Stress ist nicht mein Ding

Zwei Kinofilme starten, die mich reizen: „1917“ ein Kriegsdrama, und „Mach dein Ding“ über Udo Lindenbergs Anfangszeiten. Die Streifen laufen sicher einige Wochen. Schön. Es wird irgendwann passen. Vielleicht schon dieses Wochenende – obwohl ich lieber warte, bis der erste Run vorüber ist.
Auf der Staffelei steht eine Leinwand, die sich langsam mit Farbe füllen soll, aber auch da mache ich mir keinen Stress. Stress war noch nie mein Ding. Am liebsten wäre ich als Pflanze auf die Welt gekommen. Zu einer Zeit, bevor der Mensch die Natur verhunzte. Ich wäre ein kleiner Apfelbaum, der verträumt in der Landschaft stünde…
Es gibt noch zwei mediale Ereignisse, die mich dieses Wochenende reizen: Das Spiel „Deutschland – Kroatien“ in der Hauptrunde der Handball-EM und „Bayern – Hertha“ Fußball Bundeliga Rückrunde. Als Alleinlebender guckt man immer nach ein paar Lichtpunkten im Alltag. Ablenkung halt.
Die Waschmaschine läuft. Mal nicht mit Schmutzwäsche. Ich färbe eine Strickjacke und ein paar T-Shirts um und warte gespannt auf das Ergebnis. Noch eine halbe Stunde.
Strahlend blauer Himmel beim Blick aus dem Fenster. Ich atme das Licht ein.

Parasite

Irgendwer hat über Nacht den Himmel geputzt. Strahlendes Blau statt grauer Wolkensuppe. Die Sonne steht so tief, dass ich nur ihre Reflexionen im Herbstlaub und in den Fenstern sehe. Als ich das Fenster zum Lüften öffne, fröstelt es mich. Ich lasse die kalte Morgenluft in meine Bude, die sich sogleich gen Boden senkt und durch die Räume kriecht. Ich reibe meine nackten Glieder. Bald bin ich wieder am ganzen Körper käsig. Und: alt werde ich. Treffe ich zufällig auf mein Spiegelbild, erschrecke ich… Gestern z.B., als ich in den Potsdamer Platz Arkaden an einer Bar saß und mich im Spirituosenregal spiegelte. Ich legte meine Stirn in Falten, ebenso das Gesicht im Spiegel. Mist! Da ich mir den Tag nicht verderben wollte, lenkte ich meinen Blick auf die TV-Bildschirme an der Wand, auf denen Fußball lief. Bundesligakonferenz. Augsburg – SC Paderborn und Union Berlin – Mainz 05. Ich musste noch etwas Zeit totschlagen bis zum Kinofilm. Eingekauft hatte ich schon. Alles war somit für diesen Tag in Sack und Tüten.

Ehrlich gesagt hatte ich mir etwas mehr von „Parasite“ erwartet. Vielleicht lag es aber auch an meiner Verfassung, dass mir der Film etwas zu lang wurde. Nett gemacht war er jedenfalls und auch gut in Szene gesetzt. Zum einen die Schmarotzer-Familie, die auch bildlich „ganz unten“ bzw. „im Keller“ lebt, zum anderen die Upperclass-Familie in ihrer modernistischen Villa. Durch eine glückliche Fügung des Schicksals gelingt es der Schmarotzer-Familie, sich in der Villa breit zu machen… als Hauslehrer, Kindermädchen, Hausdame und Chauffeur. So weit so gut. Danach kippt die Sozialkomödie zunehmend ins Absurde und gipfelt schließlich in einer blutigen Katastrophe. Streckenweise sehr konfus. Ich kam nicht immer hinterher. Besonders gegen Ende.
Fazit: Viele Menschen müssen ein Leben als Schmarotzer/Parasiten führen, verkriechen und verstecken sich, müssen lügen und betrügen, um auch etwas vom Kuchen abzubekommen. Dabei verkaufen sie sich an die privilegierte Klasse und entwickeln dabei nach und nach einen Widerwillen und Hass gegen jene, bei denen sie sich einnisteten (oder gegen jene, die in ihre Welt einbrechen und ihr relativ gesichertes „Parasiten-Keller-Dasein“ bedrohen).
Meine abschließende Erkenntnis ist, dass sie, Wirtsfamilie und Parasiten, alle gleich bescheuert sind.
Ich halte den Menschen per se für einen Parasiten. Er beutet die Erde bis zum Letzten aus. Er spielt sich als Hausherr in einer „Villa“ auf, die ihm nie gehörte und auch nie gehören wird.

Eine Idee von allem und nichts

Mit Brummschädel aufgestanden. Nein, kein Kater. Ich lag schlicht zu lange in der Koje. Zudem malträtierte ich meinen noch schlaftrunkenen Geist mit einer Mathematikvorlesung (auf YouTube) zur Riemannschen Vermutung. Der Stoff stellte sich als zu heavy heraus. Den Teil über die Primzahlen verfolgte ich noch gespannt. Doch bei der Zetafunktion musste ich passen. Sei`s drum. Wird wohl nichts mit der Million, die ich mit dem Beweis der Riemannschen Vermutung verdienen könnte. Lieber Lotto spielen – dabei dürfte die Wahrscheinlichkeit für mich zu gewinnen größer sein.
Schön, Wochenende, zwei Tage lang rumgammeln. Sieht nicht gerade einladend draußen aus. November-Tristesse. Dann Dreißig Jahre Mauerfall. Seit Tagen spulen sie die Geschichte in den Medien rauf und runter. Heute Abend am Brandenburger Tor großes Spektakel mit Bühnenshow. Nein Danke (auch wenn u.a. Anna Loos auftritt). Würde bei mir sicher einen Brummschädel erzeugen – dann aufgrund anderer Umstände. Mal das Kinoprogramm googeln. Vielleicht läuft noch „Parasite“. Seit über zwei Wochen habe ich diesen Film auf dem Schirm…
Yeah! – läuft noch! Alternativ „Zombieland: Doppelt hält besser“. Somit ein Anhaltspunkt für eine Tätigkeit außerhalb meiner vier Wände. Nur nicht versacken. Scheiße, wie düster es ist. Dazu kalt und klamm.
Lärm im Treppenhaus. Wiedermal ein Umzug. Passiert meist an den Wochenenden. Ein großer weißer Transporter steht in der Hofeinfahrt und wird nach und nach beladen. Viele zupackende Hände. Junge Leute. Studenten, denke ich. Irgendwo in einer Etage über mir zieht jemand aus. Ich bin froh, dass ich Hochparterre wohne und sich somit die Schlepperei in Grenzen halten wird. Weiß nicht, wie lange ich mir die hohe Miete hier noch leisten will.
Meine Gedanken streunen hin und her. Die Waschmaschine läuft. Blues aus dem Internetradio. Die Musik eine Idee lauter… Primzahlen faszinieren mich schon immer. Wen nicht? Sie sind in meinen Augen mehr als nur Zahlen. Sie bilden das Gerüst, an dem alles andere hängt. Dabei tun sie sich auf den ersten Blick gar nicht besonders hervor. Etwas sperrige Zeitgenossen in der Zahlenwelt, wenn man sie eingehender betrachtet. Sehr sympathisch. Gestern im Pub den Feierabend begossen. Wie üblich drei Bier und dabei ein Geo-Magazin durchgeblättert. Die Bilder angeschaut. Der Wirt an seiner Grenze. Hatte zu viel Korn intus. Wenn er gereizt ist, halte ich mich bewusst zurück. Ich kann mir vorstellen, wie er innerlich zu kämpfen hat (– als mitfühlender Alki). Egal. Ich bin an einer Theorie dran, welche das Universum anhand der Primzahlen erklärt. Mehr emotional als gedanklich. Ich will das Dasein erfühlen. Die Magie der Zahlen. Die Welt (er)zählen. Der Kosmos als irres Zahlenkonstrukt. Ich glaube nicht, dass man das Dasein rein intellektuell verstehen kann. Unglaublich aber, wie weit der Intellekt des Menschen in den Wissenschaften und der Mathematik kommt. Unbedingt pflegenswert.
Bleibt die Frage, in welchen Film ich am Nachmittag gehen werde. Ich sollte erstmal „Parasite“ abarbeiten. „Zombieland“ läuft mir nicht davon.

Joker

Sehr düster. Und realistisch. Eine präapokalyptische kranke Gesellschaft, in der sinnlose Gewalt an der Tagesordnung ist. Gotham City könnte jede Metropole sein. Im Mittelpunkt ein psychisch angeschlagener Typ, der sich mit Clown-Jobs über Wasser hält. Die vielen kleinen und großen Demütigungen im Alltag verkraftet er bald nicht mehr. Hinzu kommt, dass er auf der Suche nach seiner Vergangenheit und Herkunft seelisch einbricht. Statt Erlösung und menschliche Wärme erfährt er Abstoßung und Kälte. Nach einem gescheiterten Comedian-Auftritt macht sich sogar sein großes Fernsehidol über ihn lustig. Er verliert seinen Job und fühlt sich von aller Welt betrogen. Schließlich löst er sich von den letzten Refugien, die ihm etwas bedeuteten und lieb waren. Er erstickt seine kranke Mutter mit dem Kopfkissen und erschießt sein Fernsehidol in dessen Show. Draußen wütet der Mob auf den Straßen. Ohnmacht, Wut und Verzweiflung brechen sich zügellos Bahn… Der dämonische „Joker“ ist geboren. Die Verwandlung abgeschlossen. Endlich befreit! Befreit von den Lügen, der Doppelmoral, der Selbstgefälligkeit… Der „Joker“ tanzt auf der Motorhaube eines Polizeiwagens, zieht mit den Fingern seine blutigen Mundwinkel hoch und lacht in die tobende Menge. Besser an den Antichristen glauben als an nichts. Endlich mal einer, der Schluss mit alldem macht. Der „Joker“ ist authentisch und keine Abziehfigur. Dafür wird er verehrt. Eine kranke Gesellschaft hat den passenden (Anti-)Helden gefunden.
Joaqin Phoenix spielt die gebrochene Hauptfigur hervorragend! Besser geht`s kaum. Der Film ist in sich stimmig und konsequent. Passt alles: Kamera, Licht, Maske, Filmmusik. Die Nebenrollen verblassen freilich neben der allgegenwärtigen und dramaturgisch bestens vorgetragenen Katharsis des Hauptprotagonisten.
Ich hatte nicht unbedingt vorgehabt, ins Kino zu gehen. Ich wollte den Nachmittag unter freiem Himmel verbringen. Leider verabschiedete sich die Sonne während meiner Biersitzung im Park, und so entschloss ich mich kurzfristig, die Sitzung ins Kino zu verlagern. Der Film lief im großen Kinosaal. Um mich herum ein Haufen junge Türken und Araber, die Mädels mit Kopftuch… Überhaupt viel Popcorn schmausendes junges Publikum. Ich war bis zum Filmbeginn (nach gefühlt einer Stunde Werbung) nicht sicher, ob ich im richtigen Saal saß. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass dieses pubertäre, kichernde Volk den Grips für diesen Film hatte. Wahrscheinlich gingen die meisten mit falschen Erwartungen in die Vorstellung. Ich machte mir einen Spaß daraus, an Stellen, die wirklich nicht zum Lachen waren, jokermäßig loszulachen – hahaha! Da hat sich sicher die ein oder andere Kopftuchmaus an ihrem Popcorn verschluckt.
Als ich das Kino verließ, war es dunkel. Der Potsdamer Platz, die vielen Menschen, der Verkehr, die Lichter, die riesigen Werbebanner… Ich fühlte mich wie in Gotham City. Man sollte hier auch mal aufräumen, dachte ich bei mir und radelte flugs nach Hause.

Frischer Wind und warme Temperaturen

Sita, eine junge Schweizerin, macht seit zwei Monaten Berlin unsicher. Sie verdingte sich als Bedienung im Pub und hängt dort ab, auch außerhalb ihrer Schicht. Vielleicht will sie sich unentbehrlich machen. Dem Wirt kann`s recht sein, und bei den alten Säcken, also dem Stammpublikum am Tresen, punktet sie mit ihrem frischen Lachen, den strahlenden Augen im hübschen Gesicht. Auch ihr Ausschnitt ist nicht von Pappe. Hinzu kommt ihr exotisches Äußeres – ein paar Kilos weniger, und sie wäre in meinen Augen perfekt. Sie lacht über die blöden Witze der Stammgäste und spricht sie mit Namen an. Auf den Mund gefallen ist sie nicht. Ihre Art sorgt für frischen Wind in der Räucherhöhle.
Was sie wohl nach Berlin trieb, und für wie lange? Ich kam noch nicht dazu, sie zu fragen. Sie möge keinen Schnee, hörte ich sie sagen, ob es hier in Berlin im Winter schneien würde? „Kann schon mal vorkommen“, meinte ich, worauf sie das Gesicht zu einer grauslichen Grimasse verzog.
Schnee ist erstmal keiner in Sicht. Die Temperaturen laden sogar (wir haben Mitte Oktober!) in den Biergarten ein, vorausgesetzt, dass noch einer offen ist. Falls nicht, werde ich mich mit ein paar Dosen Bier in den Park setzen. Im Pub arbeitet Torsten, den ich sehr schätze, aber er ist eben nicht Sita. Sowieso wäre es töricht, bei dieser Wettervorhersage in der Räucherhöhle Maulaffen feilzuhalten. Auch das Kino könnte mich reizen. Mit „Joker“ endlich mal wieder ein Film, der mich sicher nicht enttäuschen wird. Aber der läuft mir nicht weg.
Ich schwanke noch etwas hinsichtlich meiner Wochenend-Unternehmungen. Helles Licht flackert zu mir in die Bude. Ich höre Bluesmusik von meinem Lieblingsbluessender, öffne die Fenster… Das Leben kann leicht sein. Das Leben kann schön sein.

 

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und eine schöne Handschrift hat Sita auch

Die Zukunft steht geschrieben, aber der Film läuft noch

Redford ist inzwischen ein alter Knacker und kann einen solchen authentisch verkörpern, so in dem derzeit laufenden Kinostreifen „Ein Gauner & Gentleman“, einer leicht erzählten Tragikomödie über einen alternden Ganoven, der alleine und mit zwei ebenso nicht mehr ganz jungen Kumpels in feiner Manier Banken ausraubt*. Seine Vita ist eine einzige Aneinanderreihung von Banküberfällen, Knastaufenthalten und Ausbrüchen. Es geht ihm nicht um die Kohle, sagt er, sondern um das Leben. Redford verkörpert die Figur des nimmermüden Ganoven sehr sympathisch. Selbst der Polizist, der ihn jagte, bedauert, als er schließlich von der Bundespolizei gestellt wird. Immer wieder sieht man Nahaufnahmen von seinem furchigen Gesicht und diesen Redford-Augen, etwas milchig zwar, aber sie strahlen immer noch.
Eingewoben in die Ganovenstory eine Liebesgeschichte – der alte Ganove könnte endlich zur Ruhe kommen, einen Hafen, ein Zuhause für seine letzten Lebensjahre an der Seite einer nicht minder alten aber gut erhaltenen Dame mit Pferderanch finden. Doch seine Leidenschaft fürs Bankgeschäft ist stärker, und so wird nichts aus dem Happy End.
Ich dachte nur, mein Gott, wie alt Redford geworden ist. Wie viele Jahre gingen ins Land, seit ich ihn an Paul Newmans Seite in „Der Clou“ bewunderte? Die beiden gehörten zu meinen Lieblingsschauspielern in den Siebziger-Achtzigern. Wobei ich Paul Newman einen Tick mehr mochte. Scheiße, wie lange ist das her! Das Leben lag damals noch vor mir…

 

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Wie komme ich eigentlich hierher? Ich sitze an einem künstlich angelegten Teich unweit des Kinopalastes am Potsdamer Platz. Der Himmel über mir strahlt in astreinem Blau. Verkehrsgetöse im Hintergrund, und doch ist dieses Plätzchen voller Ruhe. Ich blicke sinnierend auf die Wasseroberfläche und die modernistischen Fassaden der umgebenden Gebäude. Ich frage mich, wer in ihnen arbeitet. Wir alle sind Teil eines riesigen Lebewesens, das sich Stadt nennt. Anonym funktionieren wir nebeneinander, arbeiten gemeinsam daran, dass alles weitergeht…

 

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Mir bleibt noch eine Stunde bis zum Filmstart. Ich genieße die Ruhe im Auge des Sturms.

 

*Ich sehe mich als Rentner auch schon Banken überfallen. Fürs Geld und fürs Leben.

 

Jeden Tag eine gute Tat

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Ich wusste es schon immer: Faulenzen ist meine Lieblingsbeschäftigung. Gemach, gemach. Nur keine Hektik. In einer Großstadt wie Berlin der Hektik zu entgehen, ist freilich unmöglich. Aber es gibt ein paar wenige Oasen wie z.B. die Arkaden am Potsdamer Platz. Ohne Probleme fand ich an der Bar im Obergeschoss einen Platz. Kein Menschengewusel und kein Lärm um mich. Auf ein paar TV-Bildschirmen lief Ski-Springen. Ich war zuvor im Reisebüro, um ein paar Sachen wegen meiner Gran Canaria-Reise abzuklären. Die Kinokarte für „Vice – Der zweite Mann“ hatte ich auch schon in der Tasche. War gratis. Eine ältere Dame, die hinter mir in der Reihe stand, hatte auf ihrem Abonnement noch einen Kinobesuch übrig. So richtig kapierte ich`s nicht – ich bedankte mich jedenfalls artig; und die Frau an der Kasse drückte ein Auge zu, weil man diese Karte eigentlich nicht auf jemand anders übertragen konnte. „Jeden Tag eine gute Tat“, meinte sie lächelnd. Langsam wurde mir das ganze peinlich – als ob ich eine gute Tat nötig hätte! Wirke ich inzwischen derart mitleiderregend? Vom Fleisch falle ich jedenfalls nicht. Wahrscheinlich aber hielt mich die ältere Dame einfach für einen netten Herrn, dem sie gern ihr noch offenes Kinoticket vermachte, bevor es verfiel. Dass ich auf meine Mitmenschen einen netten Eindruck mache (vor allem auf die Alten), erlebe ich immer wieder. Was soll ich sagen – gute Erziehung oder so.
Nach zwei Berliner Pils erhob ich mich von meinem Platz an der Bar und schlappte gemütlich Richtung Kino. Ist nicht weit. Ich konnte in aller Ruhe ein paar Getränke einkaufen und endlich das Antibiotikum, das mir der Arzt wegen des grippalen Infekts verschrieben hatte. Offenbar wollte er auf Nummer sicher gehen.
„Vice – Der zweite Mann“ war streckenweise eine hervorragende Satire auf den Scheißhaufen der US-amerikanischen Politikerklasse. Trotzdem blieb bei mir nicht viel hängen von dem Film. Neben mir saßen Popcorn fressende Aliens. Ich kam mir deplatziert vor. Am Ende hatte ich Kopfweh.

So what

Die Waschmaschine läuft. Wie beruhigend. Es ist Wochenende. Sonnig aber kalt. Von wegen Biergarten. Vielleicht am Nachmittag ins Kino gehen. In „Green Book“. Könnte mir gut gefallen. Vorher in den Potsdamer Platz Arkaden einkaufen. Ein paar Dosen Bier für den Film. Habe gerade gelesen, dass sie das Shopping-Center 2019 umbauen wollen. Ich hasse Shopping-Center, aber die Arkaden am Potsdamer Platz fand ich halbwegs erträglich. Was daran liegt, dass es dort selten überlaufen war. Alles noch überschaubar und nicht wie in einem Irrgarten. Luftiger und heller als andere Einkaufscenter. Na gut, dann sollen sie mal umbauen. Als einfacher Konsument bleibt einem sowieso nichts anderes übrig, als sich anzupassen. Wenn ich mir überlege, wie sehr sich die Welt um mich herum im Laufe meines Lebens veränderte. Das meiste in meinen Augen negativ. Und alles menschengemacht. Die Mehrheit wollte es so. Oder es war ihr egal. Wir leben in einer Demokratie. Immerhin. Demokratie und Menschenrechte sind keine Selbstläufer. …ich war nie ein Kämpfer. Ich meine, dass das Leben Kampf genug ist. Einfach am Leben zu sein, ist für mich bereits irrsinnig kraftraubend. Vor allem geistig. Wozu gegen Mächte kämpfen, gegen die man sowieso null Chance hat? Wozu sich mit Armleuchtern streiten, die man niemals überzeugen wird? …kommt mir irgendwie so vor, wie das Hangeln von Therapie zu Therapie bei der unheilvollen Diagnose Krebs. Sie sagen, man könne das Ende dadurch etwas herausschieben. Doch eine Heilung gibt`s nicht wirklich. Jedenfalls bei den aggressiven Tumoren. …ich denke an die Kids, die derzeit freitags die Schule schwänzen, um gegen die Zerstörung der Umwelt zu demonstrieren. Es geht in der Tat um ihre Zukunft. Nicht um die Zukunft der alten Säcke an den Verhandlungstischen. Mein Gott, was für ein unsinniges Theater! Schaut mal genau hin: Die Verbrecher von heute sind die 68er von gestern! And so on. Von Generation zu Generation. Nachhaltig dabei sind lediglich Hinterfotzigkeit und Arschlochwesen. Eine bessere Menschheit kann man nicht einfach aus dem Hut zaubern. Nicht mal unter Drogen. Ich schwänzte sehr häufig die Schule. Wir wollten damals nicht das Weltklima retten. Wir wollten einfach etwas Freiheit. Irgendeine Macht drückte uns in Schablonen, für die wir gar nicht bereit waren. Sollten wir so werden wie unsere Eltern? Und was soll ich sagen? Die meisten von uns sind heute wie ihre Eltern, mehr oder weniger. Sie verloren den geistigen Kampf. Aus Rebellen wurden Spießer erster Güte, angepasst und weichgespült. Alles hat eben seine Zeit. Gemeinhin nennen sie ihre Wandlung „Ich lernte es, Verantwortung zu übernehmen“. Wow! In meinen Augen ist das nichts anderes als Selbstverarschung. Natürlich kann ich argumentativ nicht gegen das Verantwortungs-Argument dieser Arschis anstinken. Ich bin kinderlos, Single und Alkoholiker. Ich sitze in der Falle.

Der Film läuft mir nicht davon

„Intrigo – Tod eines Autors“ wäre einen Kinobesuch wert, denke ich. Ich mag Krimis, die ins Philosophische abdriften. Der Krimiautor Hakan Nesser, der die Vorlage zum Film schrieb, ist bekannt für hintersinnige Krimis. Gelesen habe ich allerdings noch nichts von ihm.
Die Besetzung mit Ben Kingsley, Benno Fürmann, u.a. Veronika Ferres ist ganz ordentlich, und er läuft in Wohnungsnähe am Potsdamer Platz.
Eigentlich wollte ich mir „Bad Times at the Al Royale“ anschauen, aber der läuft nur noch am Abend 22 Uhr 10 – und das ist mir zu spät, zumal der Streifen fast zweieinhalb Stunden geht.
Liegt schon ein paar Jahre zurück, dass ich allein ins Kino ging, meist um die Zeit totzuschlagen. Als ich Anfang des Jahrtausends in Heidelberg mit einem Psychologiestudium begann und mich während des Wintersemesters täglich in der Stadt herumdrücken musste, füllte ich die Nachmittagsstunden des Öfteren mit Kinobesuchen. Leider lief meist Schrott. Nur wenige Filme blieben mir in Erinnerung. Na ja, besser als stundenlang in der Mensa rum zu hocken oder in der Kneipe. Zu öde auf die Dauer. Ich war schon immer ein einsamer Wolf, der gerne alleine herumstreunte. Die vielen Menschen in der Stadt stimmten mich nach einer Weile depressiv. Im Kino dagegen war ich in den Nachmittagsvorstellungen nur mit wenigen anderen im Kinosaal, hatte es warm, ließ mich von dem Schrott, der über die Leinwand flimmerte, berieseln und trank Dosenbier. Am liebsten saß ich in der Nähe der Toiletten. Wenn ich nach dem Film rauskam, war es bereits dunkel, und ich schlappte die Hände tief in den Manteltaschen vergraben durch die Fußgängerzone vorbei am Psychologischen Institut zur Bushaltestelle. Mir war klar, dass so nichts aus dem Studium werden konnte. Mir fehlte es am nötigen Ehrgeiz für eine akademische Laufbahn. Doch damals wollte ich es nochmal wissen…
Mit den Frauen ist es ein ähnliches Dilemma wie mit meinem vergeblichen Herumstudieren: ich lernte einige Herzdamen kennen, aber eine Verbindung fürs Leben wurde nie daraus. Dabei wäre ich verdammt froh, endlich einen bleibenden Heimathafen zu finden in Sachen Liebe. Schließlich wird man nicht jünger. Die Welt wird kälter um mich herum, und ich gleichzeitig schwächer. Meine letzte Beziehung war mit so viel Hoffnung verknüpft – und ich verhob mich dabei gründlich. Aus diesem Tief wieder herauszukommen, ist scheiße schwer. Es gibt Momente, wo ich nicht weiß, ob ich`s nochmal packe.

Gehe ich heute oder morgen ins Kino? Nur kein Stress. Der Film läuft mir nicht davon.