke einer Kneipe hinweg brüllen: „Ihr seid alle kleine Arschlöcher!“ Nicht mal besoffen. Eher würde ich in die Ecke kotzen. Ich bewunderte diesen besonderen Kerl, diesen enthemmten, kindlichen Hünen mit dem Herz auf dem rechten Fleck.

 

* harmlose oder liebenswerte Arschlöcher sind äußerst selten – gewissermaßen ein Antidot zu den echten ätzenden Arschlöchern

Der Hammer!

Anpfiff 20 Uhr 45. Das Kneipenevent des Tages. Bayern München kickt im Halbfinal-Rückspiel der Champions League gegen Real Madrid. Also haltet bis dahin den Ball flach, Männer, nicht dass ihr bereits vorher breit seid…, heute am 1. Mai.
Die Königlichen im Duell mit den Bayern, deren Tugend auch nicht gerade Bescheidenheit ist. Da sie das erste Spiel vergeigten, sind die Bayern in Zugzwang. Und das nicht in der heimischen Allianz Arena*, sondern im Santiago-Bernabéu-Stadion in Madrid.
Ich denke, dass Ronaldo & Co die Bayern schlagen. Wäre es nicht wunderbar, die betretenen Gesichter von Hoeneß und Rummenigge auf der Tribüne zu sichten? Sind doch arrogante Wichser allesamt… Freilich, dieser Ronaldo hat auch nicht alle Tassen im Schrank, und dazu diese Romika-Fresse – reintreten und wohlfühlen! Trotzdem, er ist ein Original, ein Alien, ein erwachsenes Kind, ein Floh im Bart Gottes, – geradewegs einem Comic entsprungen… Ich könnte mit ihm klarkommen, wenn er mir ein paar Millionen seines Vermögens überließe. Har-har-har.
Ronaldo, du Hengst, ziehe den Bayern die Lederhosen aus! Du schaffst das. Ganz allein! Und danach reißt du dir dein T-Shirt vom Leib und zeigst uns bierbauchigen, degenerierten Säufern in Berlin und sonst wo auf der Welt, wo der Hammer hängt. Jawohl-ja!

Verpasst auf keinen Fall dieses Hammerspiel! Haltet durch.

 

* Scheiße nochmal, wie kann man ein Fußballstadion nur nach einer Versicherung benennen?